Mehr Humor und nicht zurückschlagen
Internationales Gebetsfrühstück„Wir bitten um seinen Segen“, ein ungewöhnlicher Morgen im Hohen Haus am Ring mit Politikerinnen und Politikern aller Parteien. Bei Kaffee, Semmeln, Joghurt und Marmelade sollten mehr als 50 Abgeordnete, Vertreterinnen und Vertreter der Kirchen und Religionsgemeinschaften plaudern, einander kennenlernen und gemeinsam beten.
Singen, beten und frühstücken im Parlament
Die beiden Moderatorinnen des Vormittags Elisabeth Feichtinger (SPÖ) und Gudrun Kugler (ÖVP) setzen sich jährlich für das Parlamentarische Gebetsfrühstück ein. Sie stehen mit Christian Schandor (FPÖ), Agnes Trotter (ÖVP) und dem Ex-Mandatar Karl-Arthur Arlamovsky (NEOS) für das oft zitierte „Gemeinsame“ in der Politik.
Unterstützt wurden sie von Abgeordneten aller Parteien – bei den Fürbitten, den Tischverantwortlichen für die 300 Gäste oder beim Parlamentschor, der als Mosaikstein der Verständigung unterstützt vom bekannten Kirchenmusiker Thomas Dolezal kräftige harmonische Töne von sich gibt.
Fazit:
„Vielfalt ist eine Stärke, aus der wir lernen können!“
Und so wollte das Gebetsfrühstück auch dazu beitragen, „mit einem guten Gefühl in den Tag gehen.“
Kardinal Schönborn beim Gebetsfrühstück
"Es ist schwierig, über Politik zu reden, denn Politiker eine schwierige Aufgabe haben", sagte der frühere Wiener Erzbischof als Impuls-Vortragender beim neunten Internationalen Gebetsfrühstück im österreichischen Parlament. In Anlehnung an den Europapolitiker Robert Schuman (1886-1963) könne er der Politik dennoch drei Haltungen ans Herz legen:
Entdramatisieren, Humor bewahren und die Schläge, die man bekommt, nicht erwidern.
Haltung in der Politik
- Entdramatisieren dürfe nicht mit Kleinreden oder Verharmlosen verwechselt werden.
"Wir leben in echten Dramen, etwa im Blick auf den Sudan, wo sich derzeit laut UNO die größte humanitäre Katastrophe ereignet, oder im Blick auf die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten", so Schönborn. Aber wir sollten, "genau hinschauen und differenzieren". Aus der Sicht des Glaubens gäbe es die grundlegende Erfahrung, "Gott ist da, er verlässt uns nicht". Die Bibel könne als ein "Drama von Gott und Mensch" verstanden werden, getragen von der Einsicht, "dass Gott der Herr der Geschichte ist und wir in diese Geschichte hineingenommen sind und mitwirken".
- Gemeinsam lachen
"Es wäre gut, wenn man im Parlament gemeinsam lachen kann", riet der Kardinal den anwesenden Abgeordneten aller Parteien zu. Humor sei auch ein wichtiges Korrektiv, weil er "hilft, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen".
3. "Man muss im Gespräch bleiben."
Nicht zurückzuschlagen, wenn man Schläge erhält, sei sicher die "anspruchsvollste Haltung", das hätten ihm schon etliche Politiker bestätigt, so der frühere Wiener Erzbischof. "Nicht zurückzuschlagen ist aber sehr vernünftig.“ Österreich habe die bewährte politische Tradition, sich an den Tisch zu setzen und auszureden.
Der Kardinal empfahl die Orientierung an Jesu mit dem bekannten Wort: "Die Wahrheit wird euch frei machen" – in der katholischen Kirche ist dies auch die Maxime bei der Aufarbeitung der Verbrechen der Missbrauchsfälle.
In seinem Impuls erinnerte der Kardinal an den Staatsakt "Geste der Verantwortung" mit zahlreichen Betroffenen am 17. November 2016 im Parlament. Er habe damals als Vertreter der Kirche um Vergebung gebeten und gleichzeitig betont: „Die Würde kann verletzt werden, aber die Würde des Menschen kann nicht genommen werden.“
Hochrangige politische und kirchliche Vertreter beim Gebetsfrühstück
In Vertretung des Wiener Bürgermeisters Michael Ludwig sprach die Landtagsabgeordnete Luise Dräger-Gregori (SPÖ). Auch sie betonte, dass das Parlamentarische Gebetsfrühstück als "Ort der Besinnung" Menschen unterschiedlicher Überzeugung zusammenbringe, was ein "unschätzbarer Wert" sei. Das Gebetsfrühstück wolle Brücken bauen statt Gräben zu vertiefen.
Vielfalt ist eine Stärke, aus der wir lernen können, wenn wir einander mit Respekt begegnen.
Von der Katholischen Kirche waren der Sankt. Pöltner Bischof Alois Schwarz, sein Amtsvorgänger Klaus Küng, der Wiener Weihbischof Franz Scharl und Bischofskonferenz-Generalsekretär Peter Schipka gekommen. Auch der armenisch-apostolische Bischof und Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), Tiran Petrosyan, der syrisch-orthodoxe Chorepiskopos Emanuel Aydin und der Wiener Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister folgten der Einladung.
Ebenso waren Vertreterinnen und Vertreter der Freikirchen, der evangelischen, orthodoxen und orientalisch-orthodoxen Kirchen, sowie der neuapostolischen Kirche gekommen. Auch Repräsentanten des Islam, der Bahai und der Aleviten kamen zum Gebetsfrühstück.
Das Gemeinsame über dem Trennenden
Eröffnet wurde das Gebetsfrühstück mit einer Videobotschaft von Nationalratspräsident Walter Rosenkranz (FPÖ). Dieser würdigte das Parlamentarische Gebetsfrühstück als eine Initiative, die für "Verantwortung, Orientierung und Zusammenarbeit über Grenzen hinweg" stehe. Das Parlamentarische Gebetsfrühstück sei ein "Raum der Besinnung, des Zuhörens und des Gebets. Es braucht solche Orte, wo das Gemeinsame über das Trennende steht."
Gebetsfrühstück - eine Initiative für alle Gläubigen seit 1981
Im Parlament in Wien gibt es seit 1981 regelmäßige kleinere Treffen von Abgeordneten zum Austausch und Gebet, bei denen seit 2016 alle Fraktionen vertreten sind. Sie treffen sich dazu in der Regel monatlich vor den Plenarversammlungen des Nationalrats. Bekanntheit erlangte diese interreligiöse und fraktionsübergreifende Initiative in Österreich, die seit über 60 Jahren in den USA praktiziert wird, durch das erste nationale und öffentliche Gebetsfrühstück 2017 im Parlament in Wien.