Bis dass die Zensur uns scheidet

„Spiegel“ im Theater Spielraum
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Eine Hochzeit als Tarnung gegen die Zensur: Leyla (Anna Zöch) und Joel (Paul Graf) laden ihre Gäste zur vermeintlichen Feierlichkeit.
Eine Hochzeit als Tarnung gegen die Zensur: Leyla (Anna Zöch) und Joel (Paul Graf) laden ihre Gäste zur vermeintlichen Feierlichkeit. ©Barbara Pálffy

Seifenblasen, laute Musik, eine Candy Bar vor dem Eingang: Ehe man sich versieht, scheint man bei „Spiegel“ im Theater Spielraum nicht Zuschauer, sondern Gast einer Hochzeitsgesellschaft zu sein. An die Stelle der Eintrittskarte tritt eine Einladung zur Hochzeit von „Leyla & Joel“. Wer sich als geladener Gast fühlt, ist längst mehr: Mitwisser einer Aufführung, die die Zensur nie genehmigt hätte.

In Sam Holcrofts Stück, 2023 am Londoner Almeida Theatre uraufgeführt, muss in einem totalitären Staat jedes Kunstwerk von der Zensurbehörde genehmigt werden. Eine Widerstandsgruppe führt ein verbotenes Stück auf und tarnt es als Hochzeit. Holcroft wollte dem Publikum laut Programmheft „einen kleinen Vorgeschmack darauf geben, wie es sein könnte, ein verbotenes Stück in einem autoritären Regime zu besuchen.“ In der Inszenierung von Gerhard Werdeker beginnt dieser Vorgeschmack schon an der Tür: Der vermeintliche Trauzeuge begrüßt die Gäste und bittet zum Gruppenfoto. Alle lächeln in die hölzerne Kamera-Attrappe. Als das Brautpaar einzieht, erhebt sich das Publikum, das als „Gäste, Freunde und Familie" angesprochen wird. Samuel Schwarzmann hat sich wie alle anderen mit einer Einladung ins Publikum gesetzt und stürmt plötzlich hinaus. Die Tür knallt. Die Zeremonie wird unterbrochen, und wer eben noch aufgestanden ist und gelächelt hat, merkt spätestens jetzt: In diesem Stück bleibt nichts, wie es scheint. 

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1984 als Handbuch der Zensur

Wer „1984" gesehen hat, erkennt vieles wieder: das „Erinnerungsloch", in dem verschwindet, was dem Regime nicht passt, und Orwells Roman selbst, der nun als Broschüre über verbotene Sprache dient. Doch die Mittel der Macht sind andere. In „1984" schüchterten blaues Licht und neongrüne Parolen ein, hier ist der Raum hell und fast behördlich sauber: ein Tisch, Stühle, weiße Kisten, die sich rasch wegräumen lassen – wie es eben für ein geheimes Stück sein muss. Ein weißer Schal und zwei rote Herzen im Hintergrund bleiben den ganzen Abend über sichtbar, auch wenn die Szenen längst nichts mehr mit einer Feier zu tun haben. Die Hochzeitsdeko ist das Alibi der Widerstandsgruppe. Der Beweis, dass hier nur gefeiert wird. Wer jederzeit mit der Geheimpolizei rechnen muss, bleibt in Alarmbereitschaft.

Ein Stück, das niemand sehen soll

Im Mittelpunkt des verbotenen Stücks steht der junge Autor Adem (Paul Graf), der mit seinem Werk unbequeme Wahrheiten ans Licht bringen möchte. Der Kulturbeamte Čelik (Paul Wiborny) soll entscheiden, ob dieses Theaterspiel aufgeführt werden darf. Dazu kommen Bax (Adrian Stowasser), ein Autor, der dem Regime dient, und die Büromitarbeiterin Mei (Anna Zöch), die anfangs tut, was man ihr sagt. Immer wieder springt das Stück zurück zur Hochzeit, die alles tarnt. Wer hier wirklich wer ist, wird erst zum Schluss klar. Mehr sei nicht verraten.

Wo die Zensur kein Theater ist

Die Behörde, die hier über Kunst richtet, musste Holcroft nicht erfinden. Sie hat sie in Beirut kennengelernt, wo Theatertexte den Weg über das Kulturministerium nehmen, bevor sie auf eine Bühne dürfen. „Spiegel", im Original „A Mirror", ist inspiriert von einem libanesischen Autor, der besondere Courage bewies: Lucien Bourjeily verfasste ein Stück über die Zensoren und legte es ihnen selbst zur Prüfung vor. Die Antwort kam prompt, das Stück wurde verboten, sein Pass beschlagnahmt. Ein Mut, den sie selbst wohl nicht aufbrächte, schreibt Holcroft darüber. Was in Wien ein Spiel bleibt, bei dem man am Ende aufsteht und applaudiert, kann Autoren anderswo die Freiheit kosten. 

Das Gegenteil von Zensur

„Kunst zeigt einem nicht nur, was ist, sondern auch, was sein könnte“,

heißt es im Stück. Genau das macht sie für Regime gefährlich. Holcroft und das Theater Spielraum machen daraus kluges Theater, das nie belehrt: Man kommt zu einer Feier, die es nicht gibt, sieht ein Stück, das es nicht geben darf, und applaudiert am Ende auch dafür, dass man es sehen durfte. Eine Einladung, die man nicht ausschlagen sollte.

Autor:
  • Sita Goldrian
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