12 Säulen gelingenden Lebens

Fest ruhen
Ausgabe Nr. 2
  • Theologie
Autor:
Bis zu 140 Heilige und Märtyrer sind auf den Kolonnaden Roms zu erkennen. ©iStock
Der Kolonnaden auf dem Petersplatz in Rom, Stabilität seit 1667. ©iStock

Was sollten wir tun, was sollten wir lassen, damit unser Leben gelingt? Wenn wir ein erfolgreiches und lebenswertes Leben vergleichen mit einem schönen Gebäude, so werden wir feststellen, dass beide eine ganz wichtige Gemeinsamkeit mit­einander teilen, nämlich Stabilität.

Beide müssen auf einem festen Fundament oder auf festen Säulen ruhen und verankert sein. Wie könnten wir diese Säulen in unserem Leben benennen? Ein Überblick, ausgerichtet an der heiligen Zahl 12, die für Ordnung sorgt.

Werbung

I. Gesundes Ich

©istock

Ein gesundes und stabiles Leben beginnt mit einem gesunden „Ich“. Dieses Ich wird von mir selbst geprägt, wenn ich mich erfahre als Handelnder, wenn ich mich erlebe in meiner eigenen Individualität, meiner eigenständigen und unteil­baren Ganzheit, die sich ausdrückt im Handeln, Denken und Fühlen. Mein Ich wird von mir sozusagen als mein Mittelpunkt empfunden, der die Struktur meiner Person maßgeb­lich bestimmt. Ein Teil davon, das sogenannte „Es“ ist der unbewusste, vegetative, instinkt-und triebhafte Teil in mir. Im „Überbleibsel“ der elterlichen, gesellschaft­lichen, kulturellen und reli­giösen Autorität erlebe ich zusätzlich mein „Über-Ich“, das zusammen mit dem unbe­wussten „Es“ mein Ich eben­falls leitet und beeinflusst.

„Bei negativer Entwicklung entstehen Selbstzweifel, Selbstunsicherheit, Minderwertigkeitsgefühle.“

Was prägt nun unser Selbst­bild? Frühkindliche, meist elterliche Erfahrungen wie emotionale Wärme, Zunei­gung, Vertrauen, Anerken­nung, Lob, all das, was wir mit dem Begriff Urvertrauen bezeichnen, sind maßgeblich beim Grundlegen dieses Selbstwertge­fühls, das die beste Motivation dar­stellt, gut zu sich selbst zu sein. Bei negativer Entwicklung entstehen Selbstzweifel, Selbstunsicherheit, Minderwertigkeitsgefühle. Die Wur­zel alles Bösen in der Welt ist der Mangel an Liebe zu sich selbst. Man sollte es deshalb auch ganz bewusst einen „gesunden Egoismus“ nennen, wenn ein Mensch mit Achtsamkeit gut für sich selber sorgen und selbst­verantwortlich für seine Belange gut eintreten kann. Bei nicht stabi­lem Selbstwert kann sich aber auch die Ich-Entwicklung ins Gegenteil kehren, zum wirklichen Egoismus, zu Ich-Bezogenheit, Ich-Sucht und sozialer Rücksichtslosigkeit.

II. Tragfähiges Du

©istock

Wir sind von Natur aus auf einen notwendigen Dialog mit einem „Du“ angewiesen. Damit das Ich über­haupt leben und überleben kann, braucht es notwendig ein Gegen­über. Seine Existenz ist von Anfang an wesentlich in dieser dialogischen Struktur gegründet. „Dann sprach Gott, der Herr: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm eben­bürtig ist (Genesis 2,18). Diese zen­trale Aussage aus der Schöpfungs­geschichte stellt den Menschen fest in die Lebensweise des Dialogs, der Ansprache. Er erfährt sich im leben­digen „Du“ und erlebt sich im ber­genden „Wir“. In diesem Gegenüber erfährt der Mensch seine eigentli­che Würde, ja, er darf somit Ebenbild und Ansprechpartner Gottes sein, der selbst Liebe ist, dialogische Hin­wendung.

