12 Säulen gelingenden Lebens
Fest ruhenBeide müssen auf einem festen Fundament oder auf festen Säulen ruhen und verankert sein. Wie könnten wir diese Säulen in unserem Leben benennen? Ein Überblick, ausgerichtet an der heiligen Zahl 12, die für Ordnung sorgt.
I. Gesundes Ich
Ein gesundes und stabiles Leben beginnt mit einem gesunden „Ich“. Dieses Ich wird von mir selbst geprägt, wenn ich mich erfahre als Handelnder, wenn ich mich erlebe in meiner eigenen Individualität, meiner eigenständigen und unteilbaren Ganzheit, die sich ausdrückt im Handeln, Denken und Fühlen. Mein Ich wird von mir sozusagen als mein Mittelpunkt empfunden, der die Struktur meiner Person maßgeblich bestimmt. Ein Teil davon, das sogenannte „Es“ ist der unbewusste, vegetative, instinkt-und triebhafte Teil in mir. Im „Überbleibsel“ der elterlichen, gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Autorität erlebe ich zusätzlich mein „Über-Ich“, das zusammen mit dem unbewussten „Es“ mein Ich ebenfalls leitet und beeinflusst.
„Bei negativer Entwicklung entstehen Selbstzweifel, Selbstunsicherheit, Minderwertigkeitsgefühle.“
Was prägt nun unser Selbstbild? Frühkindliche, meist elterliche Erfahrungen wie emotionale Wärme, Zuneigung, Vertrauen, Anerkennung, Lob, all das, was wir mit dem Begriff Urvertrauen bezeichnen, sind maßgeblich beim Grundlegen dieses Selbstwertgefühls, das die beste Motivation darstellt, gut zu sich selbst zu sein. Bei negativer Entwicklung entstehen Selbstzweifel, Selbstunsicherheit, Minderwertigkeitsgefühle. Die Wurzel alles Bösen in der Welt ist der Mangel an Liebe zu sich selbst. Man sollte es deshalb auch ganz bewusst einen „gesunden Egoismus“ nennen, wenn ein Mensch mit Achtsamkeit gut für sich selber sorgen und selbstverantwortlich für seine Belange gut eintreten kann. Bei nicht stabilem Selbstwert kann sich aber auch die Ich-Entwicklung ins Gegenteil kehren, zum wirklichen Egoismus, zu Ich-Bezogenheit, Ich-Sucht und sozialer Rücksichtslosigkeit.
II. Tragfähiges Du
Wir sind von Natur aus auf einen notwendigen Dialog mit einem „Du“ angewiesen. Damit das Ich überhaupt leben und überleben kann, braucht es notwendig ein Gegenüber. Seine Existenz ist von Anfang an wesentlich in dieser dialogischen Struktur gegründet. „Dann sprach Gott, der Herr: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm ebenbürtig ist (Genesis 2,18). Diese zentrale Aussage aus der Schöpfungsgeschichte stellt den Menschen fest in die Lebensweise des Dialogs, der Ansprache. Er erfährt sich im lebendigen „Du“ und erlebt sich im bergenden „Wir“. In diesem Gegenüber erfährt der Mensch seine eigentliche Würde, ja, er darf somit Ebenbild und Ansprechpartner Gottes sein, der selbst Liebe ist, dialogische Hinwendung.
„Die Wurzel alles
Bösen in der Welt ist
der Mangel an Liebe
zu sich selbst.“
„Die Liebe ist“, wie Martin Buber einmal sagt, „die Verantwortung eines Ichs für ein Du … Der Mensch wird am Du zum Ich.“ Das, was im Eigentlichen die Beziehung von Ich und Du am Leben hält, ist die Liebe. Diese Liebe könnte man mit Fug und Recht als das schönste, wirksamste, kunstvollste und stabilste Balanceverhalten im Leben überhaupt bezeichnen. Jeder ist dem anderen so etwas wie ein Tragebalken, eine Hilfe zum Stehen und Gehen. Im Gegenüber erfährt der Mensch seine eigentliche Würde, wenn er für den anderen und der andere für ihn da sein darf, wenn sie sich so gegenseitig ergänzend „helfen“.
