Tag des Arbeitskampfs
Meinung
Als etablierter Nationalfeiertag mag der erste Mai für viele Menschen mit einer gewissen Routine einhergehen, die zwischen Freizeitgestaltung und organisierter Feierlichkeit rangiert. Gemeinhin gilt „Arbeit“ als jene Quelle, aus der sich Lebensstandard und Reichtum speisen. Der Wohlstand der Nationen muss erarbeitet werden. „Arbeit“ ist wichtig, und es leuchtet deshalb unmittelbar ein, ihr auch einen Feiertag zu widmen. Dabei können heute leicht zwei Dinge aus dem Blick geraten.
Arbeit reduziert sich nicht auf Erwerbsarbeit
Erstens reduziert sich „Arbeit“ bekanntlich ebenso wenig auf Erwerbsarbeit, wie sich „Wohlstand“ nicht auf materielle Güter und Geld beschränkt, sondern sich auch in gelingenden Sozialbeziehungen, in Muße und als Zeitwohlstand ausbuchstabiert. Wenn heute von Lohnarbeitenden und ihren Interessenvertretungen etwa eine Arbeitszeitverkürzung gefordert wird, so hat das mit der Verbesserung der individuellen Wohlständigkeit der breiten Masse an abhängig Beschäftigten zu tun.
Harter Kampf um Arbeiterrechte
Zweitens ist der erste Mai der Tag der Erwerbstätigen und damit Tag der Arbeiterbewegung. Viele Rechte der Lohnarbeitenden und sozialstaatliche Ansprüche waren keine Gefälligkeiten, sondern mussten durch die Arbeiterbewegung erkämpft werden. Wenn Papst Johannes Paul II. 1981 in „Laborem exercens“ richtigerweise betont, dass der Primat des Menschen im Produktionsprozess – der „Primat des Menschen gegenüber den Dingen“ – zu unterstreichen und herauszustellen sei, so war und ist es die Aufgabe der Arbeiterbewegung, genau diese Humanisierung einzufordern und zu erstreiten. Der Wohlstand einer Gesellschaft ist deshalb nicht nur Ergebnis von Erwerbsarbeit, sondern auch eine historische Errungenschaft ihres Arbeitskampfes.
Der Arbeitskampf heute
Arbeitskampf bedeutet daher nicht einfach nur, die Situation der Lohnarbeitenden zu verbessern. Nein, er steht dafür, den Inhalt und Stellenwert von „Lohnarbeit“ ständig neu zu verhandeln und damit auch die Idee eines guten Lebens zu gestalten. Das ist keine abgeschlossene Aufgabe. Daran erinnert der erste Mai!
Der Kommentar drückt seine persönliche Meinung aus!
Zur Person
Sebastian Thieme (48) ist Wissenschaftlicher Referent der ksoe, der Katholischen Sozialakademie Österreichs.