Tradition in der Kletterhalle
Hirtenhund
Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“ Mit diesem berühmten Satz hebt ein zentrales Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils an: Gaudium et spes. Darin hat die Kirche ihr Verhältnis zur Welt neu bestimmt und mit erfrischender Zuversicht den Eigenwert der Welt eingeräumt. Auch der Glaube profitiere von diesem aufrechten Gang, indem er durch das Feuer der Aufklärung „von einem magischen Weltverständnis und von noch vorhandenen abergläubischen Elementen“ befreit werde.
Glaube wird Privatsache
Heute scheint von diesem Aufbruchsgeist bei unseren professionellen Glaubenshütern nicht mehr viel übrig zu sein. So moniert ein neues Dokument aus dem Dikasterium für die Glaubenslehre, dass die Weitergabe des Glaubens heute empfindlich gestört sei. Das Dokument ist ein einziges großes Lamento weltweiter Bischofskonferenzen, dass „der Glaube“ oder auch „der Sinn der Kirchenzugehörigkeit“ nicht mehr „selbstverständlich“ sei und auch die Taufe nicht mehr „automatisch zu einem reifen (...) Glauben führt“. Religion werde „zunehmend privatisiert“ und aus dem öffentlichen Raum zurückgedrängt, geben darin die österreichischen Bischöfe zu bedenken. Überhaupt gebe es eine Überhöhung der „Souveränität des Ichs“, das – pfuigack – sich erdreistete, „autonom und frei zu sein“ und „jeden Aspekt der eigenen Existenz zu gestalten“.
Will Glaube nicht in die Weite führen?
Was ist passiert auf dem Weg vom Konzil ins Jahr 2026? Woher rührt diese elende Jammerei, dieser Defaitismus? Und was ist damit gewonnen? Geht es tatsächlich darum, den Glauben um der Kirche willen weiterzugeben? Will Glaube nicht in die Weite führen, zur Freiheit befreien? Es gab einmal dieses zarte Pflänzchen der Hoffnung, den Glauben als Akt der Emanzipation zu verstehen. Stattdessen wird heute wieder gesumst, die böse Säkularisierung, die Individualisierung, die Privatisierung verdrehe den Schäfchen das wollige Köpfchen.
Glaube, Kirchen und Kletterhallen
Bitte mich nicht falsch zu verstehen: Ich bin ein Freund von Tradition und kirchlicher Gemeinschaft. Beides sind aber nicht vom Himmel gefallene, geronnene Partikel des Ewigen. Sie müssen sich in einem komplexen Prozess von Aneignung und Reform im Leben der Menschen heute bewähren; und am Ende gehen, wenn’s gut geht, beide Seiten daraus verwandelt hervor. Wo diese Übersetzung nicht gelingt, bleiben Kirchen leer, werden zu Kletterhallen – oder zu Zoohandlungen: In Trier hat ein Mann kürzlich 500 Grillen im Dom ausgesetzt, die dort für „ein lautes Zirp-Konzert“ gesorgt haben.