Der Antichrist und das Ende der Welt

Verteufelung oder Gespräch
Ausgabe Nr. 43
  • Politik
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UNO-City in Wien: Für manche US-Amerikaner sind die Vereinten Nationen der „Antichrist“.
UNO-City in Wien: Für manche US-Amerikaner sind die Vereinten Nationen der „Antichrist“. ©Wikicommons
Wolfgang Palaver lehrte Christliche  Gesellschaftslehre an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck.
Wolfgang Palaver lehrte Christliche Gesellschaftslehre an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck. ©Stefan Kronthaler

Für die einen ist der philosophisch-theologisch interessierte amerikanische Unternehmer Peter Thiel fast der Gottseibeiuns. Für die anderen, wie etwa für den Innsbrucker Theologen Wolfgang Palaver, ist Thiel ein Gesprächspartner, den er aber auch sachlich und inhaltlich kritisiert.

Ich habe Anfang der 1990er-Jahre in den Vereinigten Staaten an der Universität Stanford den Kulturanthropologen und Religionsphilosophen René Girard kennengelernt. Damals war auch Peter Thiel unter den Studierenden“, erzählt der langjährige Universitätsprofessor für Christliche Gesellschaftslehre in Innsbruck Wolfgang Palaver im Gespräch mit dem SONNTAG. Die internationale Girard-Gesellschaft veranstaltet ein jährliches Colloquium, 1996 wurde über den Antichrist und den „Katechon“ gesprochen. Ein Schüler des  Paulus erwähnt im zweiten Brief an die Thessalonicher (Kapitel 2, Verse 6 und 7) den „Katechon“ als eine den Antichrist „aufhaltende“ Macht. Dieser „Katechon“ ist eine Rätselfrage seit dem 2. Jahrhundert, selbst Augustinus war schlicht ratlos, wer oder was das sein soll. Die einzige Aufgabe des – positiv besetzten – „Katechon“ besteht darin, das Kommen des Antichrist noch „aufzuhalten“. „Peter Thiel war damals noch kein Millionär und schon gar kein Milliardär, er saß im Publikum und hat dann auch länger mit mir gesprochen. Das war unsere erste Begegnung, im Juni 1996“, sagt Palaver.

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Peter Thiel: Verteufeln oder das Gespräch suchen?

Stichwort Peter Thiel, der ja für manche sozusagen wie ein Gottseibeiuns ist. Was ist vernünftiger: Ihn, wie es manche tun, fast zu verteufeln oder, so wie Sie es machen, das Gespräch mit ihm zu suchen?

WOLFGANG PALAVER: Ich finde es wichtig, das Gespräch zu suchen. Damals habe allerdings nicht ich das Gespräch gesucht, sondern er ist oft auf mich zugekommen und hat Fragen gestellt und ich habe geantwortet. Das würde ich im Prinzip mit jedem Menschen tun, soweit die Zeit und die Möglichkeit das erlauben. Und nachdem wir einerseits die wissenschaftlichen Theorien von René Girard als gemeinsame Grundlage haben und wir andererseits beide behaupten, Christen zu sein, gibt es sehr viel, worüber man dann reden kann, auch wo man unterschiedlicher Meinung ist. Als Peter Thiel vor drei Jahren die Aussage getätigt hat, dass er das Christentum Konstantins gegenüber dem Christentum der Mutter Teresa bevorzuge, da habe ich einen kleinen Essay geschrieben. Dass das nämlich unerhört ist und dass es so nicht geht, weil das aus katholischer Sicht ein Rückfall hinter das Zweite Vatikanische Konzil ist. Denn das Zweite Vatikanische Konzil zeichnet sich durch eine Absage an den lange vorherrschenden Konstantinismus aus.
 

"Die Vereinigten Staaten sind aus ihrer Geschichte heraus ganz stark biblisch geprägt."

Peter Thiel und der Antichrist

Kann man die Gedanken von Thiel, etwa über den Antichrist, als theologische Ideen bezeichnen?

Ja, er schließt da einerseits an den deutschen Staatsrechtler Carl Schmitt an, andererseits an mittelalterliche Traditionen. Die Texte über den Antichrist oder über den schon genannten „Katechon“ sind eine Theologie, die Thiel nicht selbst erfunden hat, sondern an die er anknüpft. Diese Texte brauchen allerdings  eine sehr gute und fundierte Interpretation.
 

Religion in den USA

Warum haben gerade in den USA theologische Argumente ein solches politisches Gewicht im Vergleich zu Österreich oder Deutschland?

Das hängt damit zusammen, dass die Vereinigten Staaten aus ihrer Geschichte heraus ganz stark biblisch geprägt sind. Die Gründungsväter und -mütter gehörten zu aus Europa vertriebenen christlichen Gruppen. Biblisches Denken und das Christentum haben daher in den USA eine große Tradition. Man darf nie vergessen: Die Demokratie der USA ist wesentlich, aber nicht nur, aus religiösen Quellen hervorgegangen, während die europäische Demokratie, Stichwort Französische Revolution, gegen die katholische Kirche erkämpft worden ist. Und dann gibt es das Phänomen in den Vereinigten Staaten, dass es dort sehr viele evangelikale Christen gibt, für die bestimmte fundamentalistische, also eher eng geführte Interpretationen der Bibel, die sehr stark apokalyptisch ausgerichtet sind, vorherrschend sind. Wenn also Peter Thiel über diese Themen spricht, dann empfinden wir Europäer das als völlig abstrus: Warum redet man überhaupt so über diese Dinge? In den USA hat das aber eine große Resonanz.
 

