Pfingsten in vielen Sprachen
Feiern mit den anderssprachigen GemeindenAlexander Kraljic und Maria Zezilia Aguirre von der Sankt-Lorenzo-Ruiz-Stiftung erzählen, wie anderssprachige Katholikinnen und Katholiken feiern und was sie sich für die Zukunft wünschen.
Pfingsten in anderssprachigen Gemeinden
Farbenfrohe Gewänder, Sprachen aus vier Kontinenten, Lieder in verschiedensten Rhythmen – und dazwischen rund fünfzig Mädchen und Burschen, die an diesem Tag das Sakrament der Firmung empfangen. Wenn sich am Pfingstsonntag die Türen der Canisiuskirche öffnen, wird es hörbar und sichtbar: Hier ist Weltkirche zu Hause. Die gemeinsame Pfingstfirmung der anderssprachigen katholischen Gemeinden ist wohl einer der außergewöhnlichsten Gottesdienste des Jahres in der Erzdiözese Wien.
Ein geistliches Zuhause in der Fremde
Diese bunte Vielfalt wird schon lange vor dem großen Fest in den Gemeinden gelebt. Für viele Migrantinnen und Migranten ist ihre Gemeinde über Jahre hinweg ein Ort geworden, an dem sie auftanken, ankommen und sich verstanden fühlen. „Der Gottesdienst ist für viele ein Stück Heimat – in der eigenen Sprache, mit vertrauten Melodien, mit den Festen, die sie aus ihren Herkunftsländern kennen“, sagt Alexander Kraljic, Leiter der Sankt-Lorenzo-Ruiz-Stiftung, die die anderssprachigen Gemeinden organisatorisch in der Erzdiözese Wien begleitet. „Die Feste und Bräuche aus den Heimatländern werden hier lebendig gehalten.“
Die philippinische Gemeinde in Wien zum Beispiel feiert beinahe monatlich ein großes Fest wie zum Beispiel das Marienfest „Our Lady of Peñafrancia“, bei dem die Muttergottes auf einem Schiff über die Donau begleitet wird, oder das farbenfrohe „Sinulog- Festival“ zu Ehren des Jesuskindes Santo Niño. „Wir sind viele, und wir sind bunt“, freut sich Maria Zezilia Aguirre, die selbst aus der philippinischen Community stammt und seit einigen Jahren im Team der anderssprachigen Gemeinden mitarbeitet. „Für uns ist Feiern ein Stück Identität.“
Anderssprachigen Gemeinden: Der Sonntag als Ankerpunkt
Was für viele österreichische Pfarren ein kurzer Treffpunkt beim Pfarrcafé nach der Messe ist, ist für die anderssprachigen Gemeinden ein ganzer Tag. Familien kommen aus ganz Wien, aus Niederösterreich, manchmal sogar aus der Steiermark. Es wird nicht nur gebetet, sondern auch gekocht, gegessen, gelacht. „Das gehört zu unserer Kultur“, sagt Aguirre. „Sonntag ist Familientag – und Gemeindetag.“ Die Kinder haben oft noch eine Sonntagsschule in der eigenen Sprache, die Jugendlichen begegnen einander regelmäßig und wachsen mit Aufgaben betraut in die Gemeinde hinein.
Diese starke Gemeinschaft trägt, auch über die Generationen hinweg. „Die jungen Menschen sind ja hier geboren. Sie suchen ihren Platz zwischen zwei Kulturen. Und die Gemeinde hilft, diesen Platz zu finden“, schildert Alexander Kraljic.
Was die Gemeinden brauchen – und was sie sich wünschen
Bei aller Lebendigkeit haben viele Gemeinden mit praktischen Herausforderungen zu kämpfen. Die wichtigste davon: Raum. „Wir brauchen Orte, an denen man feiern
kann – und zwar nicht nur eine halbe Stunde im Pfarrcafé“, sagt Kraljic. „Wir sind hundert, zweihundert, fünfhundert Leute. Da reicht ein kleiner Saal nicht“, ergänzt Maria Zezilia
Aguirre. Oft spitzt sich die Situation zu, wenn die Gemeinden zwar willkommen sind, aber nur eingeschränkt Zugang zu Räumen haben – manchmal fehlen Heizung oder Licht, manchmal auch die zeitliche Offenheit.
