Zeitzeugin Lucia Heilman

Passionswege
Ausgabe Nr. 9
  • Soziales
Autor:
Lucia Heilman mit ihrer Mutter Regina Treister
Lucia Heilman mit ihrer Mutter Regina Treister 1940, bevor sie sich in der Werkstatt von Reinhold Duschka verstecken mussten. ©privat

Entdecken Sie die bewegende Geschichte von Lucia Heilman, einer 94-jährigen Überlebenden des Holocaust, die ihre erschütternden Erinnerungen aus den Jahren 1938 bis 1945 mit uns teilt.

Lucia Heilman war ein Volksschulkind, als die Nationalsozialisten in Österreich an die Macht kamen. Die Jahre des Naziterrors und des Krieges hat sie in Wien erlebt und überlebt, versteckt in einer Werkstatt. Heute ist Lucia Heilman eine der letzten Zeitzeuginnen.

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Manche Dinge vergisst man nie. Sie brennen sich in die Seele ein und selbst Jahrzehnte erfüllten Lebens lassen sie nicht verblassen.

Lucia Heilman ist heute 94 Jahre alt. Sie war verheiratet, hat zwei Töchter großgezogen, lange Zeit als Ärztin gearbeitet und viel erlebt. Die Zeit von 1938 bis 1945 hat sie lange aus ihren Erinnerungen ausgeklammert. Aber die Erlebnisse ließen sich nicht wegsperren. Als sie in den 1990er-Jahren zum ersten Mal versuchte, davon zu sprechen, brachte sie kaum ein Wort heraus, weinte so sehr, dass das Gespräch vertagt werden musste. Beim zweiten Anlauf schaffte sie es und seither hat sie die Geschichte ihres Überlebens viele Male erzählt.

Von heut’ auf morgen

Im März 1938 wird Österreich zur Ostmark und die Nationalsozialisten übernehmen die Macht. Lucia Heilman (damals Treister) ist neun Jahre alt und ihr Leben ändert sich von einem Tag auf den anderen: „Der Schuldirektor ist in die Klasse gekommen und hat gesagt, alle jüdischen Kinder müssen die Schule verlassen. Das war wie ein Schock. Meine Freundinnen durften alle sitzen bleiben, nur ich musste meine Sachen zusammenpacken.“ Das Mädchen fühlt sich entsetzlich. Ihre Freundinnen kann sie auch außerhalb der Schule nicht mehr sehen: „Es war den christlichen Kindern verboten, mit jüdischen Kindern zu spielen, und auf jeder Parkbank ist gestanden: ,Nur für Arier‘.“ Im Geschäft, in dem sie jeden Tag Milch holte, schleudert ihr die Verkäuferin nun entgegen: „Jüdischen Kindern verkaufe ich nichts.“ „Das war schon ein Schlag“, sagt Lucia Heilman , „das waren Situationen, die sich in die Seele eingeprägt haben.“ 

Eines Tages stehen zwei SS-Männer vor der Tür. Lucia Heilman erinnert sich an das langanhaltende, schrille Klingeln, die schwarzen Mäntel und Stiefel. Die Männer bringen die wichtigste Bezugsperson des Kindes fort, Lucias geliebten Großvater, der immer auf sie aufgepasst hat, weil die Eltern beide gearbeitet haben, der ihr Geschichten erzählt und Operetten vorgesungen hat. Lucia und ihre Mutter bringen für den alten Mann noch ein Köfferchen zum Praterstadion, wo sie ihn aber nicht mehr sehen dürfen. Vier Wochen später erhalten sie ein Telegramm, in dem steht, um welche Geldsumme sie eine Urne mit den sterblichen Überresten des Großvaters erwerben können. Er wurde in Buchenwald ermordet.

Die Gefahr wird immer größer

Lucias Heilmans Vater ist weit weg, als all das passiert, er hat beruflich in Persien zu tun. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wird er als „feindlicher Ausländer“ interniert und landet schließlich in Australien. Er versucht, seine Familie zu sich zu holen, scheitert aber. In Wien müssen Lucia und ihre Mutter, Regina Treister, unterdessen ihre Wohnung verlassen. Ein „arisches“ Ehepaar zieht dort ein. Lucia darf nichts mitnehmen, sie lebt fortan in einer Sammelunterkunft, die ihr als entsetzlich beengt in Erinnerung geblieben ist. Eng wird es jetzt auch, was ihre Überlebenschancen betrifft. „Die Abtransporte der jüdischen Bevölkerung aus Wien hatten begonnen. Nach deutscher Ordnung wurde eine Gasse nach der anderen evakuiert und man konnte sich ausrechnen, wann man drankommt.“

Ganz Wien hat gesehen, 
wie man jüdische Menschen abtransportiert.

