Mein neues Leben
Passionswege
Der 23. Juni 1992 ist eine Zäsur in Sigrid Kundelas Leben. Nach diesem Tag ist nichts mehr so, wie es war, und wird nie wieder so sein. Sigrid Kundela ist damals 28 Jahre alt und Journalistin bei einer österreichischen Wochenzeitung, ihre Freizeit verbringt sie mit ihrem Pferd, sie reitet und trainiert eine Voltigiergruppe (Voltigieren ist das Turnen auf dem Pferd). Sie ist beliebt und hat einen großen Freundeskreis.
Wenn sich das Leben für immer verändert
Als sie an diesem Junitag vom Pferdestall nach Hause fährt, kracht ein junger Autofahrer in ihr Auto. „In der Nähe vom Schottenhof ist mir ein Autofahrer mit 130 km/h entgegengekommen, 60 km/h sind dort erlaubt“, erzählt Sigrid Kundela. „Ich bin in seine Beifahrerseite hineingeknallt, die Beifahrerin war gleich tot und sein Auto ist in den Wald geschleudert worden. Ich bin auf der Straße, aber gedreht, stehen geblieben.“ Eine halbe Stunde später liegt Sigrid Kundela auf dem OP-Tisch im AKH.
Nichts ist mehr, wie es war
Nach der Operation wird Sigrid Kundela in künstlichen Tiefschlaf versetzt. Ihr Schädel ist zertrümmert, auch ihr Gehirn ist durch den Aufprall schwer verletzt worden. Sie hat ein Schädel-Hirn-Trauma, dessen Auswirkungen sich nach dem Aufwachen zeigen. „Nach dem Tiefschlaf habe ich ausschließlich Englisch gesprochen, sehr zum Entsetzen meiner Mutter, die nicht gut Englisch konnte und immer Deutsch geredet hat. Ich habe sie verstanden, aber geredet habe ich nur Englisch.“ Es dauert eine Zeit, bis Sigrid Kundela wieder Deutsch spricht, viele Wörter fallen ihr nicht ein. „Dann habe ich falsche Wörter eingesetzt und keiner hat sich getraut, was zu sagen, wenn ich einen Schmarrn geredet habe.“
Zwei Monate verbringt Sigrid Kundela stationär im Krankenhaus. Danach zieht sie zu ihren Eltern und ist etwa fünf Jahre lang in Ergo-, Physio-, logopädischer und neuropsychologischer Therapie. An den Unfall erinnert sich Sigrid Kundela bis heute nicht. Erst ein halbes Jahr später setzt ihre Erinnerung wieder ein: „Meine Mutti hat für die Pfarre einen Stand beim Weihnachtsmarkt auf der Freyung betreut und ich durfte mit. Es war saukalt dort, daran kann ich mich erinnern. Mein Papa hat mich am Heimweg ins Café Central eingeladen. Ich habe ihm vorgejammert, dass der Augenarzt mir gesagt hat, ich werde nie wieder lesen und nie wieder ordentlich sehen können.“
An das neue Leben gewöhnen
Die massiven Sehstörungen machen Sigrid Kundela sehr zu schaffen. Auch ihre Motorik und ihr Reaktionsvermögen sind beeinträchtigt, Reiten oder Autofahren kann sie nicht mehr. Die vielen Freunde, die einander im Krankenhaus noch die Klinke in die Hand gegeben haben, kommen sie nicht mehr besuchen. „Im AKH hat meine Mutter eine Besucherliste gemacht, damit nicht jeden Tag zehn Leute da sind. Zuhause wurde keine Besucherliste mehr gemacht, da war ich bald schon alleine. Ich habe mich sehr alleingelassen gefühlt. So lieb und nett die Eltern und mein Bruder waren, wenn die Freunde wegbleiben, hat man echt nur blöde Gedanken.“
„Ich tu mir leid?! Es geht mir ja traumhaft im Vergleich.“
Sinnsuche im neuen Leben
Am meisten belastet Sigrid Kundela, dass sie ihr Leben als sinnlos empfindet. „Lange habe ich den Burschen beneidet, der den Unfall verursacht hat, weil er gestorben ist. Der hatte keine Probleme mehr, aber ich konnte nach dem Unfall nichts mehr machen wie früher. Mir hat der Sinn in meinem Leben gefehlt. Ich war sehr depressiv und dem Suizid ziemlich nahe. Gott sei Dank habe ich viel darüber geredet.“
Eine neue Aufgabe
