„Vier Währungen: Geld, Zeit, Sinn und Gemeinsinn“
Ein gutes Leben für alle
Man könnte meinen, dass „das gute Leben“ etwas sehr Subjektives ist. „Aber Ergebnisse der Zufriedenheitsforschung zeigen, dass es über die Länder hinweg viele Übereinstimmungen gibt. Neben einer wirtschaftlichen Absicherung geht es dabei insbesondere um soziale Bedürfnisse“, sagt Hans Holzinger (Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg) zum SONNTAG. „Der jährlich erscheinende Weltglücksreport der Vereinten Nationen nennt folgende Dinge: soziale Kontakte, Vertrauen in sich selbst, untereinander und in den Staat, wirtschaftliche Sicherheit, lokale Verortung, Fehlen von Korruption, ein positives Demokratiebild“, zählt Holzinger auf. „Vorne liegen interessanterweise immer die skandinavischen Länder, Österreich belegte zuletzt Platz 14.“
Zutaten für ein gutes Leben
Muss man sich „das gute Leben“ nicht auch leisten können?
HANS HOLZINGER: Wirtschaftliche Not erzeugt Stress und ist einem guten Leben hinderlich. Weniger ungleiche Gesellschaften sind zufriedener und haben auch deutlich weniger soziale Probleme, wie eine britische Studie gezeigt hat. Eine faire Verteilung des Erwirtschafteten ist daher Voraussetzung für das gute Leben für alle. Auch im wirtschaftlich reichen Österreich haben wir Haushalte mit einem zu geringen Einkommen, aber auch solche mit einem für ein ökologisch verträgliches Leben zu hohem Einkommen. Eine große Rolle spielen die Wohnkosten. Menschen mit hohen Einkommen oder Vermögen verfügen mehrheitlich über Wohnungseigentum, jene mit niedrigem Einkommen müssen immer höhere Mieten berappen.
Ein gutes Leben für alle
Kann es „ein gutes Leben“ für alle geben?
Das ist eine zentrale Frage, weil sie darauf hinausläuft, welche Lebens- und Konsumstile für acht oder neun Milliarden Menschen möglich sind, ohne die planetaren Grenzen zu überschreiten. Wir in den wohlhabenden Ländern des Konsumkapitalismus leben ökologisch seit vielen Jahren über unsere Verhältnisse, sozial und kulturell aber unter unseren Möglichkeiten. Ziel der Wirtschaft sowie der Politik müsste es sein, die Grundbedürfnisse wie Zugang zu Lebensmitteln guter Qualität, leistbarem Wohnen, Bildung und Kultur für alle sicher- und die Luxusbedürfnisse hintanzustellen.
„Noch immer überwiegt das Credo, dass wir den Konsum und damit auch das Wirtschaftswachstum ankurbeln müssten..."
Hans Holzinger
Was unser Leben bereichert
Fast ein Glaubenssatz ist die Rede vom notwendigen ständigen „Wirtschaftswachstum“. Gibt es nicht auch andere Bereiche des Lebens, wo wir „wachsen“ können oder sollten?
Noch immer überwiegt das Credo, dass wir den Konsum und damit auch das Wirtschaftswachstum ankurbeln müssten, um Arbeitsplätze zu erhalten oder neu zu schaffen, um die Staatsverschuldung runterzubringen. Das ist ein Problem. Wir brauchen Investitionen in die Energie- und Mobilitätswende. Doch „grünes Wachstum“ geht sich ökologisch nicht aus, weil erneuerbare Energien ebenfalls ressourcenintensiv sind. Sie sind unbedingt nötig, aber zugleich muss der Energieverbrauch drastisch sinken und damit auch unser Konsum, unsere expansive Mobilität. Das Ziel muss sein: Wachstumsunabhängigkeit. Unsere öffentlichen Leistungen müssen wir auch ohne weiteres Wirtschaftswachstum sicherstellen, allein aus dem Grund, dass exponentielles Wachstum rein physisch nicht möglich ist. Zwei Prozent Wachstum bedeuten eine Verdoppelung in 35 Jahren. Und ja, immaterielle Güter wie Gemeinschaft, Bildung, Kultur können weiter wachsen – sie bereichern unser Leben.
Weg von dem "Immer mehr"
Wie werden wir immun gegenüber dem „Immer mehr“?
Das Problem vieler Menschen heute ist nicht mehr die Knappheit, sondern das Überquellen der Dinge, die wir in unseren Häusern und Wohnungen ansammeln – Klamotten, Schuhe, Kinderspielzeug. Aber das Loslassen-Können lässt sich einüben – bei jedem Kauf überlegen: Brauche ich das wirklich? Es gibt natürlich viele Einflüsterungen durch Werbung, die im digitalen Raum noch gezielter auf uns einströmt. Wir wissen im Grunde, dass sich Erlebnisse und Glück nicht kaufen lassen, sondern selbst geschaffen werden müssen. In der Suffizienzforschung gibt es den Satz: „Frei ist nicht, wer möglichst viel hat, sondern wer möglichst wenig braucht.“ Ich romantisiere das nicht und der Kauf von Dingen kann auch das Leben bereichern. Es geht aber um langlebige Dinge, mit denen wir uns befreunden können. Ich nenne immer vier Währungen, die wir für ein gutes Leben brauchen: Geld, Zeit, Sinn und Gemeinsinn. Alle vier müssen fair verteilt sein, dann leben wir in einer guten Gesellschaft.
19. und 20. Juni, Bildungszentrum Sankt Bernhard/Wiener Neustadt:
Das SOL-Symposium (Thema: „Wirtschaft – Wohlstand – Klima“) will Impulse geben, zum Nachdenken und Handeln anregen und Menschen miteinander vernetzen. „SOL“ steht für Solidarität, Ökologie und Lebensstil.