III. Glaubensstark
Glauben ist nicht Wissen, beides muss sich aber nicht ausschließen, Glauben ist gewissermaßen ein „anderes“ Wissen, eine innere Gewissheit. Der Glaube kann so unendlich viel in unserem Leben bewirken, wenn wir ihn zulassen. Er lässt uns wachsen und ermöglicht uns, Dinge zu tun, von denen wir nie gedacht hätten, dass wir dazu überhaupt in der Lage wären. Er lässt uns erahnen, dass „mit Gott alles möglich ist“ (vergleiche Matthäus 19,26). Christlicher Glaube bedeutet, auf der Basis dessen zu denken und zu handeln, was wir von Gott wissen, das heißt: zu vertrauen, dass er mich liebt, nicht im Stich lässt, dass ich weiß, woher ich komme, wo es jetzt langgeht und was mich einmal erwartet.
„Der Weg zu Gott ist der Weg zu meinem eigenen Seelengrund.“
Meister Eckhart
Nach Meister Eckhart „ist der Weg zu Gott der Weg zu meinem eigenen Seelengrund“. Jedem, der voller Hochmut und Überheblichkeit den Glauben eines anderen geringschätzt, sich über ihn lustig macht oder sogar bekämpft, dem gibt der Journalist Walter Ludin zu bedenken: „Wer nicht glaubt, der wird daran glauben!“ Nagarjuna, ein buddhistischer Philosoph des 2. Jahrhunderts, hält allen Religionen entgegen: „Es gibt nur eine falsche Sicht der Dinge: der Glaube, meine Sicht sei die einzig richtige.“ Möge jeder den Glauben finden, der ihn am Leben hält, der ihm Halt und Heimat gibt und ihn auf stabilem Fundament stehen lässt, der ihm Kraft gibt, sich zu entscheiden, der ihm immer wieder den Rücken stärkt, von neuem aufzubrechen, der ihn durchatmen lässt, der ihm Geborgenheit, Zuversicht und Heimat schenkt, der ihn „glaubhaft“ erfahren lässt, sich selbst und andere zu lieben.
IV. Hoffnungsvoll
Jedes Lebewesen ist in seinem Willen stets auf etwas hin angelegt und greift nach etwas, das noch keine Gegenwart hat, sondern in die Zukunft reicht. Wir können die Situation vergleichen mit jemandem, der auf der Rückseite eines geknüpften Teppichs steht. Er sieht nur ein Gewirr von Fäden und Knoten, mehr oder weniger noch ein Chaos. Er kann sich nur ungefähr denken, was das Ganze darstellen soll, eine Gewissheit hat er nicht. Es bleiben ihm viele Fragen und viele Zweifel. Wenn aber derjenige eines Tages die Vorderseite dieses Teppichs anschauen darf, so erkennt er plötzlich das Ganze, er sieht Bilder, Muster, alles gibt plötzlich für ihn „einen Sinn“, seine Vorstellung, seine Hoffnung ist angekommen. Hoffnung ist für ihn die Kraft, die Nahrung, die Atmung, sein Lebensziel auch zu erreichen und Sinn und Erfüllung zu finden. Hoffnung hat von Anfang an mit unserem Leben zu tun und nicht von ungefähr heißt es in einem Sprichwort: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“
„Die Hoffnung stirbt zuletzt.“
Der Philosoph Ernst Bloch, den man einmal den „notorischen Hoffer“ genannt hat, bezeichnet die Hoffnung als ein „Verliebtsein ins Gelingen statt ins Scheitern.“ Hoffnung ist gewissermaßen die Grundmelodie, die uns Menschen ein Leben lang begleitet, von der Geburt an bis zum Tode. Der Theologe Eugen Drewermann sagte einmal: „Das Menschsein besteht darin, Träume zu haben, die viel wirklicher sind als die verdammte Wirklichkeit ... Nur deshalb ist Religion ein Ort von Hoffnung.“
V. Liebenswert
Was „Liebe“ ist, hierzu gibt es keine allgemeingültige Antwort. Wir sprechen von: Herzenswärme, Zuneigung, von Erotik, Sexualität, Leidenschaft, von Beziehung zwischen Ich und Du, von Nähe, Wärme, Geborgenheit, von Kraft, Stärke, Hingabe, von Zusammengehörigkeit, Vertrauen und Respekt, um nur einige Erfahrungen von Liebe zu benennen. Erfahrungen wie Vertrautheit, Erfüllung und Heimat können uns die Liebe näherbringen. Einerseits spüren wir bei der Liebe ein starkes Herzklopfen und andererseits lässt sie uns zur tiefsten Ruhe gelangen. „Unruhig ist mein Herz, bis es ruhet in Dir, mein Gott“ (vergleiche 1. Johannesbrief 4,12).
„Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig."
Hohes Lied der Liebe
Was die Liebe in unserem christlichen Alltagsleben bedeutet, hören wir im biblischen „Hohen Lied der Liebe“, wenn es dort heißt: „Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand.“ (1. Korintherbrief 13,4–7) Jesus selbst zeigt uns in einfachen Worten, worauf wir bei der Liebe in unserem Leben achten sollten: „Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen. Ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben. Ich war krank und ihr habt mich besucht. Ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.“ (Matthäus 25,35–37)
VI. Vertrauensvoll
Etwas Grundlegendes in unserem Zusammenleben geht häufig verloren. Wir nennen es das Grundvertrauen, „die“ Voraussetzung unserer menschlichen Kommunikation, das Erlebnis von Sicherheit, Geborgenheit, Zuversicht und Zuverlässigkeit. Dieses Vertrauen ist gewissermaßen das „A und O“. Ohne dieses Grundvertrauen läuft jegliche Kommunikation aus dem Ruder, anstelle der Wahrheit kommt dann die Lüge, an die Stelle von Aussagen treten Vermutungen, aus dem Loslassen wird eine Anspannung, aus der Zuversicht eine Vorsicht.
„Komm, spring,
ich fange dich auf!“
Was den Kern dieses Vertrauens angeht, so wird er in einem Bild geradezu greifbar. Ein Kind klettert auf einen Baum und hat Schwierigkeiten beim Abstieg. Dann kommt sein Vater, schaut ihm von unten hoch in die Augen, breitet seine Arme aus und ruft ihm zu: „Komm, spring, ich fange dich auf!“ Das Kind hört die Stimme seines Vaters und springt ihm beherzt in die Arme. Diesem Sprung müssen viele Vertrauenserlebnisse vorausgegangen sein. Das Vertrauen zwischen Vater und Kind wirkt dabei wie ein „Brückenstoff “, aus dem man eine Brücke schlagen kann über die Ungewissheit. Das ist Vertrauen pur, etwas, was ich dem anderen einfach schenke, ohne Hintergedanken, ohne Absicherung, nicht rational erklärbar, einfach ein Geschenk aus Liebe. Vertrauen ist kein Resultat einer rationalen Abwägung, sondern ist gewissermaßen der Stoff, aus dem die Liebe gemacht wird. Im sogenannten „Hohen Lied der Liebe“ (1 Kor 13) heißt es dann auch sinngemäß: „Die Liebe glaubt alles, sie vertraut immer und verliert niemals die Hoffnung“. Ernst Ferstl nennt das Vertrauen „den wichtigsten Baustoff für das Haus der Liebe“.