Über ihre Gedanken und Gefühle zu reden, hilft Sigrid Kundela. Auf Anraten ihrer Neuropsychologin schreibt sie ein Buch über ihren Unfall und veröffentlicht es unter dem Titel „Mein neues Leben“. Sie präsentiert ihr Buch im Fernsehen und wird daraufhin von der zu jener Zeit einzigen Schädel-Hirn-Trauma-Selbsthilfegruppe nach Amstetten eingeladen. Dieses Treffen ist ein Wendepunkt für Sigrid Kundela: „Ich habe dort zum ersten Mal andere Schädel-Hirn-Trauma-Patienten gesehen und mir geistig eine Watsche gegeben: Ich tu mir leid?! Es geht mir ja traumhaft im Vergleich zu etlichen anderen, die gar nicht reden, nicht gehen können, im Bett liegen.“
Beflügelt von der Solidarität, die sie in Amstetten erfährt, gründet Sigrid Kundela eine eigene Selbsthilfegruppe. Das Engagement für diese Gruppe und das starke Gemeinschaftsgefühl erfüllen sie. „Spätestens seitdem ich die Selbsthilfegruppe habe, habe ich wieder den Sinn gefunden und Suizid ist, Gott sei Dank, wieder ein Fremdwort für mich. Die Arbeit für die Gruppe ist mein neuer Job und mein Freundeskreis. Ich glaube, ich habe jetzt mehr Freunde als früher.“ Für ihre Selbsthilfegruppe schreibt Sigrid Kundela neunundzwanzig Jahre lang eine Zeitung, mittlerweile informiert sie die rund dreihundert Gruppenmitglieder über die Vereinswebseite und einen digitalen Nachrichtendienst. Sie organisiert Gruppentreffen, lädt Expertinnen ein, plant regelmäßig Ausflüge zum Kegeln, in den Tiergarten Schönbrunn und in Museen.
„Ich glaube, ich habe jetzt mehr Freunde als früher.“
Das Positive im Leben
Die Frage, warum ihr das passiert ist, hat sie Gott gestellt, aber keine Antwort erhalten, sagt sie. Wobei sie irgendwann doch eine gefunden hat: „Bis zum Unfall war ich eigentlich relativ gestresst. Vielleicht war das mit ein Grund, dass es beim Unfall mich erwischt hat, damit ich zum Lernen und Nachdenken anfange, ob’s gescheit ist, so gestresst zu sein, oder ob man nicht auch ein bisschen an sich selbst denken sollte und nicht vergisst, wer man ist.“
Sigrid Kundela hat gelernt, mit den Einschränkungen, die das Schädel-Hirn- Trauma verursacht hat, zu leben. Sie hat akzeptiert, dass sie nicht mehr reiten und nicht mehr Auto fahren kann, und konzentriert sich auf das, was geht, auf das Positive in ihrem Leben. Das ist auch ihr Ansatz für die Selbsthilfegruppe: „Ich mag nicht in eine Jammerpartie gehen und mitjammern, sondern ich möchte, dass es mir besser geht und ich damit zurechtkomme. Das geht nicht durch negative Gespräche. Das Positive gehört hervorgehoben, das ist wichtig. Es geht besser, als man glaubt.“
Drei Fragen an Neurologin Monika Murg-Argeny über das Schädel-Hirn-Trauma
- Was ist ein Schädel-Hirn-Trauma?
Ein Schädel-Hirn-Trauma ist eine Verletzung des Schädels und des Gehirns. Es entsteht durch das Aufschlagen des Kopfes nach einem Sturz oder durch einen Unfall. Bei schweren Schädel-Hirn-Traumen kommt es zu einer massiven Bewusstseinsstörung, die einer intensivmedizinischen und meistens auch operativen Therapie bedarf.
- Wie wird es behandelt?
Schluck- und Sprachstörungen werden logopädisch therapiert, in der Sehschule werden Augenbewegungen trainiert und Doppelbilder behandelt, die Physiotherapie ist ganz wichtig für die Motorik. Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Ausdauer werden neuropsychologisch trainiert. Wichtig sind auch Ergo- und Kunsttherapie.
- Was ist außerdem wichtig?
Seelsorge ist ganz wichtig. Es gibt Situationen, in denen man sich vermehrt der Spiritualität zuwendet, weil etwas Unfassbares passiert ist, wie ein Schädel-Hirn-Trauma. Da taucht die Frage auf, was das für einen Sinn gehabt hat. Allein diese Frage zu stellen, kann wichtig sein.
M. Murg-Argeny ist Neurologin am Rehabilitationszentrum Meidling.
Passionswege auf radio klassik Stephansdom
Das Gespräch mit Sigrid Kundela können Sie am 7. 3. 2026 um 19:00 Uhr hören. (DaCapo: Mittwoch, 11. 3., 21:00 Uhr)
Zur Person
Sigrid Kundela ist in Wien-Hernals aufgewachsen und war vor ihrem Unfall Journalistin. Sie leitet die von ihr gegründete Selbsthilfegruppe für Menschen mit Schädel-Hirn-Trauma und deren Angehörige.