Sterbebegleiterin: Sonja Thalingers Weg durch die Dunkelheit

Passionswege
Ausgabe Nr. 11
  • Soziales
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Etwas persönliches hinterlassen ist für alle ein großes Geschenk. ©iStock.com/Evrymmnt
Sonja Thalinger ist Master of Palliative Care und diplomierte Sozialpädagogin. Sie leitet den Dachverband Hospiz Österreich.
©Martina Siebenhandl

Bekanntschaft mit dem Tod hat Sonja Thalhammer bereits gemacht. Einst war sie schwer krank. Doch heute ist sie Sterbebegleiterin und gibt Hoffnung. Wie man dem Tod mit Mut und Mitgefühl begegnet.

Sonja Thalinger ist Geschäftsführerin von Hospiz Österreich. Selbst hat sie viele Jahre Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet. Mit dem Tod hat sie in ihrem Leben auch persönlich eine starke Erfahrung gemacht. 

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Als 23-jährige Frau und Mutter hatte Sonja Thalinger eine Tumorerkrankung. Ihre Söhne waren gerade einmal sechs Wochen und ein Jahr alt. Damals, 1990, habe es in Wien genau drei stationäre Hospizbetten gegeben. Für sie ist es gut ausgegangen. Aber in dieser existentiellen Situationen habe sie gemerkt, was wirklich wichtig ist. Als Sozialpädagogin habe sie sich entschieden, Sterbebegleiterin zu werden. „Ich habe mit Gott verhandelt und gesagt, wenn das gut geht bei mir, dann mache ich das. Dann werde ich Sterbebegleiterin“, sagt Thalinger. 

Heute ist sie Geschäftsführerin von Hospiz Österreich, der Dachorganisation für Sterbebegleitung.  Damals war es ihr wichtig, offen mit ihrer tödlichen Krankheit umzugehen. Sie trug keine Perücke und hat mit ihren Kindern offen über alles gesprochen, was eintreten könnte. 

Der Tod ist zumutbar

Der Tod, die große Unbekannte des Lebens. Wie könnte der Tod ins Leben integriert werden? Die Sterbebegleiterin und Geschäftsführerin von Hospiz Österreich, Sonja Thalinger, wünscht sich, dass das Sterben ein Teil des Lebens wird. „Wenn wir mit Kindern über Tod und Sterben sprechen, bin ich immer überrascht, was für einen natürlichen Zugang sie dazu haben. Je mehr wir von Anfang an über den Tod sprechen, umso leichter wird das eigene Sterben für uns“, ist Thalinger überzeugt. Der Tod sei ja in der Welt sehr sichtbar. Aber die Integration klappe nicht so gut. Deshalb wünscht sie sich mehr Plattformen, wo über den Tod gesprochen werden kann. Zwanglos, ohne einen Anlassfall. „Nehmen wir Kinder mit zum Begräbnis. Der Tod ist zumutbar“, so Thalinger. 

Positiv. Surreal. Und irgendwie weit weg.

Es bestehe eine Ähnlichkeit zwischen „wie lebe ich“ und „wie gehe ich mit dem Tod um“. Manche würden entspannt in den eigenen Tod hineingehen. Manche würden am Schluss noch kämpfen. Eine Rolle würden auch die Beziehungen spielen, die die Sterbenden haben. Das Loslassen wäre dadurch manchmal schwerer. In der Sterbebegleitung werden Räume aufgemacht, wo über das Sterben und die Ängste offen gesprochen werden darf. Die stärksten Bilder sind das Wiedersehen mit Verstorbenen und dass es gut sein wird. 

Es gäbe ein starkes Suchen nach Spiritualität, sagt die Sterbebegleiterin Sonja Thalinger. Gerade im Prozess des Sterbens suche der Mensch diesen Zugang. Unabhängig vom Religionsbekenntnis. Die Sterbegleiterinnen und Sterbebegleiter können diesen Zugang eröffnen, durch Musik, Natur, Zuhören. 

Es brauche in der Sterbebegleitung Menschen, die ganz absichtslos da sind, sagt Sonja Thalinger. Die Annäherung findet fragend statt: Was brauchst du? Was kann ich Gutes tun? Der betroffene Mensch sei der Sterbespezialist und Experte. In der Hospizarbeit geht es um Da-Sein und Aushalten. 

„Kinder haben einen natürlichen Zugang zum Tod.“

„Wie gehe ich um mit einem Sterbenden, mit einem Trauernden? Verliere ich mich in Floskeln?“, fragt Thalinger. „Wenn ich sage, ruf mich an, wenn du was brauchst, ist das viel zu wenig. Wenn ich aber an der Tür stehe und anläute und sage, brauchst du was, ist das wirklich direkt.“ 

Sonja Thalinger hat als Sterbebegleiterin einige Menschen sterben gesehen. Es ist so wie das Leben nie gleich, sagt sie. Jedes Versterben sei einzigartig. Die Angehörigen würden viel mehr mitleiden, die Sterbegleiterinnen und Sterbebegleiter mitfühlen. Deshalb könne die Sterbebegleitung das ganze Familiensystem enorm entlasten. Manchmal ist es das Kaffee-Trinken, manchmal das gemeinsame In-die-Oper-Gehen. Manchmal geht es einfach darum, da zu sein und nichts zu sagen. Sonja Thalinger erinnert sich an die Begleitung einer älteren Dame. Sie sollte alle wichtigen Dinge an die Nachfahren aufschreiben, in ein rotes Buch. Jedem Einzelnen wollte sie noch etwas Persönliches hinterlassen. Für die Familie war dieses Buch das größte Geschenk. Denn wenn es das nicht gibt, suchen die Verwandten ganz stark nach Zeichen der Verstorbenen, wie nach einem Regenbogen. 

Ein heiliger Moment

Wie sieht er aus, der letzte Moment des Lebens? Erkennt Sonja Thalinger als langjährige Sterbebegleiterin diesen? „Für mich ist es immer ganz klar. Der letzte Atemzug ist erspürbar. Die Anzeichen davor sind körperliche Veränderungen. Eine spitze Nase, ein anderer Muskeltonus, die Augen sehen anders aus, der Atem ist anders“, so die Sterbebegleiterin. Hört das Herz auf zu schlagen, sei das ein heiliger Moment. Ein Moment, der zu würdigen ist. Und danach ein persönliches Ritual. Ein Gebet wird gesprochen. Eine Kerze entzündet. „Es ist wichtig, diesen Moment gemeinsam ein- und auszuatmen.“ 

Der Tod, ein wohlwollender Begleiter

Sonja Thalinger, Geschäftsführerin von Hospiz Österreich, ist Sterbebegleiterin. Den Beruf ergriffen hat sie nach einer persönlichen Erfahrung mit dem Tod als junge Frau. Sie war sterbenskrank. Ein Tumor. Und hat überlebt. Wie sieht sie den Tod? „Der Tod ist Teil meines Lebens. Ich habe vor dem Totsein keine Angst, aber ich wünsche mir, dass ich mich verabschieden kann von meinen Lieben. Der Tod ist ein wohlwollender Begleiter. Ich sehe ihn nicht als etwas Bedrohliches, er gibt meinem Leben eine Ausrichtung“, so Thalinger. „Kaum jemand bereut etwas, was er getan hat. Meistens wird das bereut, was wir nicht getan haben.“ 

Autor:
  • Ella Necker
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