Der Heilige unter der Kirchturm-Stiege
Pfarre ErlöserkirchePastoralassistentin Alexandra Kommer war überrascht, als sie 2024 einen Glassarg unter den Stufen des Kirchturms entdeckte. Ihr erster Gedanke: „Warum ist ein Heiliger bei uns unter den Stufen? Das geht ja mal gar nicht.“ Nach der Entdeckung wurde der Sarg geputzt und in eine Nische links nahe dem Eingang in die Erlöserkirche gestellt und damit für alle, die zu dem heiligen Asklepiades beten wollen, zugänglich gemacht. Doch ob die vermeintliche Reliquie authentisch ist, wird noch geprüft. Vor allem orthodoxe Gläubige würden dem Heiligen immer wieder einen Besuch abstatten, erzählt Kommer.
Der heilige Asklepiades von Antiochien
Viel ist nicht über ihn bekannt. Der heilige Asklepiades war Anfang des 3. Jahrhunderts Bischof von Antiochien – dem heutigen Antakya/Hattay in der Türkei. Weil er unter den Verfolgungen des Kaisers Severus stark zu leiden hatte, wird er als Märtyrer bezeichnet, obwohl er im Jahr 217 eines natürlichen Todes starb. Asklepiades ist ein griechischer Name und kommt von Äskulap, dem Gott der Heilkunde. Der Gedenktag des heiligen Asklepiades ist der 18. Oktober.
„Warum ist ein Heiliger bei uns unter den Stufen?“
Alexandra Kommer
Heiliger Asklepiades: Authentisch oder nicht?
Es ist ein bisschen wie in einem Krimi, als Pastoralassistentin Alexandra Kommer und der Reliquien-Beauftragte der Erzdiözese Wien, Wolfgang Moser, das Plexiglas vor dem Sarg der angeblichen Reliquie entfernen. Moser möchte sich die drei Siegel am Deckel des Sarges sowie auf dem silbernen Gefäß, welches zu Füßen der Wachsfigur des Heiligen liegt, genauer ansehen. Darin befinden sich wahrscheinlich Knochenreste. Öffnen möchte er den Sarg noch nicht.
Was ist eine Reliquie?
Aber was genau ist jetzt eine Reliquie? Wolfgang Moser erklärt das so: „Das Wort Reliquie stammt aus dem Lateinischen, von relinquo, das bedeutet etwas zurücklassen, also etwas hinterlassen, ein Überbleibsel von jemandem. Das kann etwas vom Körper dieser Person selber sein, wie ein Knochenstück oder ein Haar, oder aber es kann etwas sein, womit der Heilige in Berührung gekommen ist. Zum Beispiel ein Kleidungsstück oder ein Tuch. Dann spricht man von Berührungsreliquien.“
„Eine Reliquie wird in der Regel gesiegelt.“
Wolfgang Moser
Der Unterschied zwischen „Echtheit“ und „Authentizität“
„Wie weit eine Reliquie echt ist, kann man naturwissenschaftlich natürlich nicht nachweisen. Es geht auch nicht in erster Linie darum, dass das ein naturwissenschaftlicher Beweis ist, der uns zeigt, dieser Knochen stammt von dem und dem, sondern es geht um die Authentizität. Das heißt, ist diese Reliquie in einer Tradition der Verehrung, die beurkundet wird durch einen Bischof oder durch einen Ordensoberen, der damit bestätigt, dass diese Reliquie von dieser Person stammt – beziehungsweise dass angenommen wird, dass sie von dieser Person stammt – und eine Verehrung aufweist“, erklärt Moser den Unterschied zwischen der „Echtheit“ und der „Authentizität“ einer Reliquie.
Wie erkennt man nun, ob etwas authentisch ist? „Eine Reliquie wird in der Regel gesiegelt. Im besten Fall findet man dazu eine Authentik, also ein geschriebenes Schriftstück, das das belegt. Wenn ich als Reliquien-Beauftragter eine Reliquie bekomme oder etwas bekomme, von dem behauptet wird, dass es eine Reliquie sei, dann schaue ich, ob es gesiegelt ist. Angebracht ist ein Siegel meistens auf der Kapsel oder in dem Gefäß, welches mit einem Band oder einem Draht verschlossen ist, sodass man das nicht mehr herausnehmen könnte. Das kann das Siegel eines Bischofs sein, es kann das Siegel einer vatikanischen Kongregation sein, das kann aber auch das Siegel einer Ordensgemeinschaft sein, die bestätigt, dass dieser Heilige aus ihrer Ordensgemeinschaft stammt“, so Moser.
Öffnung des Sarges: heiliger Asklepiades
Zur Prüfung der Authentizität der Reliquie müsse der Sarg geöffnet und das Siegel sowohl am Sarg als auch am Gefäß geprüft werden, erklärt Moser. Im Gefäß könnte sich ein sogenanntes Cedule befinden. Das ist ein Zettelchen, auf dem steht, ob die Reliquie „ex corpore (vom Körper) oder ex ossibus (von den Knochen)“ stammt. Weiters müsse überprüft werden, ob im Sarg nur eine Wachsfigur liegt oder ob in der Wachsfigur auch „ein Knochenstück, ein Haar oder auch etwas vom Körper“ des Heiligen eingearbeitet ist.
Dazu möchte der Reliquien-Beauftragte in einem nächsten Schritt den Sarg gemeinsam mit einem Vertreter des Referats für Kunst und Denkmalpflege öffnen. Wolfgang Moser freut sich auf diese Aufgabe: „Ich als Reliquienbeauftrager habe die Aufgabe und die Freude und Ehre, solche Siegel zu brechen, denn das bedeutet, ich kann es nachher mit dem Siegel des Bischofs wieder versiegeln und damit ist die Kontinuität der Authentizität gewährt. Ich würde sehr gerne natürlich jemanden aus der Pfarre dabeihaben und jemanden vom Referat für Kunst und Denkmalpflege, um zu schauen, aus welcher Zeit der Sarg und sein Inhalt stammen und in welchem Zustand sie sich befinden.“