„Die Wurzel alles
Bösen in der Welt ist
der Mangel an Liebe
zu sich selbst.“

„Die Liebe ist“, wie Martin Buber ein­mal sagt, „die Verantwortung eines Ichs für ein Du … Der Mensch wird am Du zum Ich.“ Das, was im Eigent­lichen die Beziehung von Ich und Du am Leben hält, ist die Liebe. Diese Liebe könnte man mit Fug und Recht als das schönste, wirksamste, kunst­vollste und stabilste Balanceverhal­ten im Leben überhaupt bezeich­nen. Jeder ist dem anderen so etwas wie ein Tragebalken, eine Hilfe zum Stehen und Gehen. Im Gegenüber erfährt der Mensch seine eigentli­che Würde, wenn er für den anderen und der andere für ihn da sein darf, wenn sie sich so gegenseitig ergän­zend „helfen“.

III. Glaubensstark

©istock

Glauben ist nicht Wissen, beides muss sich aber nicht ausschlie­ßen, Glauben ist gewissermaßen ein „anderes“ Wissen, eine innere Gewissheit. Der Glaube kann so unendlich viel in unserem Leben bewirken, wenn wir ihn zulassen. Er lässt uns wachsen und ermöglicht uns, Dinge zu tun, von denen wir nie gedacht hätten, dass wir dazu über­haupt in der Lage wären. Er lässt uns erahnen, dass „mit Gott alles möglich ist“ (vergleiche Matthäus 19,26). Christlicher Glaube bedeutet, auf der Basis dessen zu denken und zu handeln, was wir von Gott wis­sen, das heißt: zu vertrauen, dass er mich liebt, nicht im Stich lässt, dass ich weiß, woher ich komme, wo es jetzt langgeht und was mich einmal erwartet.

„Der Weg zu Gott ist der Weg zu meinem eige­nen Seelengrund.“

Meister Eckhart

Nach Meister Eckhart „ist der Weg zu Gott der Weg zu meinem eige­nen Seelengrund“. Jedem, der vol­ler Hochmut und Überheblichkeit den Glauben eines anderen gering­schätzt, sich über ihn lustig macht oder sogar bekämpft, dem gibt der Journalist Walter Ludin zu bedenken: „Wer nicht glaubt, der wird daran glauben!“ Nagarjuna, ein buddhisti­scher Philosoph des 2. Jahrhunderts, hält allen Religionen entgegen: „Es gibt nur eine falsche Sicht der Dinge: der Glaube, meine Sicht sei die ein­zig richtige.“ Möge jeder den Glau­ben finden, der ihn am Leben hält, der ihm Halt und Heimat gibt und ihn auf stabilem Fundament stehen lässt, der ihm Kraft gibt, sich zu ent­scheiden, der ihm immer wieder den Rücken stärkt, von neuem aufzubre­chen, der ihn durchatmen lässt, der ihm Geborgenheit, Zuversicht und Heimat schenkt, der ihn „glaubhaft“ erfahren lässt, sich selbst und andere zu lieben.

IV. Hoffnungsvoll

©istock

Jedes Lebewesen ist in seinem Wil­len stets auf etwas hin angelegt und greift nach etwas, das noch keine Gegenwart hat, sondern in die Zukunft reicht. Wir können die Situ­ation vergleichen mit jemandem, der auf der Rückseite eines geknüpf­ten Teppichs steht. Er sieht nur ein Gewirr von Fäden und Knoten, mehr oder weniger noch ein Chaos. Er kann sich nur ungefähr denken, was das Ganze darstellen soll, eine Gewiss­heit hat er nicht. Es bleiben ihm viele Fragen und viele Zweifel. Wenn aber derjenige eines Tages die Vorderseite dieses Teppichs anschauen darf, so erkennt er plötzlich das Ganze, er sieht Bilder, Muster, alles gibt plötz­lich für ihn „einen Sinn“, seine Vor­stellung, seine Hoffnung ist ange­kommen. Hoffnung ist für ihn die Kraft, die Nahrung, die Atmung, sein Lebensziel auch zu erreichen und Sinn und Erfüllung zu finden. Hoff­nung hat von Anfang an mit unserem Leben zu tun und nicht von ungefähr heißt es in einem Sprichwort: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

„Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

Der Philosoph Ernst Bloch, den man einmal den „notorischen Hoffer“ genannt hat, bezeichnet die Hoff­nung als ein „Verliebtsein ins Gelin­gen statt ins Scheitern.“ Hoffnung ist gewissermaßen die Grundmelodie, die uns Menschen ein Leben lang begleitet, von der Geburt an bis zum Tode. Der Theologe Eugen Drewer­mann sagte einmal: „Das Mensch­sein besteht darin, Träume zu haben, die viel wirklicher sind als die ver­dammte Wirklichkeit ... Nur deshalb ist Religion ein Ort von Hoffnung.“