Peter Thiel und Donald Trump

Und man weiß dort oft auch gleich und schnell, wer der „Antichrist“ ist ...

Das ist mir schon vor 35 Jahren aufgefallen, als ich ein Jahr dort war, dass da ständig in bestimmten Kreisen gesagt wurde: Die UNO ist der Antichrist, Gorbatschow war dann der Antichrist, später war es auch US-Präsident Obama. Das ist also in den USA weit verbreitet und spielt auch politisch eine große Rolle. Donald Trump wäre ohne die Unterstützung von 80 Prozent der Evangelikalen und weit über die Hälfte auch der Katholiken nicht Präsident geworden. 2015 gab es ein Interview in der „New York Times“ mit Hillary Clinton. Als ihr Lieblingsbuch nannte sie damals die Bibel. Mich hat das ziemlich überrascht. Aber es ist auf alle Fälle so: Wenn man im Sinn der linken, der demokratischen Seite Erfolg haben will in den USA, dann muss man sich irgendwie auch religiös positiv positionieren. Und das verstehen wir in Europa nicht wirklich.
 

"Wenn man im Sinn der  demokratischen Seite Erfolg haben will in den USA, muss man sich religiös positiv positionieren. Das verstehen wir in Europa nicht."

Papst-Kritik an Peter Thiel

Lässt sich die erste Enzyklika von Papst Leo XIV. über die künstliche Intelligenz („Magnifica humanitas“ – „Die großartige Menschheit“) auch als subtile Kritik an Peter Thiel lesen oder interpretieren?

In meinen Augen muss man sie gar nicht als Kritik an Thiel lesen. Wenn man die Enzyklika genau durcharbeitet, dann enthält sie sehr viele Angebote – auch für Leute wie Thiel. Dort, wo Thiel theologisch argumentiert, betont er ganz stark, und das gilt es durchaus positiv zu sehen, dass wir Menschen zum Mitschöpfertum aufgerufen sind. Der Gedanke des Mitschöpfertums kommt in der Enzyklika an vier unterschiedlichen Stellen vor, ist also ganz stark. Sie ist keine technikfeindliche oder entwicklungsfeindliche Enzyklika, sondern ein Schreiben, das durchaus versteht, dass man technologischen Fortschritt braucht. Sie betont dann auch die Grenzen und Gefahren. Die erste Reaktion von Thiel war negativ, bis dahin, dass er Papst Leo XIV. als nützlichen Idioten Chinas bezeichnet hat. 
 

Peter Thiel und "Herr der Ringe"

Findet Thiel als Fan des „Herrn der Ringe“ hier einen Anknüpfungspunkt in der Enzyklika?

Herausgefordert wird Thiel durch diese Enzyklika, indem sie Tolkiens „Der Herr der Ringe“ zitiert. Thiel hat den „Herrn der Ringe“ sechsmal gelesen, viele seiner Firmennamen hat er diesem Romanwerk entnommen. Man darf sich bei Tolkien nicht von den vielen Kämpfen irritieren lassen, sondern es geht eigentlich um diesen machtgebenden Ring. Es gibt eine Szene, wo die Hobbits, die kleinen Leute, praktisch ungesehen zum Berg kommen und dort den Ring, den sie nicht für sich aktivieren, abgeben. Die Botschaft von Tolkien ist auch, dass die demütigen kleinen Menschen die wichtigen Menschen sind, was sehr stark mit der christlichen Botschaft zusammenhängt. Wenn wir technologisch voranschreiten und so weitermachen, dann sollen wir das immer im Geiste der Demut tun, nicht als Selbstvergötzung und Selbstvergrößerung. Also je mehr wir im eigenen Machtrausch voranschreiten, desto mehr werden wir selber zu Sklaven. Wir sollen die technische Entwicklung in einem demütigen Geist betreiben, und stärker die Hilfe, die andere brauchen, im Blick haben. All das ist bei Tolkien angesprochen.

Was Peter Thiel an der Papst-Enzyklika stört

Was stört Peter Thiel dann an dieser Enzyklika?

Ich denke, was Thiel am meisten stört, ist das Wort, der Hinweis, dass das menschliche Leben auch begrenzt ist. Und das ist sicher eine entscheidende Frage: Wie weit geht es mit dem Schöpfertum, zu dem wir aufgerufen sind, und wann wird die Grenze überschritten, wo wir uns nicht mehr als Geschöpfe innerhalb der Schöpfung verstehen, sondern selber einen quasi göttlichen Status für uns anzustreben versuchen?

©Stefan Kronthaler

Zur Person


Wolfgang Palaver lehrte Christliche Gesellschaftslehre an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck. 

©David Kassl

Radiotipp


Das Interview mit Wolfgang Palaver hören Sie am 18. November in der Reihe „Im Schnittpunkt“ um 19:00 Uhr auf ▶ radioklassik.at

Autor:
  • Stefan Kronthaler
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