Jeden Sonntag nach Hause

Afrikanische Gemeinde in Wien
Ausgabe Nr. 2
  • Wien und Niederösterreich
Autor:
"Die Gemeinde ist kein abgeschlossener Raum, sondern ein Ort der Verbindung."
"Die Gemeinde ist kein abgeschlossener Raum, sondern ein Ort der Verbindung." ©Tim Cavadini
Seelsorger John Kambole Mbulu mit dem Chor nach der Messe.
Seelsorger John Kambole Mbulu mit dem Chor nach der Messe. ©Tim Cavadini
Schärpen sind sichtbare Zeichen kirchlicher Organisation und Gemeinschaft. Sie werden selbstbewusst während der Messe getragen.
Schärpen sind sichtbare Zeichen kirchlicher Organisation und Gemeinschaft. Sie werden selbstbewusst während der Messe getragen. ©Tim Cavadini
Der stellvertretende Vorsitzende Umeh Michael Chijoke (re.) koordiniert das organisatorische Leben der Gemeinschaft.
Der stellvertretende Vorsitzende Umeh Michael Chijoke (re.) koordiniert das organisatorische Leben der Gemeinschaft: Er ist Ansprechpartner für Mitglieder, organisiert Treffen des Leitungsteams und vertritt die Gemeinde nach außen. Gemeinsam mit Priestern und Verantwortlichen trifft er Entscheidungen und sorgt dafür, dass Informationen, Termine und Anliegen alle erreichen. „Diskriminierung“, sagt er, „gibt es überall. Damit muss man umgehen. Wichtig ist, dass alle Christen sich als gleichwertig sehen.“ ©Tim Cavadini
Zwei Fresken mit Szenen aus dem Alten und Neuen Testament zieren den Chorraum. Sie entstanden im Jahr 1962 und stammen von dem akademischen Maler Hans Alexander Brunner.
Zwei Fresken mit Szenen aus dem Alten und Neuen Testament zieren den Chorraum. Sie entstanden im Jahr 1962 und stammen von dem akademischen Maler Hans Alexander Brunner. ©Tim Cavadini

Im zehnten Bezirk feiert die englischsprachige afrikanische Gemeinde Wiens jeden Sonntag ihre Messe – mit Chor, Trommeln und bis zu 200 Menschen aus einem Dutzend Ländern.

Als der Chor sein erstes Lied anstimmt, verstummt das Flüstern in den Kirchenreihen. Mehr und mehr Menschen steigen in den Gesang ein, getragen von den Rundbögen und hohen Decken nimmt er nach wenigen Sekunden den ganzen Raum ein.

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Die Messe in der Afrikanische Gemeinde

Jeden Sonntag feiert die englischsprachige afrikanische Gemeinde um 11:30 Uhr ihre Messe in der prächtigen Kirche Sankt Anton am Keplerplatz. Der Gottesdienst dauert rund eineinhalb Stunden, manchmal mehr, manchmal weniger. Zeit ist hier flexibel. Immer wieder tröpfeln Verspätete durch das schwere Kirchentor.

©Tim Cavadini

Stephen Osita Umeogu


Stephen Osita Umeogu kommt seit 18 Jahren in die Gemeinde. Die gelbe Warnweste, die ihn als Mitglied des Medienteams ausweist, trägt er mit Stolz. Er war es, der uns während der Messe diskret an die besten Stellen für Fotos führte, immer mit einem Lächeln. Fotografieren, filmen, Reels erstellen – Facebook und Instagram der Gemeinde liegen in seinen Händen. Auch an Feiertagen oder bei der Agape ist er mit der Kamera dabei. „Es fühlt sich nicht wie eine Pflicht an“, sagt er. Unter der Woche arbeitet er bei Manner im Werk in Favoriten, fährt Stapler, schichtet Lager. Sonntags tankt er auf – im wörtlichen Sinne: „Wenn du ein Auto hast, musst du es pflegen. Das ist diese Gemeinschaft.“ Für ihn ist Sankt Anton mehr als Gottesdienst – die Kirche ist Dorf, Treffpunkt, Netzwerk. „Wir sind so viele. Hier müsste eigentlich die nigerianische Botschaft sein“, sagt er und lacht.