V. Liebenswert

©istock

Was „Liebe“ ist, hierzu gibt es keine allgemeingültige Antwort. Wir spre­chen von: Herzenswärme, Zunei­gung, von Erotik, Sexualität, Leiden­schaft, von Beziehung zwischen Ich und Du, von Nähe, Wärme, Gebor­genheit, von Kraft, Stärke, Hingabe, von Zusammengehörigkeit, Ver­trauen und Respekt, um nur einige Erfahrungen von Liebe zu benen­nen. Erfahrungen wie Vertrautheit, Erfüllung und Heimat können uns die Liebe näherbringen. Einerseits spüren wir bei der Liebe ein star­kes Herzklopfen und andererseits lässt sie uns zur tiefsten Ruhe gelan­gen. „Unruhig ist mein Herz, bis es ruhet in Dir, mein Gott“ (vergleiche 1. Johannesbrief 4,12).

„Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig."

Hohes Lied der Liebe

Was die Liebe in unserem christli­chen Alltagsleben bedeutet, hören wir im biblischen „Hohen Lied der Liebe“, wenn es dort heißt: „Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn rei­zen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand.“ (1. Korinther­brief 13,4–7) Jesus selbst zeigt uns in einfachen Worten, worauf wir bei der Liebe in unserem Leben ach­ten sollten: „Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen. Ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben. Ich war krank und ihr habt mich besucht. Ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekom­men.“ (Matthäus 25,35–37)

VI. Vertrauensvoll

©istock

Etwas Grundlegendes in unserem Zusammenleben geht häufig verlo­ren. Wir nennen es das Grundver­trauen, „die“ Voraussetzung unserer menschlichen Kommunikation, das Erlebnis von Sicherheit, Geborgen­heit, Zuversicht und Zuverlässigkeit. Dieses Vertrauen ist gewissermaßen das „A und O“. Ohne dieses Grund­vertrauen läuft jegliche Kommuni­kation aus dem Ruder, anstelle der Wahrheit kommt dann die Lüge, an die Stelle von Aussagen treten Ver­mutungen, aus dem Loslassen wird eine Anspannung, aus der Zuversicht eine Vorsicht.

„Komm, spring,
ich fange dich auf!“

Was den Kern dieses Vertrauens angeht, so wird er in einem Bild geradezu greifbar. Ein Kind klettert auf einen Baum und hat Schwierig­keiten beim Abstieg. Dann kommt sein Vater, schaut ihm von unten hoch in die Augen, breitet seine Arme aus und ruft ihm zu: „Komm, spring, ich fange dich auf!“ Das Kind hört die Stimme sei­nes Vaters und springt ihm beherzt in die Arme. Diesem Sprung müssen viele Vertrauenserlebnisse voraus­gegangen sein. Das Vertrauen zwi­schen Vater und Kind wirkt dabei wie ein „Brückenstoff “, aus dem man eine Brücke schlagen kann über die Ungewissheit. Das ist Vertrauen pur, etwas, was ich dem anderen ein­fach schenke, ohne Hintergedan­ken, ohne Absicherung, nicht ratio­nal erklärbar, einfach ein Geschenk aus Liebe. Vertrauen ist kein Resul­tat einer rationalen Abwägung, son­dern ist gewissermaßen der Stoff, aus dem die Liebe gemacht wird. Im sogenannten „Hohen Lied der Liebe“ (1 Kor 13) heißt es dann auch sinnge­mäß: „Die Liebe glaubt alles, sie ver­traut immer und verliert niemals die Hoffnung“. Ernst Ferstl nennt das Vertrauen „den wichtigsten Bau­stoff für das Haus der Liebe“.

