Ein Zuhause für Igel, Hummel & Co.

Tag der Biodiversität
Ausgabe Nr. 20
  • Leben
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Zwischen Zierrasen, Thujenhecke, Blumenwiesen und Obstbäumen entscheidet sich, ob Igel, Hummel und Buntspecht im Garten ein Zuhause finden – oder weiterziehen.
Zwischen Zierrasen, Thujenhecke, Blumenwiesen und Obstbäumen entscheidet sich, ob Igel, Hummel und Buntspecht im Garten ein Zuhause finden – oder weiterziehen. ©istock

Wie lebendig sind unsere Gärten? Das Projekt BIODIVERCITI will dafür ein Bewusstsein schaffen und Gartenbesitzerinnen und -besitzer dazu motivieren, ihren Garten „artenfit“ zu machen.

Das leise Rascheln im Gebüsch, wenn ein Igel sich auf die Suche nach Nahrung macht. Das Brummen einer Hummel, die sich an der Blüte eines Gartenrittersporns niederlässt. Oder ein lautes Klopfen an der Fichte, das anzeigt, dass auch ein Buntspecht hier einen Lebensraum gefunden hat. Wer solche Begegnungen im eigenen Garten macht, erlebt Artenvielfalt ganz unmittelbar und direkt. „Gerade in unseren Gärten steckt enormes Potential“, sagt dazu Sebastian Seebauer von der Joanneum Research Forschungsgesellschaft. In Zusammenarbeit mit dem Naturschutzbund und der Universität für Bodenkultur hat er das Projekt Biodiverciti ins Leben gerufen, das zum Ziel hat, genau darauf hinzuweisen und zu motivieren, den eigenen Garten zu einem attraktiven Rückzugsort für Tiere und einem abwechslungsreichen Standort für Pflanzen zu machen. „Artenvielfalt ist eine zentrale Voraussetzung dafür, dass unser Ökosystem stabil bleibt und wir auch in Zukunft alle gut leben können.“

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Biodiversität im eigenen Garten

Das Projekt Biodiverciti will Artenvielfalt in den heimischen Gärten fördern. Was bedeutet das konkret – woran erkennt man Artenvielfalt in einem Garten?

Sebastian Seebauer: Ein artenreicher Garten ist ein Garten, in dem sich viel tut, in dem es die verschiedensten Lebensräume und Pflanzenarten gibt, die dann den unterschiedlichsten Tieren Lebensraum und Nahrung bieten – ganz kleinen wie den Insekten, aber auch größeren wie Igel, Blindschleiche oder Buntspecht. Will ich meinen Garten biodivers gestalten, braucht es also sonnige Plätze genauso wie schattige, kühlere. Ich brauche feuchte Stellen, aber auch trockene. Ich brauche mehr bunte Blumenwiesen und weniger gepflegten Rasen, zudem verschiedenste Hecken und Bäume. 
 

Wenn mein Garten heute all diesen Kriterien noch nicht entspricht, wie kann ich ihn „artenfitter“ machen? 

Da braucht es oft gar nicht so viel, wie man meinen möchte: Beginnen Sie doch einmal damit, weniger zu düngen, weniger Pestizide zu versprühen. Lassen Sie ein „wildes Eck“ im Garten stehen, einen Platz, wo wachsen darf, was wächst, und greifen Sie möglichst wenig ein. Entscheiden Sie sich bewusst für eine bunte Blumenwiese – vielleicht auch nur in einem Teil des Gartens. Solche Maßnahmen ändern schnell sehr viel. Insekten reagieren sehr schnell auf solche Veränderungen und ziehen dann andere Tiere an.

Den Garten "artenfit" machen

Kleine Ursache, große Wirkung also?

Ja, absolut. Wobei natürlich das Wunschziel aus unserer Sicht wäre, dass Menschen ihre Gärten größer umbauen, mehr tun – vielleicht die alte Thujenhecke ausreißen und heimische Strauchpflanzen setzen. Entscheidet man sich für derartige größere Veränderungen, sieht man natürlich dann noch mehr Veränderungen bei Tieren und Pflanzen.Und das ist auch der Gedanke des Projekts: Wir wollen Mut machen. Erst die kleinen Erfolge einfahren und dann, wenn man sieht, das funktioniert gut, das ist vielleicht sogar weniger Aufwand in der Pflege, als es vorher war, dann kann man sich immer weitere Schritte trauen und dann auch größere Erfolge sehen. 
 