VII. Beschützende Zweifel
Der Zweifel mag sich oft als ein „böser Bruder“ anfühlen, der seinem anderen Bruder „Vertrauen“ zu viel Platz, zu viel Lebensmöglichkeit wegnimmt. Immer dann, wenn dieser „Zweifel“ zu sehr von uns in Anspruch genommen wird, fühlt er sich negativ, zerstörend, verunsichernd und isolierend an. Wir verlieren dann das Vertrauen, verlieren die Sicherheit unseres Glaubens, verlieren an Zuversicht, an Gewissheit und Hoffnung. Wenn aber Kurt Tucholsky sagt: „Alles ist wahr, auch das Gegenteil“, so trifft dies auch und gerade für den „Zweifel“ zu. Er ist nämlich für uns eher ein zuverlässiger und hartnäckiger Helfer, immer wieder versteckte Fehler, Halbwahrheiten zu finden und auszumerzen. Er hilft uns, Lügen zu entlarven, wird zur antreibenden Neugierde, zum Suchenden, zum Motor unserer Wissenschaft, will hinter die Dinge schauen, unser Wissen vervollkommnen und wird so zum persönlichen Fortschritt unseres Verstandes.
„Alles ist wahr, auch das Gegenteil“
Kurt Tucholsky
Oft sind unsere Zweifel die besten Fragen, die wir stellen können. Zweifel kann auch die Gestalt eines gesunden Misstrauens annehmen, wenn er unser „ungutes Bauchgefühl“ ernst nimmt und auch zur Sprache bringen kann. Er hilft so unserem Vertrauen, dass es nicht schon im Vorfeld unnötig verletzt und enttäuscht wird und schweren Schaden nimmt. Er trägt dazu bei, dass unser „blindes Vertrauen“ nicht gleich mit Naivität und „Blauäugigkeit“ gleichgesetzt wird. Der Zweifel ist in der Tat ein zuverlässiger und beschützender „Bruder“ des Vertrauens, der ihm zur Seite steht, wenn man es schamlos ausnutzen sollte.
VIII. Heilsame Geduld
Gregor der Große sagte einmal: „Ich halte die Tugend der Geduld für größer als Zeichen und Wunder.“ Es wäre sicher sehr töricht, wenn ein Bauer immer mal wieder an den zarten grünen Pflänzchen ziehen würde, um ihnen quasi ein klein wenig beim Wachsen nachzuhelfen. Die zarten Pflänzchen würden irgendwann durch dieses unnatürliche, ungeduldige Ziehen ihres Wurzelgrundes beraubt und verdorren. So sagt auch ein afrikanisches Sprichwort: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“ Die gesunde Haltung hinter diesem Sprichwort nennen wir „Geduld“. Bei allen biologischen und seelischen Vorgängen, die sich mit Wachsen und Entwickeln befassen, tun wir eher gut daran, den Kräften der Erde und der Seele zu vertrauen, dass sie sich nach ihren eigenen Rhythmen bewegen und voranschreiten.
„Die Kunst eines erfüllten Lebens ist die Kunst des Lassens, Zulassens, Weglassens, Loslassens“
Ernst Ferstl
„Es ist das Kennzeichen der Geduld, dass sie das Unverfügbare so sein lässt, in seiner Entfaltung, aber natürlich auch im möglichen Scheitern dieser Entfaltung, auch im Welken und Sterben“, so Jürgen Dahl. Einem Sprichwort zufolge „lösen sich“ die meisten Aufgaben von selbst. Man darf sie nur nicht dabei stören. „Die Kunst eines erfüllten Lebens ist die Kunst des Lassens, Zulassens, Weglassens, Loslassens“, meint Ernst Ferstl. Ein unnatürliches Eingreifen, meist aus Gründen der Ungeduld und des Nicht-Warten-Könnens, stört die innere Dynamik dieser Prozesse. Mit dieser Ungeduld geht sehr häufig einher, dass sich Dinge nicht klären können, weil dadurch das Gesetz des Handelns von außen zu vorschneller Aktivität drängt, Hektik verbreitet und unfrei macht, eigene kreative Wege beschreiten zu können.