Weit von Lagos, nahe bei Gott

Es wird gesungen, geklatscht und getanzt. Der Chor, etwa 50 Mitglieder stark, probt am Vortag die Lieder für den Auftritt – rund 30 der Sängerinnen und Sänger begleiten wöchentlich die Messe. Vor dem Geschehen am Altar, steht John Kambole Mbulu, Seelsorger der englischsprachigen afrikanischen Gemeinde, und predigt. Seit 39 Jahren gibt es die Gemeinschaft, die zwischen 300 und 400 Mitglieder zählt. 200 von ihnen kommen regelmäßig zur Sonntagsmesse. „Die meisten sind aus Nigeria“, erzählt uns der Priester nach der Messe. „Aber wir haben auch Besucherinnen und Besucher aus Kenia, Ghana, Kamerun, Tansania, Sambia, Gambia und Simbabwe.“ Länder, die am Mutterkontinent Afrika geografisch weit auseinanderliegen und doch hier, in Wien, zusammenfinden.

„Die Gemeinde ist kein abgeschlossener Raum, sondern ein Ort der Verbindung.“

John Kambole Mbulu

Afrikanische Gemeinde: Wo Afrika Wien berührt

Auch Österreicherinnen und Österreicher feiern mit. „Es gibt viele interkulturelle Ehen“, so Mbulu. „Afrikanische Männer mit europäischen Frauen, afrikanische Frauen mit europäischen Partnern. Die Gemeinde ist kein abgeschlossener Raum, sondern ein Ort der Verbindung.“ Diese Offenheit zeigt sich auch im Verhältnis zur österreichischen Pfarrgemeinde. Große Feste wie Ostern oder die Karwoche werden gemeinsam gefeiert. Gleichzeitig pflegt die Gemeinde ihre eigenen Formen. Es gibt Jugendtage, Muttertag im Mai, Vatertag im Juni – Feiern, bei denen sich die Gemeinschaft in ihrer ganzen Breite zeigt. „Wenn man zu diesen Veranstaltungen kommt, sieht man wirklich, wer wir sind“, lächelt Mbulu.

©Tim Cavadini

Uzochukwu Jude Iwuagwu


Uzochukwu Jude Iwuagwu leitet den Chor der Gemeinde und beherrscht alle Stimmlagen: „Ich singe Sopran, Alt, Tenor und Bass!“ Ihn bewegt die Vielfalt der Menschen: „Jeder darf dabei sein. Wenn Sie singen wollen, mit oder ohne Talent, kommen Sie!“ Über seinen Glauben sagt er: „Ich habe den Heiligen Geist erlebt. Wie Licht, wie einen goldenen Vogel. Wenn Gott da ist, spürt man Frieden. Musik ist für mich Gott. Er ist mein Leben – alles.“

Die Afrikanische Gemeinde als Dorf im Zehnten

Nach der Messe verlagert sich das Geschehen nach draußen. Vor der Kirche entstehen Gruppenbilder, fast wie ein zweites Ritual: Frauen in farbenprächtigen, aufeinander abgestimmten Stoffen, rote Kopfbedeckungen, Männer in denselben Mustern. Dazu die Kinder, die zwischen den Erwachsenen stehen oder auf den Armen getragen werden. Sie reden, lachen, tauschen sich aus, manche haben noch etwas Gemeinsames vor. Normalerweise gibt es nach der Messe eine Agape, leider ist der Raum heute besetzt, deswegen fällt sie aus. „Bei der Agape gibt es Brot, Tee und afrikanische Speisen, die die Leute zuhause kochen“, erzählt Tochi, eine der Besucherinnen. „Jollof-Reis oder Fufu mit Suppe. Alle bringen etwas mit, wir essen zusammen, reden, bleiben oft bis in den Abend und dann – sehen wir uns nächste Woche wieder.“