Man hat gewusst, so Lucia Heilman, dass die Menschen in den Tod geschickt wurden, alle haben das gewusst. „Ganz Wien hat gesehen, wie man jüdische Menschen abtransportiert, und alle haben gewusst, sie fahren in Konzentrationslager und werden dort ermordet. Das war kein Geheimnis und es war auch keine Tendenz, es geheim zu halten, man wollte sie ja umbringen. Denn sehr viele Menschen haben davon materiell profitiert und aus diesen Gründen hat man gehofft, dass sie nie mehr zurückkommen.“

Der Lebensretter

Der Kunstschmied Reinhold Duschka, der beste Freund und Bergsteigerkollege von Lucia Heilmans Vater, versteckt das Kind und dessen Mutter in seiner Werkstatt im Jubiläumswerkstättenhof in der Mollardgasse in Mariahilf. Er baut einen Verschlag, in dem sich die beiden verstecken, sobald es an der Werkstatttüre klingelt. „Jedes Läuten hat für meine Mutter und mich Angst bedeutet“, erinnert sich Lucia Heilman, „immer wenn es geläutet hat, sind wir zusammengezuckt. Das Zusammenzucken ist mir bis heute geblieben.“

Vier Jahre lang leben Mutter und Tochter in der Werkstatt. Wochentags arbeiten sie Reinhold Duschka zu. Seine kunstvollen Vasen und Schalen verkaufen sich gut, deshalb kann er seine versteckten Gäste mit Lebensmitteln versorgen. Auch Bücher treibt er auf, sie helfen dem Mädchen, der Enge zu entfliehen, zumindest in Gedanken. Nur Medikamente sind nicht zu bekommen, auch nicht, als Lucia Heilmans Mutter schwer an Grippe erkrankt. „Meine Mutter hat sich sehr schlecht gefühlt und geglaubt, sie muss sterben. Aber was macht man, wenn ein Mensch stirbt, der versteckt lebt? Sie hat Reinhold erklärt, was er dann tun soll: sie zerschneiden und bei seinem Sommerhaus vergraben. Ich habe alles gehört. Das war sehr, sehr hart.“

Hinunter in den Keller

Regina Treister wird wieder gesund. Aber im November 1944 schlägt eine Bombe im Haus ein und zerstört Reinhold Duschkas Werkstatt. Wie durch ein Wunder konnten Lucia Heilman und ihre Mutter, die aus Furcht vor Entdeckung die Luftschutzkeller meiden, sich retten. Duschka, der an jenem Tag nicht in der Werkstatt gewesen ist, bringt seine Schützlinge zunächst in sein Gartenhäuschen in Wien-Hütteldorf und dann in eine neue Werkstatt, ein Gassenlokal in der Gumpendorferstraße. „Diese Werkstatt hatte einen Abgang in den Keller. Dort hatten wir eine kleine Bank, auf der wir gesessen sind“, schildert Lucia Heilman, „es war eiskalt, wir durften uns nicht rühren und auch nicht miteinander sprechen, denn in die Nachbarkeller sind jeden Tag Menschen gekommen, um ihre Brennmittel zu holen. Später hat mir meine Mutter erzählt, dass ich damals aufgehört habe zu sprechen. Ich habe nichts mehr gesagt.“ Die Angst, sagt sie heute, war das Schlimmste: immer Angst zu haben.

Wieder leben

Nach heftigen Kämpfen wird es im Frühjahr 1945 still in Wien und dann marschiert die russische Armee an Reinhold Duschkas Gassenlokal vorbei. Da wissen Lucia Heilman, ihre Mutter und ihr Retter, dass der Krieg und die Herrschaft der Nationalsozialisten endlich vorbei sind. „Wir haben geweint vor Glück, es war, als ob ein Gewicht von uns gefallen wäre. Wir konnten wieder Menschen werden.“

Lucia Heilman besucht ihren Vater in Australien, studiert in Wien Medizin und lernt hier ihren Mann kennen. Nur seinetwegen bleibt sie in Österreich. Sie fühlt sich nicht sicher und fasst kein Vertrauen zu den Menschen: „Die Menschen sind genau dieselben geblieben – bis heute. Das ist schwer. Ich bin oft durch die Straßen gegangen und habe gedacht: ein Mörder. Aber je mehr Zeit vergeht, desto mehr denke ich: Was können die heutigen Kinder für ihre Großeltern und Urgroßeltern?“

In die Kinder setzt Lucia Heilman ihre Hoffnung. Deshalb erzählt sie seit vielen Jahren in Schulen von ihrem Leben und beantwortet alle Fragen der jungen Menschen. Das ist in den letzten Jahren nicht weniger wichtig geworden, im Gegenteil. „In Österreich war der Antisemitismus lange Zeit eingeschlafen und wurde im Laufe der Jahre wieder sichtbarer. Es gibt ihn nach wie vor, hier und auf der ganzen Welt“, sagt Lucia Heilman. Eigentlich war er nie weg. Reinhold Duschka hat sich lange gesträubt gegen Heilmans Bemühungen, ihn als „Gerechten unter den Völkern“ auszuzeichnen – aus Angst vor Anfeindungen. Als vor zehn Jahren in der Mollardgasse eine Gedenktafel für Duschka enthüllt wurde, wunderte sich Lucia Heilman, warum die Tafel so hoch hing. Das sei nötig, sagte man ihr, zum Schutz vor Vandalismus.

Autor:
  • Monika Fischer
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