Arten also, die nur dann in einem Garten anzutreffen sind, wenn der Garten bestimmte Kriterien erfüllt, und die man auch als Laie gut erkennen kann...

Sebastian Seebauer

Erste Erfolge im Garten

Und wie kann man diese Erfolge sehen? 

Wir haben in unserem Projekt eine ganze Reihe sogenannter Indikatorarten definiert. Arten also, die nur dann in einem Garten anzutreffen sind, wenn der Garten bestimmte Kriterien erfüllt, und die man auch als Laie gut erkennen kann, wenn man sich ein bisschen Zeit nimmt und sich in aller Ruhe in seinen Garten setzt und einfach mal beobachtet – Igel, Blindschleiche, Kohlmeise oder Buntspecht zum Beispiel. Dieses Arten-Suchen macht ja auch Spaß – auf diese geradezu detektivische Spurensuche zu gehen und zu schauen, welche Hummel erkenne ich, welche Vögel kommen in den Garten, habe ich vielleicht neue Amphibien, die sich bei mir wohlfühlen. Wir versuchen damit auch, die Menschen wieder nahe an die Natur heranzubringen, sie dazu zu motivieren, wahrzunehmen, was rund um sie herum passiert.

Warum Biodiversität wichtig ist

Warum ist es wichtig, dass wir auf Biodiversität achten? Was bringt uns Artenvielfalt?

Das Fehlen von Biodiversität ist die nächste große Krise, die nach der Klimakrise auf uns zukommt. Konkret ist sie eigentlich längst da, aber wir spüren sie noch nicht so sehr. In einer biodiversen Welt zu leben, bedeutet, in einem stabilen, gesunden und widerstandsfähigen Ökosystem zu existieren, das uns etwa Nahrung, sauberes Wasser und frische Luft sichert. Umgekehrt: Achten wir nicht auf Biodiversität, werden immer mehr Arten von diesem Planeten verschwinden. Wir werden über kurz oder lang auf einen immer kleineren, immer schmäleren Genpool zurückgreifen können und damit wird das Ökosystem, in dem wir leben, insgesamt instabiler werden. 

Mehr Lebensqualität durch Artenvielfalt im Garten

Artenvielfalt hat also eine direkte Auswirkung auf unsere Lebensqualität?

Absolut. Man kann Biodiversität in diesem Sinne vielleicht auch ein Stück unter dem Vorsorgeprinzip argumentieren. Wir müssen jetzt versuchen, die Situation so gut wie möglich zu erhalten, um auf spätere Herausforderungen besser vorbereitet zu sein, auf Klimaschocks besser reagieren zu können. Und abgesehen davon bleibt ja auch immer, dass wir Menschen für die Natur verantwortlich sind, dass die Natur einen intrinsischen, also einen ihr innewohnenden Wert hat und geschützt gehört.

Biodiversität in der Landwirtschaft

Die Biodiversität zu erhalten ist damit aber klar auch ein globales Problem, richtig? Und die Maßnahmen, die man im eigenen Garten setzt, sind gut und wichtig, aber können längst nicht alles sein?

Klar ist, dass Landwirtschaften durch eine intensive Bewirtschaftung der Felder und damit als wirklich große Flächennutzer oft die massivsten Biodiversitätseinbußen herbeiführen. Auch die Forstwirtschaft fällt da in diesen Bereich hinein. Anders gesagt: Wir dürften die Land- und Forstwirtschaft da nicht aus der Verantwortung lassen. 
Gleichzeitig gibt es in Städten eine biodiversere Landschaft als am Land, weil eben Städte sehr kleinteilig strukturiert sind und dort bestimmte Arten eher passende Nischen finden können als in einer intensiv bewirtschafteten Ackerlandschaft, wo es nur wenige Baumgruppen oder Sträucher gibt.
 

Die Veränderungen im eigenen Garten, die Entscheidung für oder gegen eine politische Partei, das macht einen Unterschied.

