Arbeit: Würde statt Verschleiß
Zum „Tag der Arbeit“ am 1. MaiAufgewachsen in der Stadt Haag in Niederösterreich, erlernte Hubert Gratzer mit 14 Jahren das Schlosserhandwerk. Sein älterer Bruder, auch Schlosser, war zu dieser Zeit bereits Sekretär der Katholischen Arbeiterjugend in Niederösterreich. „Durch meinen Bruder bin ich schließlich zur Katholischen Arbeiterjugend gekommen“, erzählt Hubert Gratzer dem SONNTAG. Der 63-Jährige arbeitete später als Betriebsrat und als Jugendsekretär der Katholischen Arbeiterjugend. 1997 übernahm er die Leitung in der Erwachsenenarbeit der Betriebsseelsorge Linz-Mitte und den Aufbau des Lehrlingszentrums ZOOM. Zuletzt wirkte er als Betriebsseelsorger in der Diözese Linz im Bereich „Mensch&Arbeit“.
Um die Menschen in der Arbeit kümmern
Was kann man sich unter einem Betriebsseelsorger, einer Betriebsseelsorgerin vorstellen?
HUBERT GRATZER: Betriebsseelsorger kümmern sich speziell um den Menschen in der Arbeitswelt: um sein Glück, seine Zufriedenheit, seine Entwicklungsmöglichkeiten. Und auch darum, wie die Arbeitsplätze beschaffen sind, wie die Organisationen, die sich mit dem Thema Arbeitswelt beschäftigen, arbeiten, um mit ihnen zusammenzuarbeiten. Es geht auch darum, Leute am Arbeitsplatz zu besuchen. Wir haben in Linz eine Gemeinde gegründet, ein Betriebsseelsorgezentrum: „Treffpunkt Mensch&Arbeit“ haben wir das genannt. Die Leute können sich hier treffen, Runden organisieren, Bildungsveranstaltungen besuchen.
Der Stellenwert der Arbeit
Welchen Stellenwert hat heutzutage die „klassische“ Arbeit?
Das ist ein großes Spannungsfeld. De facto haben wir noch nie so viele Arbeitskräfte gehabt wie jetzt. Und gleichzeitig ist das Definieren des eigenen Lebens über die Arbeit geringer geworden. Das war früher einmal stärker. Die Menschen beschäftigen sich nicht mehr so stark mit dem, was sie in der Arbeit erleben, sondern sie versuchen in der Freizeit einen Ausgleich, ein geglücktes Leben zu haben. Nicht bei allen, aber bei vielen ist das so.
Arbeitsrechte sind nicht selbstverständlich
Sie haben auch eine große Leidenschaft für Arbeiterinnen- und Arbeiterlieder. Was dürfen wir uns darunter konkret vorstellen?
Ich habe als Lehrling in der Katholischen Arbeiterjugend kennengelernt, dass es eine Arbeitergeschichte gibt, eine spezielle Zeit ab der Industrialisierung. Da hat sich das Handwerk erweitert um Industriebetriebe, um Hilfsarbeit und um ganz große, herausfordernde oder auch ausbeuterische Arbeitswelten. Und in dieser Zeit ist die Arbeiterbewegung entstanden und hat eine Kultur entwickelt, um ihre Rechte zu sichern, um Kinderarbeit zu verhindern, um Arbeitszeiten zu regulieren, um den Aspekt Gesundheit und soziale Netzwerke auszubauen bei Krankheit oder bei Arbeitslosigkeit. Ich habe hier kennengelernt, dass unsere heutigen Arbeitsrechte nicht selbstverständlich sind. Die Lieder sind für mich ein sehr emotionaler Teil meiner Geschichte als Betriebsseelsorger.
„Brot und Rosen: gerechter Lohn und menschenwürdige Lebensumgebung.“
"Brot und Rosen"
Können Sie ein konkretes Lied nennen?
„Brot und Rosen“: Dieses Lied entstand in den Vereinigten Staaten und wurde 1912 in Massachusetts bei einem Textilarbeiterinnenstreik von 20.000 Frauen als Parole bekannt. Sie haben gestreikt für „Brot und Rosen“, also für einen gerechten Lohn und auch für eine menschenwürdige Lebensumgebung. Das Gedicht wurde später vertont und seitdem immer wieder gesungen – bis heute.
Anliegen der KABÖ für die Arbeiter und Arbeiterinnen
Welche sind die vordringlichsten Anliegen der Katholischen Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerbewegung Österreichs?
Grundlegend ist die Tradition, dass der Mensch mit seiner Arbeit eine Stimme erhält, dass seine Meinung ganz wichtig ist und dass wir lernen, miteinander auszukommen. Auf Bundesebene stellen wir uns aktuellen gesellschaftlichen Fragen, etwa der Transformation. Hier wird es entscheidend sein, wie dieser Umbau der Gesellschaft durch die künstliche Intelligenz, mit der Globalisierung, mit der Herausforderung der Ökologie sozial und ökologisch verträglich gelingen kann, sodass unsere Kinder und unsere Enkelkinder auch noch eine Zukunft haben auf dieser Erde. Zum einen braucht es eine Gesellschaft, die die Arbeit in den Mittelpunkt stellt, und zum anderen eine Gesellschaft, die die Arbeit so sieht, dass es in Zukunft noch Lebensmöglichkeiten gibt auf diesem Planeten.
