Glaube verpflichtet: Reform als gelebte Treue
800 Jahre DominikanerGünter Reitzi ist Idealist in einer Welt der Konflikte. Sein Maßstab: ein Glaube, der die Herzen der Menschen weitet, Gewalt verneint und die Kirche verändert, wo sie Menschen einengt. Er hält dabei Spannungen aus: zwischen Ordenstreue und Reform und zwischen Weltkirche und lokaler Realität. Und wie auf dem Motorrad gilt: Nur wer balanciert, kommt weiter.
Quo vadis, Günter Reitzi?
Um in Reitzis Welt einzutauchen, muss zuerst die Klostermauer überwunden werden. „Unsere Hütte feiert jetzt achthundert Jahre Bestehen“, merkt er humorvoll an. Diese Hütte sei dabei aber kein „Besichtigungskloster“, wie Reitzi klarstellt. Vielmehr handelt es sich um einen Ort der Gemeinschaft, der durchaus etwas abgegrenzt von der Außenwelt lebt.
Ob der Eintritt in den Dominikanerorden die richtige Entscheidung war, weiß er bis heute nicht. „Ich glaube, es gibt keine Sicherheit, es gibt nur den Wagemut, sich darauf einzulassen.“ In Teilen seines Lebens hat ihm dieser Wagemut gefehlt. Zwischenzeitlich war ihm nicht klar, ob er sich ein zölibatäres Leben überhaupt vorstellen konnte. Die Berufung zu sozialen Tätigkeiten, etwa als Krankenpfleger, hat er hingegen immer schon verspürt. Das hat einen einfachen Grund: „Weil für mich der Mensch im Mittelpunkt steht.“ Zudem fehlt ihm auch die technische Begabung für handwerkliche Berufe, wie er mit einem Augenzwinkern sagt.
„Ich glaube, es gibt keine Sicherheit, es gibt nur den Wagemut ...“
Günter Reitzi
Auch welcher Orden ihn wirklich anspricht, war ihm anfangs unklar. Zwischen den Jesuiten und den Benediktinern habe er geschwankt. 1977 lässt er sich dann doch wagemutig auf ein Leben als Dominikaner ein, das er nun seit fast 50 Jahren als Ordensmann führt. Sein geistliches Leben ist aber auch von „dunklen Glaubenszeiten“ geprägt. Im Zuge von drei Krebserkrankungen machen sich Zweifel in ihm breit – „... wo man dann schon fragt, was sich der Chef dabei denkt.“ Was Gott ihm damit sagen wollte? Reitzi geht in sich und sagt impulsartig: „Steh’s durch.“
„Missbrauch der Liebe Gottes“
Existentialistische Fragen begleiten Reitzi aber nicht nur im Hinblick auf die Kirche. „Allein wenn ich jetzt die Situation unserer Welt anschaue, da kommt einem die Frage: Gibt es Gott wirklich?“ Gott habe den Menschen die Freiheit gegeben, aber was wir derzeit erleben, sei ein „Missbrauch der Liebe Gottes“.
Sein Leitmotiv ist daher, dass die Kirche sich gegen jegliche Form von Gewalt einsetzen muss. Zu diesem Zweck ist er selbst Repräsentant seines Ordens bei der UNO. Zusätzlich macht er sich als Redner auf Palästina-Demos stark. Auf seine Rolle bei diesen Protesten angesprochen, kontert er: „Ich habe versucht, darauf hinzuwirken, dass beide Seiten sich auf den Frieden konzentrieren und nicht aufeinander einschlagen.“ Für Reitzi steht der Konsens im Mittelpunkt seines Wirkens.
„Da kommt einem die Frage: Gibt es Gott wirklich?“
Günter Reitzi
Auch Reitzis persönliche politische Einstellung kommt im Alltag nicht zu kurz. Im Orden hat er sich die Zuschreibung der „roten Socke“ eingehandelt. Zum Aufmarsch am Ersten Mai ist er zwar nicht gegangen, hat aber per Smartphone eine virtuelle rote Nelke an seine Bekannten verschickt. Einen möglichen Widerspruch zu seinem Glauben löst er spielerisch: „Und dann hinten dran habe ich ein Marienbild geschickt, zum Beginn des Marienmonats.“
Günter Reitzi: „Die Kirche braucht Reformen“
„Ecclesia semper reformanda“, sagt er, angesprochen auf den kirchlichen Wandel. Die Weiterentwicklung der Kirche ist für ihn keine Frage, sondern eine Notwendigkeit. „Und ich glaube, das haben wir in den letzten Jahrhunderten ein bisschen verschlafen.“ Aufholbedarf sieht er bei der Stellung der Frau, bei der Diskussion zum Zölibat und vor allem auch beim Thema Sexualität. Einem ihm persönlich bekannten homosexuellen Paar, das in der Nähe lebt, steht er vollkommen vorurteilsfrei gegenüber.
