Die ganze Welt ist eine Bühne
Sommergespräch: David MaayanMehrmals war David Maayan mit seinen Produktionen Gast der Wiener Festwochen. Bei Projekten wie „Arbeit macht frei vom Toitland Europa“ und „Kohelet“ wurde man als Zuschauer mit der leidvollen jüdischen Geschichte von Abraham bis zum Holocaust konfrontiert. Maayan gilt als Theaterpionier. Er verfolgt eine eigene Methode, die persönliches Material als Ausgangspunkt für dramatische Entwicklungen behandelt.
Theater als Ort der Begegnung und Transformation
Wie beschreiben Sie ihre künstlerische Arbeit?
DAVID MAAYAN: Ich bin ein Theaterkünstler. Und mich interessieren die so genannten Zufälle, die hinter der Bühne passieren. Ich habe in Tel Aviv Regie und Schauspiel studiert und schon damals verstand ich nicht, warum am Theater jemand auf der Bühne steht, einen Text aufsagt und das Publikum schläft ein bisschen. Mich hat mehr interessiert, wie die Menschen ins Theater kommen, was sie mitbringen und nicht unbedingt das, was auf der Bühne gezeigt wird. Und das ist wirklich ein wichtiger Punkt, um die Arbeit zu verstehen, die ich gemacht habe.
Ich persönlich finde es immer traurig, wenn der Vorhang fällt. Alle verlassen blitzschnell das Theatergebäude. Mir fehlt die Zeit, um gemeinsam darüber nachzudenken, was während der Aufführung passiert ist. Geht es Ihnen genauso
Ja, natürlich. Wenn wir nur 100 Jahre zurückgehen, dann war das Theater ein Ort der Magie. Die Zeit vor der Elektrizität. Das Bühnenlicht kam von zahlreichen Kerzen.
Es gab eine magische Vereinbarung zwischen dem Publikum und den Schauspielern.
Heute ist das Theater zu einer intellektuellen Erfahrung geworden und nicht zu einer emotionalen Erfahrung. Aber wir können das ändern, es ist möglich!
Wie hat sich Ihr Schaffen im Laufe Ihres Lebens verändert? Ist Ihre Theaterarbeit heute anders als noch vor 30 Jahren
Den größten Teil meines Lebens habe ich als israelischer Regisseur Werke über den Holocaust gemacht. Und schließlich, nach einer bestimmten Arbeit, die ich darüber gemacht habe, sagte ich: „Das war’s. Es ist getan.“ Auf meine Weise habe ich dazu beigetragen, einen Schritt nach vorne zu machen, ohne zu sagen, wen man beschuldigen soll und was auch immer.
Künstlerische Entwicklung und Zukunftsvisionen
Ist also das Theater für Sie ein Ort, an dem die Menschen Erleichterung finden, oder an dem die Menschen Utopie finden?
Ja. Wenn die Leute ins Theater gehen, wollen sie das Beste dort finden. Wenn also eine Person krank ist, geht sie ins Theater und die Hauptsache für sie ist, dass das Theater ein Teil ihrer Heilung sein wird.
Meine Arbeit hat auch den Aspekt der Heilung.
Die Idee ist, ins Theater zu gehen, um dort das Beste zu finden. So wie wir ins Leben gehen, um dort das Beste zu finden.
Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?
Einfach sein. Sein als ein Zustand. So ist es auch mit dem Theater. Es gibt das Theater, das auf dem Tun basiert. Und jenes, das auf dem Sein basiert. Ich orientiere mich am Sein. Und das ist ein gutes Gefühl.
Sommergespräch
Eine Kooperation von radio klassik und Der SONNTAG. Das ganze Gespräch mit David Maayan hören Sie am 27. Juli um 19:00 Uhr auf ▶ radioklassik.at