Gute Arbeit in der katholischen Soziallehre
Wie sieht die katholische Soziallehre das Thema „gute Arbeit“?
Erstens soll die Arbeit die Existenz absichern, sodass man sich das Leben auch leisten kann. Zweitens hat Arbeit eine soziale Dimension. Man trifft Menschen, man ist mit Menschen in Kontakt und das ist lebenswichtig für Menschen. Gute Arbeit schafft soziale Kontakte und soziale Eingebundenheit in Gemeinschaften. Drittens kann ich meine Talente zum Vorschein bringen, ich kann meine Talente in diese Welt einbringen, sodass ich herausgefordert bin in einem positiven Sinn. Viertens ist Arbeit immer eine Herausforderung und auch ein Kampf um Verteilung: Wer bekommt welchen Anteil am Kuchen und wie wird das alles in der Gesellschaft definiert? Sodass man einfach auch schaut, dass alle Platz haben. Und fünftens verweise ich auf die religiöse Dimension: Dass meine Arbeit, die ich tue, mir sinnvoll für diese Welt und für mich vorkommt, dass ich einen Beitrag leiste für die Gemeinschaft und dass es auch in meinem religiösen Verständnis etwas Sinnvolles ist. Wir müssen aber auch vermehrt die Arbeit sehen, die nicht unter klassische Lohnarbeit fällt: Freiwilligen-Arbeit, aber auch die Hausarbeit, die Care-Arbeit, die meist von Frauen geleistet wird. Da braucht es einen Ausgleich in der Absicherung und in der gemeinsamen Obsorge. Diese Diskussion müssen wir heute noch mehr führen.
Ende Februar waren in Österreich 436.000 Personen arbeitslos oder befanden sich in Schulung. Was bedeutet dies für die betroffenen Menschen?
Es ist dies eine sehr dramatische Situation, besonders für Langzeitarbeitslose. Je länger man arbeitslos ist und von niemandem gebraucht wird, umso frustrierter wird man und umso weniger hat man Vertrauen in die Gesellschaft. Dass die gut ist oder dass sie einem auch etwas gibt. Es ist so schwierig, langzeitarbeitslose Menschen wieder zurückzubekommen in den Arbeitsprozess – mit ihrer persönlichen Erfahrung des Alleingelassenwerdens.
Braucht es einen neuen Sozialhirtenbrief?
Vor mittlerweile 36 Jahren, am 15. Mai 1990, erschien der bislang letzte Sozialhirtenbrief der österreichischen Bischöfe. Ist dieser Hirtenbrief heute noch aktuell oder braucht es ein Fortschreiben beziehungsweise braucht es überhaupt einen neuen Sozialhirtenbrief aufgrund der neuen drängenden Themen? Eine gewisse Fortschreibung gab es später mit dem ökumenischen „Sozialwort“ der christlichen Kirchen Österreichs. Mittlerweile sind aber viele neue Herausforderungen dazugekommen. Brauchen wir also angesichts dieser neuen Herausforderungen einen Sozialhirtenbrief?
Meiner Meinung nach ja. Wobei durchaus vorstellbar ist, nämlich synodal gedacht, dass Laien, Vereinigungen oder Einrichtungen wie etwa die KABÖ gemeinsam mit den Bischöfen einen solchen Text erstellen. Das wäre wahrscheinlich das beste Beispiel für Synodalität. Diese Synodalität, die jetzt begonnen hat, in Deutschland viel stärker noch als in Österreich, ist eine Entwicklung, die die Kirche auf breitere Füße stellt und die Lebenswelt der Menschen verändert. Ich glaube, dass die KABÖ da eine starke Stimme sein kann.
„Jeder Arbeiter, jede Arbeiterin ist mehr wert als alles Gold der Erde.“
Die Katholische Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerbewegung
Warum soll man Mitglied der Katholischen Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerbewegung sein oder werden?
Da fallen mir mehrere Gründe ein. Wir brauchen immer wieder Leute, die die Wertschätzung anderen Arbeitnehmern gegenüber weitertragen und sich selbst auch wertschätzen an ihrem Arbeitsplatz. Außerdem sollen wir im Sinne von Kardinal Joseph Cardijn (1882–1967), dem Begründer der internationalen Christlichen Arbeiterjugend, mitgestalten am Arbeitsplatz. Seinen Satz, dass jeder junge Arbeiter und jede junge Arbeiterin mehr wert ist als alles Gold der Erde, weil er oder sie Sohn oder Tochter Gottes ist, hat die KABÖ auf die Erwachsenen hin erweitert. Und als Christen sollen wir auch kompromisslos für Frieden eintreten.
Zur Person
Hubert Gratzer ist Bundesvorsitzender der Katholischen Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerbewegung Österreichs.
Radiotipp
Das ganze Interview mit Hubert Gratzer hören Sie am 29. April um 19:00 Uhr in der Reihe „Perspektiven“ auf ▶ radioklassik.at