IX. Heilsame Ungeduld
Für unser Tun den jeweils richtigen Zeitpunkt herauszufinden, ist die Kunst und die Weisheit des Lebens. Auf der einen Seite sollten wir den Dingen einfach ihren natürlichen Lauf lassen, sollten heilsame Geduld haben. Auf der anderen Seite gibt es aber sicher ebenso viele Situationen, in denen wir das Gesetz des Handelns ergreifen müssen, tätig werden, eine heilsame Ungeduld spüren und in den Lauf der Dinge eingreifen sollten.
„In welcher Situation habe ich eine „Engelsgeduld“, und wann müsste ich eigentlich sagen: „Jetzt reichts!“?“
Geduld und Ungeduld erscheinen uns immer als krasse Gegensätze. Wenn man aber versucht, eine Balance zwischen beiden zu halten, dann sind sie nur unterschiedliche Richtungen, Steuerungsimpulse einer großen Linie, die wir Leben oder Entwicklung nennen. Unser Leben verlangt beides von uns: dass wir ihm Zeit geben müssen für eigene Entwicklung und dass wir uns die Zeit nehmen müssen, in seine Abläufe einzugreifen; die Dinge fließen zu lassen und uns ab und zu „einzumischen“. In diesem Ausdruck steckt das Wort „mischen“. So wie das Kartenspiel, das seinen eigenen Lauf nimmt, aber seine Spannung hält, weil wir die Karten wieder neu mischen, so muss anscheinend unser Leben in seinem eigenen Fließrhythmus nicht in Langeweile verlaufen, sondern stets eine Spannung aufweisen, indem wir uns in seinen Ablauf wieder einmischen oder einklinken. In manchen Situationen sind wir allerdings zu ungeduldig, besitzen nicht den nötigen langen Atem und haben kein Vertrauen in die Entwicklung des Lebens. In welcher Situation habe ich eine „Engelsgeduld“, und wann müsste ich eigentlich sagen: „Jetzt reichts!“? Eine wahre Lebenskunst!
X. Aktion
Warum hat uns die Natur nur mit einem Mund, aber mit zwei Händen ausgestattet? Vielleicht ein erster versteckter Hinweis darauf, dass unser Handeln Vorrang vor unserem Sprechen haben sollte. Erich Kästner gibt darauf eine klare Antwort, wenn er meint: „Es gibt nichts Gutes, es sei denn man tut es!“ Ohne unsere Hände machen Worte allein nicht satt, ohne unsere Hände können wir keinen Dürstenden stillen, keinen Nackten bekleiden, keinen Fremden umarmen und keinen Gefangenen befreien. Menschen, die alles immer nur zerreden, wollen das Handeln verhindern. Sie zerkrümeln sprichwörtlich das Brot, anstatt es den Hungernden in die Hand zu legen. Handeln ist gefragt, heute mehr denn je.
„Sie sind das, was sie tun, und tun das, was sie sind.“
Die ersten Christen konnten durch ihre tatkräftige Liebe die Aufmerksamkeit der römischen Bürger erlangen. Diese wunderten sich nämlich über die Christen und sollen über sie gesagt haben: „Seht, wie sie einander lieben!“ Nur das tatkräftige und liebevolle Handeln kann gewährleisten, dass unsere Worte ihre Gültigkeit, Wahrheit und Aktualität behalten und nicht einfach „in die Ablage geraten“. Es gibt so viele Menschen, über die man sagen kann: „Sie sind das, was sie tun, und tun das, was sie sind.“ Wenn man alle unsere Worte mit einem großen Baum vergleichen will, so ist unser Handeln die Kraft, die dem Baum zu seinen Früchten verhilft. Nach einem chinesischen Sprichwort wird „der Reis nicht gekocht, wenn man nur redet.“ Der heilige Franz von Sales würde jetzt mit Entschiedenheit hinzufügen: „Ein Gramm Beispiel wiegt mehr als ein Zentner gute Worte.“
XI. Kontemplation
So wie ein Bogen seine Spannkraft verlieren würde, wenn er immer nur gespannt wäre, so müssen auch wir uns alle immer wieder entspannen und erholen, ruhen, in die Stille gehen, innehalten. Wenn wir das nicht tun würden, dann hätten wir bald keine Kraft mehr, all das zu tun, was notwendig ist. Nur so können wir unsere Ziele auch erreichen und das tun, was wirklich wichtig ist. „Kontemplation“ ist ein langes, intensives, tiefgründiges, ernstes und beschauliches Nachdenken über das, was wir tun und tun müssen; es ist ein notwendiges Gegengewicht zu jeglicher „Aktion“, ein Gegensatz zur „praktischen“ Lebensweise, die nur auf äußere Aktivität im „tätigen“ Leben ausgerichtet ist.