©Tim Cavadini

Stephanie


Stephanie kam 2023 aus Lagos nach Wien – ein Jahr nachdem ihr Mann Michael hier als Software Engineer zu arbeiten begonnen hatte. Ihre gemeinsame Tochter Eliana ist bei jeder Messe mit dabei. „Die Menschen in Wien sind stiller und zurückhaltender“, so Stephanie. „Freundschaft braucht Vertrauen. Ich würde gerne noch mehr Freunde in Wien finden.“

„Die Kirche soll ein Haus für alle Kulturen sein“

Die Messe und der Kirchenchor werden von Musikern auf dem Keyboard, am Schlagzeug oder von diesem Herrn auf der E-Gitarre begleitet. Geübt wird privat in der Freizeit.
Die Messe und der Kirchenchor werden von Musikern auf dem Keyboard, am Schlagzeug oder von diesem Herrn auf der E-Gitarre begleitet. Geübt wird privat in der Freizeit. ©Tim Cavadini

Ein Gespräch mit John Kambole Mbulu, Seelsorger der englischsprachigen afrikanischen Gemeinde in Wien.

Himmel & Erde: Welche Rolle spielt die Sprache im Glauben?

John Kambole Mbulu: Durch Sprache bringen Menschen ihren Glauben und ihre Überzeugungen zum Ausdruck. Ich komme aus Sambia, meine Muttersprache ist Bemba, darin kann ich meine Emotionen gut rüberbringen. Aber wenn ich Deutsch rede, bin ich eingeschränkt, weil ich es nicht genauso gut beherrsche. Sprache bringt also den vollen Ausdruck des Glaubens hervor. Deshalb ist es wichtig, das Menschen zu ermöglichen.

Welche Bedeutung hat kulturelle Vielfalt in der Kirche?

Die Kirche ist universell. Wir sind eins, aber wir haben unterschiedliche Kulturen. Diese Vielfalt macht die Schönheit der Kirche aus. Sie soll ein Ort sein, an dem verschiedene Kulturen und Sprachen ihren Platz haben.

Afrikanische Gemeinde in Wien ist offen für alle

Ist Ihre Gemeinde auch für Nicht-Afrikaner offen?

Ja, natürlich, für jede und jeden! Wer mit uns feiern möchte, ist herzlich willkommen.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Darauf, katholischer Priester zu sein. Ich glaube, dass wir den wahren Schatz des Glaubens kennen. Und ich bin stolz darauf, für das Heil der Seelen zu arbeiten. Das ist das größte Privileg, das ich als Priester habe. Gott erlaubt mir, ihm zu dienen – trotz meiner Schwächen. Dafür bin ich dankbar.

Der Anfang in Wien

Kommen Sie aus einer großen Familie?

Ja, wir sind acht Kinder – vier Jungen und vier Mädchen. Ich bin das vierte Kind, also der jüngste der Buben, und habe 26 Nichten und Neffen. Bevor Sie fragen, ja, ich kenne sie alle beim Namen. Ich bin ein guter Onkel. Einmal im Jahr fahre ich nach Sambia, um sie zu besuchen.

Wie haben Sie Ihre Zeit in Wien erlebt?

Der Anfang war schwierig, vo allem wegen der Kommunikation. Aber viele Menschen haben mir geholfen, die Sprache zu lernen. Das erfordert Demut. Man muss akzeptieren, dass man in einer neuen Umgebung ist und bereit sein, zu lernen. Das habe ich getan. Und jetzt bin ich glücklich, hier zu sein.

Zukunft der Afrikanischen Gemeinde

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Gemeinde?

Aktuell nutzen wir die Kirch Sankt Anton mit. Mein Wunsch ist, dass wir irgendwann eine eigene Kirche haben. Dann könnten wir auch unter der Woche Messen feiern, nicht nur sonntags, und mehr Aktivitäten organisieren. Außerdem wünsche ich mir, dass die Gemeinde im Glauben weiterwächst, sodass wir mehr Menschen zu Christus führen. Das ist unsere Aufgabe.

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Autor:
  • Julia Seidl
    Julia Seidl
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