VII. Beschützende Zweifel

©istock

Der Zweifel mag sich oft als ein „böser Bruder“ anfühlen, der sei­nem anderen Bruder „Vertrauen“ zu viel Platz, zu viel Lebensmöglich­keit wegnimmt. Immer dann, wenn dieser „Zweifel“ zu sehr von uns in Anspruch genommen wird, fühlt er sich negativ, zerstörend, verunsi­chernd und isolierend an. Wir verlie­ren dann das Vertrauen, verlieren die Sicherheit unseres Glaubens, verlie­ren an Zuversicht, an Gewissheit und Hoffnung. Wenn aber Kurt Tucholsky sagt: „Alles ist wahr, auch das Gegen­teil“, so trifft dies auch und gerade für den „Zweifel“ zu. Er ist nämlich für uns eher ein zuverlässiger und hart­näckiger Helfer, immer wieder ver­steckte Fehler, Halbwahrheiten zu finden und auszumerzen. Er hilft uns, Lügen zu entlarven, wird zur antrei­benden Neugierde, zum Suchen­den, zum Motor unserer Wissen­schaft, will hinter die Dinge schauen, unser Wissen vervollkommnen und wird so zum persönlichen Fortschritt unseres Verstandes.

„Alles ist wahr, auch das Gegen­teil“

Kurt Tucholsky

Oft sind unsere Zweifel die besten Fragen, die wir stellen können. Zwei­fel kann auch die Gestalt eines gesun­den Misstrauens annehmen, wenn er unser „ungutes Bauchgefühl“ ernst nimmt und auch zur Sprache brin­gen kann. Er hilft so unserem Ver­trauen, dass es nicht schon im Vor­feld unnötig verletzt und enttäuscht wird und schweren Schaden nimmt. Er trägt dazu bei, dass unser „blin­des Vertrauen“ nicht gleich mit Nai­vität und „Blauäugigkeit“ gleichge­setzt wird. Der Zweifel ist in der Tat ein zuverlässiger und beschützender „Bruder“ des Vertrauens, der ihm zur Seite steht, wenn man es schamlos ausnutzen sollte.

VIII. Heilsame Geduld

©istock

Gregor der Große sagte einmal: „Ich halte die Tugend der Geduld für grö­ßer als Zeichen und Wunder.“ Es wäre sicher sehr töricht, wenn ein Bauer immer mal wieder an den zar­ten grünen Pflänzchen ziehen würde, um ihnen quasi ein klein wenig beim Wachsen nachzuhelfen. Die zar­ten Pflänzchen würden irgendwann durch dieses unnatürliche, unge­duldige Ziehen ihres Wurzelgrundes beraubt und verdorren. So sagt auch ein afrikanisches Sprichwort: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“ Die gesunde Hal­tung hinter diesem Sprichwort nen­nen wir „Geduld“. Bei allen biologi­schen und seelischen Vorgängen, die sich mit Wachsen und Entwickeln befassen, tun wir eher gut daran, den Kräften der Erde und der Seele zu vertrauen, dass sie sich nach ihren eigenen Rhythmen bewegen und voranschreiten.

„Die Kunst eines erfüllten Lebens ist die Kunst des Lassens, Zulassens, Weg­lassens, Loslassens“

Ernst Ferstl

„Es ist das Kennzeichen der Geduld, dass sie das Unverfügbare so sein lässt, in seiner Entfaltung, aber natür­lich auch im möglichen Scheitern dieser Entfaltung, auch im Welken und Sterben“, so Jürgen Dahl. Einem Sprichwort zufolge „lösen sich“ die meisten Aufgaben von selbst. Man darf sie nur nicht dabei stören. „Die Kunst eines erfüllten Lebens ist die Kunst des Lassens, Zulassens, Weg­lassens, Loslassens“, meint Ernst Ferstl. Ein unnatürliches Eingreifen, meist aus Gründen der Ungeduld und des Nicht-Warten-Könnens, stört die innere Dynamik dieser Prozesse. Mit dieser Ungeduld geht sehr häufig ein­her, dass sich Dinge nicht klären kön­nen, weil dadurch das Gesetz des Handelns von außen zu vorschnel­ler Aktivität drängt, Hektik verbrei­tet und unfrei macht, eigene kreative Wege beschreiten zu können.

IX. Heilsame Ungeduld

©istock

Für unser Tun den jeweils richtigen Zeitpunkt herauszufinden, ist die Kunst und die Weisheit des Lebens. Auf der einen Seite sollten wir den Dingen einfach ihren natürlichen Lauf lassen, sollten heilsame Geduld haben. Auf der anderen Seite gibt es aber sicher ebenso viele Situationen, in denen wir das Gesetz des Han­delns ergreifen müssen, tätig wer­den, eine heilsame Ungeduld spüren und in den Lauf der Dinge eingreifen sollten.

