„Positiver über Ehe und Elternschaft sprechen“
Kirche und Bevölkerungsentwicklung
Der Anlass der Tagung sind das zehnjährige Bestehen des päpstlichen Schreibens „Amoris laetitia“ und das 30-jährige Bestehen des ITI. Gegenüber dem SONNTAG erklärt die ÖVP-Nationalratsabgeordnete Gudrun Kugler die Hintergründe und Folgen des demographischen Wandels. Sie ist verheiratet, Mutter von vier Kindern und Gründerin von www.kathtreff.org – einer Dating-App für katholische Singles.
Bevölkerungsentwicklung
Was ist damit gemeint, wenn wir vom demographischen Wandel sprechen?
GUDRUN KUGLER: Gemeint ist die Schrumpfung und Alterung der Bevölkerung, weil die Geburtenraten seit Jahrzehnten unter das Reproduktionsniveau fallen – jedes Jahr ein weiterer trauriger Rekord. Mit den derzeitigen 1,3 Kindern pro Frau verliert Österreich mit jeder Generation rund ein Drittel junge Menschen. Während in den letzten 45 Jahren die österreichische Bevölkerung um 20 Prozent gewachsen ist, ist die Zahl der 17-Jährigen in Österreich um ein Drittel gesunken. Laut Statistik Austria werden wir ab 2040 zu schrumpfen beginnen, Deutschland schrumpft bereits und muss bis 2060 mit 10 Millionen Menschen weniger rechnen. Problematisch ist dabei nicht die geringere Bevölkerungszahl an sich, sondern der ungesteuerte Weg dorthin – unsere Wirtschafts- und Sozialsysteme sind auf Wachstum ausgelegt und müssten die Schrumpfung eigentlich sorgfältig einplanen. Betroffen sind praktisch alle Politikfelder: ländliche Infrastruktur, Pensionssysteme, Gesundheitsversorgung, aber auch Verteidigungsfähigkeit und unsere geopolitische Positionierung.
Überbevölkerung?
Warum wird dieser viel zu wenig ernst genommen?
Manche meinen, Kinder bekommt man immer. Andere denken noch an die These von der Überbevölkerung. Beides hat sich als falsch erwiesen. Mittlerweile fielen auch die Geburtenraten in Regionen wie Südamerika und Länder wie Indien unter Bestanderhaltungsniveau! Die notwendigen Umstrukturierungen sind oft nicht populär und werden erst in einigen Jahrzehnten ihre notwendigen Wirkungen entfalten. Die Politik denkt leider oft nur an das Tagesgeschehen und die nächsten Wahlen.
Wie kann dem demografischen Wandel mit Maßnahmen begegnet werden: Was kann die Politik tun, was die Gesellschaft, was der/die Einzelne?
Wir brauchen einen nationalen Schulterschluss und daten-basierte, langfristige Planung über Legislaturperioden hinaus. Dafür wäre meines Erachtens ein koordinierendes Staatssekretariat notwendig. Österreich ist weltweit familienpolitischer Vorreiter: Das ist gut so, es ist gerecht so und wir dürfen stolz darauf sein. Die Geburtenrate lässt sich aber selbst durch so vorzeigbare Familienpolitik kaum beeinflussen, weil für Paare nicht nur die wirtschaftlichen, sondern insbesondere die persönlichen Kosten des Kinderhabens ausschlaggebend sind. Um diese aufzuwiegen braucht es mehr gesellschaftliche Anerkennung von Elternschaft. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die weit über die Politik hinausgeht. Kinder sind ein Geschenk, sie stiften Sinn und machen große Freude. Sie sind unsere Zukunft und das wertvollste, das wir haben. Im öffentlichen Dialog spricht man dennoch meist nur als Problem über sie. Die strukturelle Anpassung unserer sozialen Systeme wird schwierig, ist aber notwendig. Das betrifft insbesondere die Bereiche Pflege, Gesundheit, Soziales und vor allem die Pensionen. Wir leben heute 13 Jahre länger als zu dem Zeitpunkt, als das heutige Pensionsantrittsalter eingeführt wurde. Auch die Aufrechterhaltung der Produktivität ist eine Herausforderung, an der wir arbeiten müssen.
