Wenn Wahrnehmung im Leben zeitgleich zu- und abnimmt

Passionswege
Ausgabe Nr. 12
  • Soziales
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Die klinische Psychologin Johanna Constantini ist eng mit ihrem Vater Didi verbunden. Ihr ist wichtig, dass man mehr über Demenz in der Gesellschaft spricht. ©Stefan Hauser
Johanna Constantini ist Mama von zwei Töchtern und selbstständige Psychologin in eigener Praxis für klinische Sport- und Arbeitspsychologie in Innsbruck. ©Mel Burger

Erfahre die bewegende Geschichte von Didi Constantini, einem ehemaligen Fußballprofi und Trainer, der mit der Diagnose Alzheimer konfrontiert wurde. Seine Tochter Johanna schildert den schleichenden Verlauf und die Herausforderungen der Pflege.

Didi Constantini war ein gefeierter Fußballstar, später ein erfolgreicher Trainer. 2019 wurde bei ihm Alzheimerdemenz diagnostiziert, da war er 64 Jahre alt. Mittlerweile ist seine Krankheit weit fortgeschritten. Seine Tochter Johanna stellt die Lernprozesse ihrer Tochter dem Verlernprozess ihres Vaters gegenüber. Und stellt dazu klar, Demenz soll niemanden ins Abseits stellen.

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Am 4. Juni 2019 kommt es auf der Tiroler Brennerautobahn zu einem Geisterfahrerunfall. Ein Mann fährt aus ungeklärter Ursache in die verkehrte Richtung. Niemand wird dabei schwer verletzt, der Fahrer des Geisterautos ist leicht verletzt, die zweite am Unfall beteiligte Person, ein 25-jähriger Mann, kommt auf die Normalstation ins Krankenhaus. Durch Medienberichte wird bald öffentlich, der Geisterfahrer ist Didi Constantini, ehemaliger Fußballprofi und Ex-Teamchef. 

„Dieser Tag hat sicherlich viel verändert“, erinnert sich Johanna, eine der beiden Töchter Constantinis, daran. Gut drei Monate später geht seine Familie mit der nach dem Unfall gestellten Diagnose an die Öffentlichkeit: Der damals 64-Jährige Didi ist an Alzheimer erkrankt. Er muss seinen Führerschein abgeben.

Enttäuschungen und Rücktritt

Viele kannten Didi Constantini als „Sunnyboy im Fußballgeschäft“. Ein erfolgreicher Spieler in der Bundesliga, auch einige Einsätze im Nationalteam, später als Trainer, auch des österreichischen Nationalteams. Aber die Demenzerkrankung ändert alles. 

Begonnen habe eine Veränderung in Didis Wesen mit Enttäuschungen, schildert Tochter Johanna: „Diese Depression, die ich jetzt als solche bezeichnen würde, kam schon mit dem Ausstieg aus der Karriere, also mit dem Weggang als Trainer des Fußballnationalteams, das passierte schleichend.“ Hintergrund war die verpasste EM-Qualifikation für 2012. Didi Constantini nimmt sich danach auch aus dem gesellschaftlichen Leben zurück.

„Es stehen noch viele Stigmata im Raum, gerade was die Psyche und ihre Erkrankungen angeht.“

 „Es stellte sich bei meinem Vater eine gewisse Lustlosigkeit ein, die dann früher oder später eben in diese Demenzerkrankung überging“, so Tochter Johanna, die klinische Psychologin ist. Wann genau das war, könne man nicht rückwirkend feststellen, sie erkennt aber einen klaren Zusammenhang mit der „klassischen Altersdepression“, umgangssprachlich auch als Pensionsschock bekannt, der die Wahrscheinlichkeit einer Demenzerkrankung erhöht. 