Anderssprachige Gemeinden sind keine Territorialpfarren
Maria Zezilia Aguirre erlebt beides: große Gastfreundschaft, aber auch schwierige Situationen. „Wir wünschen uns vor allem, willkommen zu sein – nicht geduldet, sondern wirklich willkommen.“ In ihrer eigenen Gemeinde in Favoriten klappt das gut. „Aber andere kämpfen noch.“
„Aber andere kämpfen noch.“
Dazu kommt die finanzielle Seite: Anderssprachige Gemeinden sind keine Territorialpfarren, daher fließt kein direkter Kirchenbeitragsanteil. „Wir zahlen für jeden Raum Miete“, ergänzt Alexander Kraljic. „Einige Pfarrer verstehen, wie wichtig diese Gemeinden sind. Wieder andere sehen eher, dass ein Konzert mehr Einnahmen bringt.“ Die Gemeinden hoffen auf ein stärkeres Bewusstsein dafür, wie zentral sie – auch zahlenmäßig – für die Kirche in Wien geworden sind.
Pfingsten als Geschenk der Weltkirche
Die Pfingstfirmung selbst ist ein beeindruckender Ausdruck dieser Vielfalt. Seit vielen Jahren spendet Weihbischof Franz Scharl das Sakrament. Er lässt sich Firmlingsbriefe schreiben, nimmt Gedanken der Jugendlichen in die Predigt auf und achtet darauf, dass möglichst viele Sprachen und Kulturen vorkommen. „Das ist ein Zeichen der Wertschätzung“, sagt Alexander Kraljic. „Für die Gemeinden ist es wichtig, dass ein Bischof kommt – und sich wirklich Zeit nimmt.“
Am Pfingstsonntag in der Canisiuskirche gibt es Lesungen in mehreren Sprachen, Fürbitten aus allen Kontinenten, traditionelle Kleidung, Trommeln, Gitarren, Chorgesang. Zur Gabenbereitung werden Gegenstände aus den Herkunftsländern zum Altar gebracht – Blumen, Früchte, Wasser, Erde. Die Messe dauert meist zwei bis zweieinhalb Stunden. „Aber jeder fühlt sich gesehen“, sagt Aguirre. „Die Jugendlichen erleben, dass sie wirklich Teil ihrer Gemeinde sind – und Teil dieser großen Kirche.“
Wie die Jugendlichen wachsen – und bleiben
Die Firmvorbereitung läuft in den einzelnen Gemeinden im Vorfeld. Maria Zezilia Aguirre beginnt im Jänner, trifft die Jugendlichen dann fast jeden Samstag, macht mit ihnen Wallfahrten und gestaltet Gottesdienste. „Sie sollen sehen: Ihr gehört dazu. Nicht nur heute – immer“, betont sie. Das scheint auch Wirkung zu zeigen. Während
viele österreichische Pfarren die Erfahrung machen, dass Jugendliche nach der Firmung kaum wiederkommen, bleibt in den anderssprachigen Gemeinden ein großer Teil aktiv. „Von meiner ersten Gruppe sind heute noch fünfzehn regelmäßig da“, erzählt Aguirre. Auch Erwachsene holen die Firmung nach – bis ins hohe Alter.
Ein Blick auf die Zukunft der anderssprachige Gemeinden
Die anderssprachigen Gemeinden in der Erzdiözese Wien sind, so sagt Alexander Kraljic, „kein Rand, sondern Mitte der Kirche“. Ohne sie wären die Kirchenbänke vielerorts deutlich leerer. Gastfreundschaft, Großzügigkeit und Solidarität seien in den anderssprachigen Gemeinden besonders erfahrbar. „Sie sammeln für Katastrophengebiete weltweit, sie halten Familien zusammen, sie leben Glauben selbstverständlich und fröhlich. Wir können viel von ihnen lernen“, ist Alexander Kraljic überzeugt.
„Sonntag ist Familientag – und Gemeindetag.“
Die Firmung am Pfingstsonntag in der Wiener Canisiuskirche macht die Weite und Vielfalt der katholischen Kirche in besonders schöner Weise bewusst – mögen die anderssprachigen Gemeinden und die österreichischen Pfarren durch das Wirken des Heiligen Geistes gut zusammenwachsen und gemeinsam in eine lebendige, gesegnete Zukunft gehen.
SONNTAGs-Jause
Zu dem Thema ist Marizel Aguirre in der SONNTAGs-Jause zu Gast. Hier gehts zur Jause!