Ein nicht unwesentlicher Faktor ist auch die niedrige Geburtenrate in Europa. Warum bekommen auch Katholikinnen und Katholiken heutzutage immer weniger Kinder?
Generell unterteile ich die Gründe, keine Kinder zu bekommen, in drei Kategorien: „nicht ich“, „nicht jetzt“ und „nicht möglich“. Dabei spielen Zukunftsängste, ökonomischer Druck, fehlender Wohnraum, Unsicherheit bei der Partnerwahl und ein kulturelles Leitbild von Selbstverwirklichung, in dem Kinder kaum Platz haben, eine große Rolle. Aus dem „nicht jetzt“ wird oft ein „leider nie“, worauf man junge Menschen hinweisen sollte. Das betrifft aber nicht alle Menschen gleich. Die Statistiken sind eindeutig: Gläubige Menschen, verheiratete Menschen und traditionell eingestellte Menschen haben im Schnitt deutlich mehr Kinder. Gleichzeitig fällt auf, dass geschichtlich stark katholisch geprägte Länder bei der Geburtenrate heute zu den Schlusslichtern zählen, etwa Italien, Kroatien, Spanien und Chile. Dies könnte einerseits mit der starken Säkularisierung dieser Gesellschaften zusammenhängt und andererseits mit Rahmenbedingungen, die ein modernes Familienleben nicht erleichtern. Möglicherweise hat man sich in diesen Ländern zu lange auf gewachsene familiäre Strukturen verlassen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten jedoch tiefgreifend verändert haben.
Wie kann die Kirche zur Freude an Kindern ermutigen?
Die Kirche hat eine wichtige Rolle im Umgang mit dem demographischen Wandel – vor allem, indem sie eine Kultur stärkt, in der Ehe, Familie und Kinder einen hohen Stellenwert haben. Sie kann positiver über Ehe und Elternschaft sprechen, Familien und kinderreiche Familien ermutigen und Kinder als Geschenk verstehen, statt sie ausschließlich als private oder wirtschaftliche Angelegenheit zu betrachten. Gleichzeitig bringt der demographische Wandel neue pastorale Herausforderungen mit sich. Einsamkeit, der Zerfall von Familien, ungewollte Kinderlosigkeit und die zunehmende Zahl alleinlebender Menschen verlangen nach einer neuen pastoralen Antwort. Es handelt sich hierbei um eine neue Form von Armut, im Sinne der Option für die Armen. Die Kirche kann Menschen begleiten, Gemeinschaft und Zugehörigkeit schaffen und auf diese Weise auch Menschen erreichen, die sich durch die Säkularisierung in früheren Jahren von der Kirche entfernt hatten. Die Kirche kann damit zur demographischen Erneuerung beitragen – nicht durch Demographiepolitik, sondern indem sie die Kultur des Lebens und der Familie stärkt und sich zugleich jenen Menschen zuwendet, die einsam sind oder sich zurückgelassen fühlen.
Während der Kinderwunsch generell massiv zurückgeht, gibt es gleichzeitig die Sehnsucht nach einem „Wunschkind“ - aus dem „Labor“ oder via Leihmutterschaft. Warum?
Oft wird der Kinderwunsch so lange aufgeschoben, bis sich das biologische Fenster schließt und Reproduktionsmedizin als letzter Ausweg erscheint. Der Kinderwunsch liegt in Österreich bei 1,7 – also deutlich über der Zahl der realisierten Kinder. Die Fruchtbarkeit beginnt aber schon ab 30 Jahren abzunehmen. Die Versprechungen der Reproduktionsmedizin sind oft unrealistisch und je nach Situation ist die sogenannte Baby-Take-Home-Rate gering. Leihmutterschaft ist bei uns und in vielen Ländern zu Recht verboten, und wurde kürzlich als Form des Menschenhandels vom europäischen Parlament eingestuft und auch so im österreichischen Strafrecht verankert. Wir müssen junge Menschen ermutigen, Kinder früher zu bekommen – nicht „nach“ der Karriere, sondern vor oder während. Kinder zu haben, ist ein wertvoller und wunderschöner Teil des Lebens, und, wie die Neue Zürcher Zeitung kürzlich titelte, „das letzte wahre Abenteuer“ des Lebens.