Jeden Sonntag nach Hause
Afrikanische Gemeinde in WienAls der Chor sein erstes Lied anstimmt, verstummt das Flüstern in den Kirchenreihen. Mehr und mehr Menschen steigen in den Gesang ein, getragen von den Rundbögen und hohen Decken nimmt er nach wenigen Sekunden den ganzen Raum ein.
Die Messe in der Afrikanische Gemeinde
Jeden Sonntag feiert die englischsprachige afrikanische Gemeinde um 11:30 Uhr ihre Messe in der prächtigen Kirche Sankt Anton am Keplerplatz. Der Gottesdienst dauert rund eineinhalb Stunden, manchmal mehr, manchmal weniger. Zeit ist hier flexibel. Immer wieder tröpfeln Verspätete durch das schwere Kirchentor.
Stephen Osita Umeogu
Stephen Osita Umeogu kommt seit 18 Jahren in die Gemeinde. Die gelbe Warnweste, die ihn als Mitglied des Medienteams ausweist, trägt er mit Stolz. Er war es, der uns während der Messe diskret an die besten Stellen für Fotos führte, immer mit einem Lächeln. Fotografieren, filmen, Reels erstellen – Facebook und Instagram der Gemeinde liegen in seinen Händen. Auch an Feiertagen oder bei der Agape ist er mit der Kamera dabei. „Es fühlt sich nicht wie eine Pflicht an“, sagt er. Unter der Woche arbeitet er bei Manner im Werk in Favoriten, fährt Stapler, schichtet Lager. Sonntags tankt er auf – im wörtlichen Sinne: „Wenn du ein Auto hast, musst du es pflegen. Das ist diese Gemeinschaft.“ Für ihn ist Sankt Anton mehr als Gottesdienst – die Kirche ist Dorf, Treffpunkt, Netzwerk. „Wir sind so viele. Hier müsste eigentlich die nigerianische Botschaft sein“, sagt er und lacht.
Weit von Lagos, nahe bei Gott
Es wird gesungen, geklatscht und getanzt. Der Chor, etwa 50 Mitglieder stark, probt am Vortag die Lieder für den Auftritt – rund 30 der Sängerinnen und Sänger begleiten wöchentlich die Messe. Vor dem Geschehen am Altar, steht John Kambole Mbulu, Seelsorger der englischsprachigen afrikanischen Gemeinde, und predigt. Seit 39 Jahren gibt es die Gemeinschaft, die zwischen 300 und 400 Mitglieder zählt. 200 von ihnen kommen regelmäßig zur Sonntagsmesse. „Die meisten sind aus Nigeria“, erzählt uns der Priester nach der Messe. „Aber wir haben auch Besucherinnen und Besucher aus Kenia, Ghana, Kamerun, Tansania, Sambia, Gambia und Simbabwe.“ Länder, die am Mutterkontinent Afrika geografisch weit auseinanderliegen und doch hier, in Wien, zusammenfinden.
„Die Gemeinde ist kein abgeschlossener Raum, sondern ein Ort der Verbindung.“
John Kambole Mbulu
Afrikanische Gemeinde: Wo Afrika Wien berührt
Auch Österreicherinnen und Österreicher feiern mit. „Es gibt viele interkulturelle Ehen“, so Mbulu. „Afrikanische Männer mit europäischen Frauen, afrikanische Frauen mit europäischen Partnern. Die Gemeinde ist kein abgeschlossener Raum, sondern ein Ort der Verbindung.“ Diese Offenheit zeigt sich auch im Verhältnis zur österreichischen Pfarrgemeinde. Große Feste wie Ostern oder die Karwoche werden gemeinsam gefeiert. Gleichzeitig pflegt die Gemeinde ihre eigenen Formen. Es gibt Jugendtage, Muttertag im Mai, Vatertag im Juni – Feiern, bei denen sich die Gemeinschaft in ihrer ganzen Breite zeigt. „Wenn man zu diesen Veranstaltungen kommt, sieht man wirklich, wer wir sind“, lächelt Mbulu.