Sebastian Seebauer

Es beginnt im eigenen Garten

Man darf die vielen kleinen Schritte, die jeder und jede Einzelne von uns setzen kann, also nicht unterschätzen? 

Keinesfalls. Man muss ermutigen. Die Veränderungen im eigenen Garten, die Entscheidung für oder gegen eine politische Partei, das macht einen Unterschied, wenn auch nur einen kleinen. Oder, was ich für wirklich wichtig halte, auch wie wir unsere Ernährung gestalten, ist nicht egal – sich etwa konsequent für biologische, regionale und saisonale Lebensmittel und vermehrt gegen tierische Produkte zu entscheiden. Gerade eine Umstellung unseres Ernährungsverhaltens kann großen Nutzen für die Biodiversität haben. Ich selbst esse zum Beispiel gerne Fleisch und auch gerne tierische Produkte wie Käse – und ich bin damit weit davon entfernt, zu sagen, dass wir alle Veganer und Veganerinnen werden müssen, aber ein bewussterer Umgang täte uns einfach gut. Sich fleischarm oder mit vegetarischen Produkten zu ernähren, ist ja nebenbei bemerkt nicht nur für die Biodiversität gut, sondern auch für den Klimaschutz. Unser Fleischkonsum ist einfach ein wesentlicher Treiber der Intensivlandwirtschaft, weil wir riesige Flächen brauchen, auf denen die Futtermittel produziert werden. Auf diesen Flächen passiert sonst nichts anderes. Und damit können dort auch keine anderen Lebensformen Platz finden.
 

Umdenken notwendig

Ohne unser Umdenken und unser Zutun werden wir also auf lange Sicht die Biodiversität nicht erhalten können?

Um diese gesamte Herausforderung effektiv angehen zu können, müssen schon mehrere Akteure – eben auch die großen wie Landwirtschaft und Forstwirtschaft – zusammenspielen. Aber auch jeder Beitrag, den wir leisten können. Jeder Hebel, den wir betätigen können, sollte genutzt werden. Anders gesagt: Wenn wir unsere Ernährungsgewohnheiten nicht ändern, werden wir unsere Gärten noch so biodivers machen können, wir werden einen großen Hebel auslassen. Im Grunde ist es aber keine Entweder-oder-Frage für mich. Es ist ein Sowohl-als-auch-Denken, das wir verkörpern und leben sollten. Und wahrscheinlich müssen wir da wohl auch ein bisschen strenger mit uns selbst sein.

©Fiedler Photography

Zur Person


Dr. Sebastian Seebauer ist Umweltpsychologe und Experte für Klima und ­Biodiversität. ­Er arbeitet und forscht bei der Joanneum Research Forschungsgesellschaft in Graz. 

©pixabay/pascalwicht

BIODIVERCITI: Wie artenfit ist mein Garten?


Das Projekt BIODIVERCITI untersucht, wie sich bestimmte Maßnahmen auswirken, die in privaten Gärten gesetzt werden, um die Biodiversität zu steigern. BIODIVERCITI setzt dabei auf die Mithilfe von sogenannten Citizen Scientists, Freiwilligen, die bei wissenschaftlichen Projekten wie diesem mitwirken – ganz ohne Spezialausbildung, aber mit der Liebe und dem Auge fürs Detail. 
 

Beim Projekt BIODIVERCITI sollen diese Citizen Scientists biodiversitätsfördernde Maßnahmen in ihrem Garten umsetzen – dazu gehört zum Beispiel der Verzicht auf Pestizide, das Anlegen eines Totholzhaufens oder eines Biotops, aber auch das Pflanzen bestimmter Blumen, Hecken oder Sträucher. Das alles schafft dann neue Bedingungen und Lebensräume im Garten und ist die Grundvoraussetzung dafür, dass sich bestimmte Tiere – neu – im Garten ansiedeln. Welche und in welchem Ausmaß das soll dann beobachtet und gemeldet werden. 


Nähere Informationen – auch zu den einzelnen Maßnahmen, die Sie für einen biodiversen Garten setzen könnenfinden Sie hier.

 

Autor:
  • Portraitfoto von Andrea Harringer
    Andrea Harringer
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