Streitfall Piusbrüder
Bischofsweihen als Schritte ins Abseits
Mit dem pointierten Buchtitel „Ausverkauf des Konzils“ deutet der Wiener Dogmatikprofessor Jan-Heiner Tück unmissverständlich den eigentlichen Streitpunkt zwischen der Priesterbruderschaft Sankt Pius X. und der katholischen Kirche an: nämlich die Interpretation des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965). So behaupten etwa die Piusbrüder allen Ernstes, dass dieses Konzil mit seinen Reformen und Erneuerungen im Bereich der Liturgie, der Ökumene, des interreligiösen Dialogs und der Religionsfreiheit gleichsam so etwas wie einen Ausverkauf der Tradition betrieben habe.
Die Piusbrüder und das Zweite Vatikanum
Und das Konzil habe auch mit der Lehrtradition so mancher Päpste schlicht gebrochen. Manche Sympathisanten der Piusbrüder schwächen dann auch noch so manche Aussagen des Zweiten Vatikanums ab, indem sie charmant von einem „Pastoralkonzil“ sprechen, das einen pastoralen Lehrstil verwendet und keine Dogmen verkündet habe. Damit könnte man vereinfacht gesagt bei manchen dieser strittigen Themen gegenüber den Piusbrüdern doch nachsichtiger und netter sein. Dies wäre dann allerdings tatsächlich ein „Ausverkauf des Konzils“. Schließlich hat Papst Leo XIV. zu Beginn des Jahres 2026 dieses Zweite Vatikanische Konzil als „Leitstern“ für den Weg der Kirche bezeichnet. Tück erinnert in seinem Buch an den Weg der Priesterbruderschaft, die seit Beginn der 1970er-Jahre für Konflikte sorgt.
Der Vatikan baut ständig Brücken, doch die Piusbrüder weigern sich, über diese Brücken zu gehen.
Piusbrüder weigern sich die Brücken zu gehen
Er porträtiert den Gründer, den französischen Erzbischof Marcel Lefebvre (1905–1991), und Tück zeigt auch die Herausforderungen, mit denen die Päpste seit Paul VI. in dieser Causa zu tun hatten. Besonders lehrreich sind die „Streitsachen“, also die Konzilsinhalte, um die es in Wahrheit geht. Jan-Heiner Tück nutzt nun diese Themen, um die Erneuerung durch das Konzil wieder neu ins Bewusstsein der Kirche zu rücken. Und er beschreibt den möglichen Weg ins Schisma, sollten am 1. Juli diese Bischofsweihen ohne päpstliche Erlaubnis erfolgen. Das nüchterne Fazit des Buches: Der Vatikan baut ständig Brücken, doch die Piusbrüder weigern sich, über diese Brücken zu gehen.
Piusbrüder: Ungehorsam seit den 1970er-Jahren
Der Untertitel des Buches „Die Piusbrüder“ von Philipp von Studnitz ist schlicht falsch. Denn er lautet: „Wie die konservativste Gemeinschaft des Christentums tickt“. Die Piusbrüder sind nicht konservativ, sie sind traditionalistisch. Konservativ, also „bewahrend“ im guten Sinn des Wortes, ist die römisch-katholische Kirche. Wichtigstes Merkmal der Priesterbruderschaft Sankt Pius X.: Sie feiert die Messe nach dem Messbuch von 1962, auch „tridentinische Messe“ genannt. Bezeichnend ist, dass diese Priester „die Messe lesen“ und diese Messen von Gläubigen „besucht“ werden. Aber es geht längst nicht mehr nur um die „alte Messe“. Der Autor, nach seinen eigenen Worten der Priesterbruderschaft „inhaltlich verbunden“, schreibt: „Die Piusbruderschaft will die liturgische Frage in ihren Verhandlungen mit dem Vatikan über ihre Regulierung inzwischen mit der Forderung einer grundsätzlichen Revision einiger Konstitutionen des II. Vatikanums verbunden wissen.“
„Die Bruderschaft besitzt keinen offiziellen kirchenrechtlichen Status“
Philipp von Studnitz
Piusbrüder weihen Bischöfe ohne päpstliche Erlaubnis
Wenn jetzt die Piusbrüder am 1. Juli Bischöfe weihen werden, dann deshalb, weil die Bruderschaft Bischöfe braucht, denn nur die können neue Priester weihen. Die Priesterbruderschaft wurde 1970 in der Schweiz als „fromme Vereinigung“ („pia unio“) gegründet und schon 1975 kirchenrechtlich aufgehoben. „Die Bruderschaft besitzt keinen offiziellen kirchenrechtlichen Status“, fasst Studnitz die Situation zusammen. Die Priesterbruderschaft umfasst an die 1.482 Mitglieder: zwei Weihbischöfe, 733 Priester, 264 Seminaristen, 145 Brüder, 88 Oblatinnen und 250 Schwestern der Bruderschaft.
Kritik am Verhalten der Priesterbruderschaft
Bemerkenswert ist allerdings, dass in diesem Buch auch Kritik am Verhalten der Priesterbruderschaft geübt werden darf. Kardinal Gerhard Ludwig Müller verfasste „Anmerkungen zur Priesterbruderschaft Sankt Pius X.“ (Seiten 261 bis 268) – ein Glanzstück bester römisch-katholischer Theologie auf dem Boden des Zweiten Vatikanischen Konzils, das die Piusbrüder teilweise heftig kritisieren.
Buchtipp
Jan-Heiner Tück, Ausverkauf des Konzils. Die Päpste und die Piusbruderschaft – eine Konfliktgeschichte, Verlag Herder, 224 Seiten,
ISBN: 978-3-451-02671-3, EUR 19,30, Das Buch erscheint am 29. Juni 2026.
Buchtipp
Philipp von Studnitz, Die Piusbrüder. Wie die konservativste Gemeinschaft des Christentums tickt, edition a, 304 Seiten,
ISBN: 978-3-99001-765-4, EUR 26,00