Uzochukwu Jude Iwuagwu
Uzochukwu Jude Iwuagwu leitet den Chor der Gemeinde und beherrscht alle Stimmlagen: „Ich singe Sopran, Alt, Tenor und Bass!“ Ihn bewegt die Vielfalt der Menschen: „Jeder darf dabei sein. Wenn Sie singen wollen, mit oder ohne Talent, kommen Sie!“ Über seinen Glauben sagt er: „Ich habe den Heiligen Geist erlebt. Wie Licht, wie einen goldenen Vogel. Wenn Gott da ist, spürt man Frieden. Musik ist für mich Gott. Er ist mein Leben – alles.“
Die Afrikanische Gemeinde als Dorf im Zehnten
Nach der Messe verlagert sich das Geschehen nach draußen. Vor der Kirche entstehen Gruppenbilder, fast wie ein zweites Ritual: Frauen in farbenprächtigen, aufeinander abgestimmten Stoffen, rote Kopfbedeckungen, Männer in denselben Mustern. Dazu die Kinder, die zwischen den Erwachsenen stehen oder auf den Armen getragen werden. Sie reden, lachen, tauschen sich aus, manche haben noch etwas Gemeinsames vor. Normalerweise gibt es nach der Messe eine Agape, leider ist der Raum heute besetzt, deswegen fällt sie aus. „Bei der Agape gibt es Brot, Tee und afrikanische Speisen, die die Leute zuhause kochen“, erzählt Tochi, eine der Besucherinnen. „Jollof-Reis oder Fufu mit Suppe. Alle bringen etwas mit, wir essen zusammen, reden, bleiben oft bis in den Abend und dann – sehen wir uns nächste Woche wieder.“
Stephanie
Stephanie kam 2023 aus Lagos nach Wien – ein Jahr nachdem ihr Mann Michael hier als Software Engineer zu arbeiten begonnen hatte. Ihre gemeinsame Tochter Eliana ist bei jeder Messe mit dabei. „Die Menschen in Wien sind stiller und zurückhaltender“, so Stephanie. „Freundschaft braucht Vertrauen. Ich würde gerne noch mehr Freunde in Wien finden.“
„Die Kirche soll ein Haus für alle Kulturen sein“
Ein Gespräch mit John Kambole Mbulu, Seelsorger der englischsprachigen afrikanischen Gemeinde in Wien.
Himmel & Erde: Welche Rolle spielt die Sprache im Glauben?
John Kambole Mbulu: Durch Sprache bringen Menschen ihren Glauben und ihre Überzeugungen zum Ausdruck. Ich komme aus Sambia, meine Muttersprache ist Bemba, darin kann ich meine Emotionen gut rüberbringen. Aber wenn ich Deutsch rede, bin ich eingeschränkt, weil ich es nicht genauso gut beherrsche. Sprache bringt also den vollen Ausdruck des Glaubens hervor. Deshalb ist es wichtig, das Menschen zu ermöglichen.
Welche Bedeutung hat kulturelle Vielfalt in der Kirche?
Die Kirche ist universell. Wir sind eins, aber wir haben unterschiedliche Kulturen. Diese Vielfalt macht die Schönheit der Kirche aus. Sie soll ein Ort sein, an dem verschiedene Kulturen und Sprachen ihren Platz haben.
Afrikanische Gemeinde in Wien ist offen für alle
Ist Ihre Gemeinde auch für Nicht-Afrikaner offen?
Ja, natürlich, für jede und jeden! Wer mit uns feiern möchte, ist herzlich willkommen.
Worauf sind Sie besonders stolz?
Darauf, katholischer Priester zu sein. Ich glaube, dass wir den wahren Schatz des Glaubens kennen. Und ich bin stolz darauf, für das Heil der Seelen zu arbeiten. Das ist das größte Privileg, das ich als Priester habe. Gott erlaubt mir, ihm zu dienen – trotz meiner Schwächen. Dafür bin ich dankbar.
Der Anfang in Wien
Kommen Sie aus einer großen Familie?
Ja, wir sind acht Kinder – vier Jungen und vier Mädchen. Ich bin das vierte Kind, also der jüngste der Buben, und habe 26 Nichten und Neffen. Bevor Sie fragen, ja, ich kenne sie alle beim Namen. Ich bin ein guter Onkel. Einmal im Jahr fahre ich nach Sambia, um sie zu besuchen.
Wie haben Sie Ihre Zeit in Wien erlebt?
Der Anfang war schwierig, vo allem wegen der Kommunikation. Aber viele Menschen haben mir geholfen, die Sprache zu lernen. Das erfordert Demut. Man muss akzeptieren, dass man in einer neuen Umgebung ist und bereit sein, zu lernen. Das habe ich getan. Und jetzt bin ich glücklich, hier zu sein.
Zukunft der Afrikanischen Gemeinde
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Gemeinde?
Aktuell nutzen wir die Kirch Sankt Anton mit. Mein Wunsch ist, dass wir irgendwann eine eigene Kirche haben. Dann könnten wir auch unter der Woche Messen feiern, nicht nur sonntags, und mehr Aktivitäten organisieren. Außerdem wünsche ich mir, dass die Gemeinde im Glauben weiterwächst, sodass wir mehr Menschen zu Christus führen. Das ist unsere Aufgabe.
Aus Johns Predigt
„Der Herr ist nicht blind.
Der Herr ist nicht taub.
Der Herr hört deine Gebete.
Der Herr hört dein Weinen.
Der Herr sieht dich.
Der Herr sieht deine
Schwierigkeiten.
Der Herr sieht deine
Herausforderungen.
Es gibt viele Menschen,
die enttäuscht sind.
Die gebrochenen Herzens sind.
Der Herr wird dir die
Antworten geben,
die du brauchst.
Zum richtigen Zeitpunkt.
Der Herr sagt: Gib nicht auf.
Ich bin für dich da. Vertrau mir.
So beten wir, dass der
gütige Herr uns den Glauben
schenke, den wir brauchen
– um immer zu wissen, dass
er für uns da ist und uns
niemals enttäuschen wird.“