„In welcher Situation habe ich eine „Engelsgeduld“, und wann müsste ich eigentlich sagen: „Jetzt reichts!“?“

Geduld und Ungeduld erscheinen uns immer als krasse Gegensätze. Wenn man aber versucht, eine Balance zwi­schen beiden zu halten, dann sind sie nur unterschiedliche Richtungen, Steuerungsimpulse einer großen Linie, die wir Leben oder Entwick­lung nennen. Unser Leben verlangt beides von uns: dass wir ihm Zeit geben müssen für eigene Entwick­lung und dass wir uns die Zeit neh­men müssen, in seine Abläufe einzu­greifen; die Dinge fließen zu lassen und uns ab und zu „einzumischen“. In diesem Ausdruck steckt das Wort „mischen“. So wie das Kartenspiel, das seinen eigenen Lauf nimmt, aber seine Spannung hält, weil wir die Karten wieder neu mischen, so muss anscheinend unser Leben in seinem eigenen Fließrhythmus nicht in Lan­geweile verlaufen, sondern stets eine Spannung aufweisen, indem wir uns in seinen Ablauf wieder einmi­schen oder einklinken. In manchen Situationen sind wir allerdings zu ungeduldig, besitzen nicht den nöti­gen langen Atem und haben kein Vertrauen in die Entwicklung des Lebens. In welcher Situation habe ich eine „Engelsgeduld“, und wann müsste ich eigentlich sagen: „Jetzt reichts!“? Eine wahre Lebenskunst!

X. Aktion

©istock

Warum hat uns die Natur nur mit einem Mund, aber mit zwei Hän­den ausgestattet? Vielleicht ein ers­ter versteckter Hinweis darauf, dass unser Handeln Vorrang vor unserem Sprechen haben sollte. Erich Käst­ner gibt darauf eine klare Antwort, wenn er meint: „Es gibt nichts Gutes, es sei denn man tut es!“ Ohne unsere Hände machen Worte allein nicht satt, ohne unsere Hände können wir keinen Dürstenden stillen, keinen Nackten bekleiden, keinen Fremden umarmen und keinen Gefangenen befreien. Menschen, die alles immer nur zerreden, wollen das Handeln verhindern. Sie zerkrümeln sprich­wörtlich das Brot, anstatt es den Hun­gernden in die Hand zu legen. Han­deln ist gefragt, heute mehr denn je.

„Sie sind das, was sie tun, und tun das, was sie sind.“

Die ersten Christen konnten durch ihre tatkräftige Liebe die Aufmerk­samkeit der römischen Bürger erlan­gen. Diese wunderten sich nämlich über die Christen und sollen über sie gesagt haben: „Seht, wie sie einan­der lieben!“ Nur das tatkräftige und liebevolle Handeln kann gewährleis­ten, dass unsere Worte ihre Gültig­keit, Wahrheit und Aktualität behal­ten und nicht einfach „in die Ablage geraten“. Es gibt so viele Menschen, über die man sagen kann: „Sie sind das, was sie tun, und tun das, was sie sind.“ Wenn man alle unsere Worte mit einem großen Baum vergleichen will, so ist unser Handeln die Kraft, die dem Baum zu seinen Früchten verhilft. Nach einem chinesischen Sprichwort wird „der Reis nicht gekocht, wenn man nur redet.“ Der heilige Franz von Sales würde jetzt mit Entschiedenheit hinzufügen: „Ein Gramm Beispiel wiegt mehr als ein Zentner gute Worte.“

XI. Kontemplation

©istock

So wie ein Bogen seine Spannkraft verlieren würde, wenn er immer nur gespannt wäre, so müssen auch wir uns alle immer wieder entspan­nen und erholen, ruhen, in die Stille gehen, innehalten. Wenn wir das nicht tun würden, dann hätten wir bald keine Kraft mehr, all das zu tun, was notwendig ist. Nur so kön­nen wir unsere Ziele auch erreichen und das tun, was wirklich wich­tig ist. „Kontemplation“ ist ein lan­ges, intensives, tiefgründiges, ern­stes und beschauliches Nachdenken über das, was wir tun und tun müs­sen; es ist ein notwendiges Gegengewicht zu jeglicher „Aktion“, ein Gegensatz zur „praktischen“ Lebens­weise, die nur auf äußere Aktivität im „tätigen“ Leben ausgerichtet ist.