„Nur in der Stille
hören wir uns selbst.“
Jede dieser kontemplativen Haltungen wird von Ruhe, Stille und sanfter Aufmerksamkeit bestimmt. Wenn schweigendes Nachdenken die Ruhe fördert, dann fördert die Ruhe etwas, das wir Stille nennen. Ich kann die Stille auch hören, sie ist allerdings sehr leise, aber ich kann sie hören. Nur in der Stille hören wir nämlich uns selbst, wir hören uns zu. Stille ist weit mehr als Schweigen und Ruhe, Stille ist wie ein Raum, in dem wir in Kontakt treten können mit der Welt des Unterbewussten, mit der Welt des Unsagbaren, Übernatürlichen, Grenzenlosen, mit der Welt des Göttlichen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass wir den Menschen, die Kontemplation praktizieren, gerne Eigenschaften zuschreiben wie Liebe, Friede, Sanftmut, Treue, Güte, Selbstbeherrschung, Geduld und Freundlichkeit. „Im Stillhalten und Vertrauen liegt eure Kraft“ (Jesaja 30,15)
XI. Gleichgewicht
Das notwendige Gleichgewicht sorgt dafür, dass sich die übrigen Säulen stets am Ganzen der Stabilität orientieren, also im rechten Maß bleiben. Wenn wir zu stark „untertreiben“ oder „übertreiben“, verlieren wir das gute Maß und geraten in eine gefährliche Schieflage, in der wir auch „abstürzen“ können.
„Halte dich immer in der Mitte, ich bitte dich!"
Die große Bedeutung dieses Gleichgewichts kann man in der griechischen Sage von Dädalus und Ikarus verstehen: Dädalus, ein sehr kluger und erfolgreicher Mensch, wird von den Göttern aus Neid auf eine einsame Insel verbannt. Dort plant er mit seinem Sohn Ikarus die Flucht. Er baut sich und seinem Sohn ein Fluggerät aus Lederriemen, Federn und Wachs. Bevor er die Flucht wagt, belehrt er mit väterlicher Liebe und Sorge seinen Sohn über die Chancen und Gefahren: „Halte dich immer in der Mitte, ich bitte dich! Denn wenn du zu tief fliegst, so werden die Wellen dir die Flügel beschweren und dich hinabziehen. Steigst du aber zu hoch empor, dann kommst du der Sonne zu nahe, deine Federn fangen Feuer, und das Wachs schmilzt in der Hitze. Zwischen den Wellen und der Sonne halte deinen Flug, folge stets nur meiner Führung!“ Wir wissen, dass Ikarus diese Warnung nicht genug befolgte und daraufhin abstürzte, die Situation aller Menschen, die dieses Gleichgewicht im Leben sträflich vernachlässigen. Es geht also darum, dass wir in unserem Leben auf die verschiedenen Angebote annähernd „das gleiche Gewicht“ legen und eben nicht blind und pauschal alles nur immer auf „eine Karte“ setzen sollen. Unser Leben soll vielgestaltig, mannigfaltig bleiben und ausgeglichen. Es soll immer eine Mitte im Blick haben.