Verdachtsdiagnose

Wesensveränderungen habe man bei ihrem Vater schon vor dem Unfall bemerkt in Bezug auf Merkfähigkeit und Orientierung. „Es gab auch eine Verdachtsdiagnose Demenz, der wurde aber auch auf Wunsch meines Papas nicht nachgegangen, er wollte diese Untersuchungen dann nicht weiter wahrnehmen, das mussten wir akzeptieren.“ 

Unterstützung bekam Didi Constantini besonders nach der Diagnose Demenz, „da hat auch unsere Mama ganz viel dazu getan“, erläutert Tochter Johanna. Besuche bei Psychotherapeuten, Psychologen und Ärzten. „Wir haben das sicherlich in der Familie alle gemeinsam versucht, aber manches wollte er einfach zum Teil nicht, manches hat er wieder angenommen, dann ging es wieder besser, wieder schlechter, einfach ein Auf und Ab.“

Auf die Frage, was gesellschaftlich notwendig ist, um dem entgegenzuwirken, sagt Johanna Constantini, die im Namen der Familie über den Demenzverlauf ihres Vaters spricht: „Was ganz wichtig ist, ist grundsätzlich Aufklärung. Es passiert auch immer mehr, dass einfach psychische Erkrankungen gleich wie körperliche Erkrankungen behandelt werden müssen. Dass man einfach darauf aufmerksam macht, dass man sich Hilfe holen kann, weil zum Teil noch viele Stigmata im Raum stehen, gerade was die Psyche angeht und ihre Erkrankungen.“

Kontakte pflegen

Wichtig für später sei, so Psychologin Johanna Constantini, dass man sich „Sozialkontakte durch Hobbys und Freizeitbeschäftigungen erhält, neben dem beruflichen Tun. Damit dann, wenn der Job wegfällt und die Pensionierung eintritt, sich die Lebenszeit mit Alternativen füllt.“ 

Leben im Pflegeheim

Seit einigen Jahren lebt Didi Constantini in einem Tiroler Pflegeheim, denn die Verluste im Alltagsleben des zweifachen Familienvaters machten dies notwendig. Tochter Johanna ist mittlerweile verheiratet und Mutter zweier kleiner Töchter. Ihre Erstgeborene Frida musste auch lernen, mit den Veränderungen des Opas umzugehen. Mutter Johanna schildert dazu: „Es hat Phasen gegeben, da hat sie unglaublich zu weinen begonnen, wenn mein Papa mit Gestik und Mimik erstarrt war und nicht so reagierte, wie es Frida erwartet hätte. Über diese Phase sind wir zum Glück hinaus.“

Lernen und verlernen

Johanna Constantini hat in zwei Büchern die Erfahrungen mit der Demenzerkrankung ihres Vaters zum Ausdruck gebracht. In „Abseits“ schreibt sie aus der Sicht einer Tochter, in „Abseits 2“ von Lern- und Verlernerfahrungen. Dazu unterstreicht sie: „ ... weil ich einfach aus meiner persönlichen Erfahrung beobachten konnte, wie meine erstgeborene Tochter Frida dazu gelernt hat in den vergangenen Jahren, mein Papa genau parallel dazu verlernt. Und die haben sich spannenderweise und auch erschreckenderweise ganz häufig am gleichen Punkt getroffen. Also wo sie die Sprache erworben hat, hat er die Sprache sukzessive verloren. Wo sie angefangen hat, stabiler zu sitzen, besser zu gehen, hat er genau diese motorischen Fähigkeiten sukzessive verloren und verlernt.“

Heute, so Johanna Constantini, sei man so gepolt, dass Fehler machen für Kinder in ihrer Entwicklung etwas Positives darstellt, „die Kinder lernen vom Hinfallen und vom Aufstehen“. Da müsse man auch hin, was den Umgang mit demenzkranken Menschen anlangt: „Es geht um vermeintliche Fehler, die demenzkranke Menschen machen, dass auf sie nicht mit dem Finger gezeigt wird, sondern darüber hinweggesehen wird. So wie es eben bei einem lernenden Kind auch der Fall ist.“

Autor:
  • Stefan Hauser
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