„Ecclesia semper reformanda.“
Günter Reitzi
Gleichzeitig reflektiert er aber auch über den globalen Charakter der Kirche. „Wir müssen ja auch auf die Kirche auf anderen Kontinenten schauen, und zum Beispiel in Afrika wäre das unmöglich.“ Auch der Frieden innerhalb des Christentums ist ihm ein großes Anliegen. Besonders die Verständigung zwischen orthodoxer und katholischer Kirche sei bereits auf einem guten Weg gewesen. Jetzt ist sie aber ins Stocken geraten. „Ein Patriarch, der Putins Angriffskrieg absegnet und ihn gutheißt, mit dem kann ich keine Ökumene betreiben.“ Auch die sinkenden Mitgliedszahlen der Kirche in Österreich lösen bei ihm tiefe Bedenken aus. Die Schuld daran sucht er aber nicht bei den Menschen selbst. „Wir müssen erst einmal schauen, dass wir uns als Kirche so verhalten, dass sich die Menschen zu Hause fühlen können.“ Konkret bedarf es laut Reitzi einer Modernisierung der Gottesdienste. „Indem die Predigt etwas ist, was mit dem Leben der Menschen zu tun hat, oder nicht nur die Schubert-Messe gesungen wird, sondern vielleicht auch einmal etwas anderes.“
Göttliche Freizeit: Was macht Günter Reitzi abseits des Konvents?
Als Kirche die Balance zu finden, ist die eine Schwierigkeit, aber als Prior genügend Freizeit zu finden, ist eine ganz andere. Dennoch hat auch Reitzi immer wieder Freiräume. Etwas sarkastisch erzählt er mit Freude von seinem letzten Ausflug: „Ich bin von München nach Wien zurückgefahren und bin am Mondsee von der Autobahn hinunter und hab das Linienrundfahrtsschiff bestiegen und mir gedacht: ‚Wisst’s was? Habt’s mich gern daheim, ich bleib hier.‘“ Humorvoll fügt er hinzu, dass es ihn aber dann doch wieder ins Kloster zurückgezogen hat.
Er entspannt auch bei seiner zweiten Leidenschaft: dem Motorradfahren. Seit seinem 16. Lebensjahr ist er „zum Schock meiner Mutter“ bereits auf zwei Rädern unterwegs. Aus dem Motorradfahren zieht er auch Lehren für sein Leben im Kloster. „Motorradfahren hat etwas mit Selbstbeherrschung zu tun, und wenn du nicht balancierst und nicht wirklich schaust in den Kurven, dann haut’s dich hin.“ Denn auch das Zusammenleben in der Gemeinschaft ist nicht immer ganz ohne Konflikte, wie Reitzi mit einem Augenzwinkern betont.
Jubiläumsfest
Am Wochenende 12.–14. Juni 2026 begehen die Dominikaner das zentrale Jubiläumsfest der 800-Jahr-Feier.
- Fr. 12. 6., 19:30 Uhr: Kreuzgang-Heuriger „Wienerlied“ im Innenhof, österreichische Weine und Heurigen-Schmankerln im Kreuzgang.
- Sa. 13. 6., 16:00 Uhr: Kloster-Führung (Kreuzgang, Refektorium, Kapitelsaal, Sommerchor) mit Pater Christoph Wekenborg, circa eineinhalb Stunden, Eintritt frei – Spende erbeten.
- Sa. 13. 6., 20:00 Uhr: Jubiläumsfestkonzert „Te Deum laudamus“, Chor und Instrumentalisten, Orgel: Basilika-Organist Bertalan Ablonczy, Moderation: Pater Christoph Wekenborg. Angemessene Spende erbeten (circa 15 Euro).
- So. 14. 6., 10:00 Uhr: Pontifikalamt „800 Jahre Dominikaner in Wien“, Zelebrant und Prediger: Seine Eminenz Christoph Kardinal Schönborn, Alt-Erzbischof von Wien, Musikalische Gestaltung: Orchestermesse, anschließend Kloster-Fest in Basteigarten, Kreuzgang und Thomas-Saal mit Speis und Trank, Führungen und Musik, Begegnung und Gespräch, Sonder-Briefmarken-Präsentation und Sonderpostamt.