„Nur in der Stille
hören wir uns selbst.“

Jede dieser kontemplati­ven Haltungen wird von Ruhe, Stille und sanfter Aufmerksamkeit bestimmt. Wenn schweigendes Nachdenken die Ruhe fördert, dann fördert die Ruhe etwas, das wir Stille nennen. Ich kann die Stille auch hören, sie ist allerdings sehr leise, aber ich kann sie hören. Nur in der Stille hören wir nämlich uns selbst, wir hören uns zu. Stille ist weit mehr als Schweigen und Ruhe, Stille ist wie ein Raum, in dem wir in Kontakt treten können mit der Welt des Unterbewussten, mit der Welt des Unsagbaren, Übernatürli­chen, Grenzenlosen, mit der Welt des Göttlichen. Es ist daher nicht ver­wunderlich, dass wir den Menschen, die Kontemplation praktizieren, gerne Eigenschaften zuschreiben wie Liebe, Friede, Sanftmut, Treue, Güte, Selbstbeherrschung, Geduld und Freundlichkeit. „Im Stillhal­ten und Vertrauen liegt eure Kraft“ (Jesaja 30,15)

XI. Gleichgewicht

©istock

Das notwendige Gleichgewicht sorgt dafür, dass sich die übrigen Säulen stets am Ganzen der Stabilität orien­tieren, also im rechten Maß bleiben. Wenn wir zu stark „untertreiben“ oder „übertreiben“, verlieren wir das gute Maß und geraten in eine gefähr­liche Schieflage, in der wir auch „abstürzen“ können.

„Halte dich immer in der Mitte, ich bitte dich!"

Die große Bedeutung dieses Gleich­gewichts kann man in der griechi­schen Sage von Dädalus und Ikarus verstehen: Dädalus, ein sehr kluger und erfolgreicher Mensch, wird von den Göttern aus Neid auf eine ein­same Insel verbannt. Dort plant er mit seinem Sohn Ikarus die Flucht. Er baut sich und seinem Sohn ein Fluggerät aus Lederriemen, Federn und Wachs. Bevor er die Flucht wagt, belehrt er mit väterlicher Liebe und Sorge seinen Sohn über die Chancen und Gefahren: „Halte dich immer in der Mitte, ich bitte dich! Denn wenn du zu tief fliegst, so werden die Wel­len dir die Flügel beschweren und dich hinabziehen. Steigst du aber zu hoch empor, dann kommst du der Sonne zu nahe, deine Federn fan­gen Feuer, und das Wachs schmilzt in der Hitze. Zwischen den Wellen und der Sonne halte deinen Flug, folge stets nur meiner Führung!“ Wir wissen, dass Ikarus diese War­nung nicht genug befolgte und dar­aufhin abstürzte, die Situation aller Menschen, die dieses Gleichgewicht im Leben sträflich vernachlässi­gen. Es geht also darum, dass wir in unserem Leben auf die verschiede­nen Angebote annähernd „das glei­che Gewicht“ legen und eben nicht blind und pauschal alles nur immer auf „eine Karte“ setzen sollen. Unser Leben soll vielgestaltig, mannigfal­tig bleiben und ausgeglichen. Es soll immer eine Mitte im Blick haben.

Autor:
  • Stanislav Klemm
Werbung

Neueste Beiträge

| Spiritualität
Sommermeinung

Sommerzeit ist Lesezeit: In den „Sommerbriefen“ macht Der SONNTAG alte Schreiben neu zugänglich – klar, direkt und erstaunlich anschlussfähig für unsere Gegenwart.

| Wien und Niederösterreich
Stift Heiligenkreuz

Am heutigen Hochfest des heiligen Ordensvaters Bernhard von Clairvaux, dem 20. August, hat Abt Maximilian Heim OCist angekündigt, dass er zu Kreuzerhöhung, am 14. September 2026, nach zwei Amtsperioden sein Amt in jüngere Hände legen möchte.

| Kunst und Kultur
Stadtansichten als Instagram des 18. Jahrhunderts

Wie sahen Wien, Venedig oder Dresden im 18. Jahrhundert aus? Die Ausstellung im Kunsthistorischen Museum lädt dazu ein, die berühmten Veduten von Canaletto und Bellotto genauer zu betrachten – und dabei auch das Leben ihrer Bewohner zu entdecken.