1984 - Der Feind heißt Orwell

1984 im Theater Spielraum
Ausgabe Nr. 41
  • Kunst und Kultur
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 Der Protagonist von 1984 - Winston Smith - schreibt sitzt auf dem Tisch und schreibt in sein Tagebuch. Die anderen Bewohner des Staates Ozeanien beobachten ihn.
1984 - Winston Smith wagt, was in George Orwells fiktivem Überwachungsstaat Ozeanien verboten ist: selbst zu denken. ©Barbara Pálffy

Mit einem klugen Kniff bringt das Theater Spielraum George Orwells Klassiker 1984 knapp zwei Jahre nach der Premiere erneut auf die Bühne – beklemmend und fesselnd zugleich.

„Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“ Dieses Prinzip bestimmt in George Orwells 1949 erschienenem Roman „1984“ den Alltag im Überwachungsstaat Ozeanien. Protagonist Winston Smith (Samuel Schwarzmann) schreibt im sogenannten Ministerium für Wahrheit die Geschichte so um, dass sie zur Gegenwart passt. In der Inszenierung von Nicole Metzger gewinnt diese Praxis eine neue Bedeutung – denn sie trifft nun den Autor selbst.

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George Orwell als Feindbild: 1984 neu gedacht

Anstelle des fiktiven Staatsfeindes Goldstein, dem im Roman der tägliche Hass gilt, tritt George Orwell (1903–1950) höchstpersönlich. „1984“ wird zum verbotenen Buch der Widerstandsbewegung. Mit dieser Wendung erhält der Klassiker eine Schärfe, mit der man nicht rechnet: Der, der einst vor Totalitarismus warnte, wird im fiktiven Staat zum Sündenbock umgedeutet.

Fünf Stimmen, ein reduziertes Bühnenbild

Die 90-minütige Inszenierung erzählt den Klassiker nicht einfach nach. Ein fünfköpfiges Ensemble gibt dem Publikum Einblick in die Mechanismen des Staates Ozeanien und in die Gedanken seiner Bewohner. Der Raum selbst wirkt karg: einige Tische, schwarz-weiße Flächen, blaues Licht. Immer wieder scheinen neongrüne Slogans auf die Zuschauer zuzufliegen, allen voran:

„Big Brother is watching you.“

Umso stärker wirken die Figuren: Winstons Geliebte Julia (Julia Handle) tritt mit erfrischendem Optimismus und der Hoffnung auf bessere Zeiten auf, Parteifunktionär O’Brien (Peter Pausz) zerstört dieses Wunschdenken. Mit lauter Stimme und eindringlichem Blick wendet er sich an das Publikum: Der eigentliche Krieg werde gegen das eigene Volk geführt. Er selbst sieht sich als „Priester der Macht“, und diese Macht zermürbt Winston Stück für Stück. Rasch zieht die Geschichte einen in ihren Bann, und zunehmend drängt sich die Frage auf: Was bleibt dem Menschen, wenn ihm die Freiheit des eigenen Denkens geraubt wird?

Ein Theaterabend, der nachwirkt

Das Ende bietet keine Antwort. Auf einer weißen Fläche erscheint die Frage: 2 + 2 = ? – die Rechnung, mit der O’Brien Winstons Verstand bricht. Kurz darauf mahnt Orwell selbst aus dem Off:

„Don’t let it happen. It depends on you.“

Ein Stück, das niemanden beruhigt entlässt: Auf Bravo-Rufe und lautstarken Applaus folgen im Saal rege Diskussionen. Wer danach die Westbahnstraße entlanggeht, liest an der Tür eines Optikers in großen roten Ziffern: 1 + 1 = 3. Ein Zufall, doch nach einem so dichten Theaterabend einer, über den man unweigerlich stolpert.

Autor:
  • Sita Goldrian
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