Zwischen Ruinen lebt die Hoffnung
Libanon
Fährt man vom im Süden Beiruts gelegenen Flughafen Richtung Downtown, fallen sie gleich auf: große Schutthaufen und Gebäude, die nur noch als Gerippe in der Landschaft stehen. Rund um den Hafen der Hauptstadt des Libanons zeigt sich ein ähnliches Bild. Neu errichtete Gebäude wechseln sich mit Ruinen ab. Diese ersten Eindrücke stehen für zwei der großen Herausforderungen, mit denen das Land in der Levante nicht erst seit gestern kämpft. Sind es im schiitisch geprägten Süden die Einsätze israelischer Kampfjets, die sich bei ihrer Jagd auf die Führungsriege der islamistischen Hisbollah für die zerstörten Häuserblöcke verantwortlich zeigen, zeugen die Ruinen im Hafenviertel von der verheerenden Explosion, die 2020 ganze Viertel verwüstete, 300.000 Menschen auf einen Schlag obdachlos machte und die Wirtschaftskrise im Land weiter verschärfte.
Reise durch Libanon
Gemeinsam mit dem Generalvikar der Erzdiözese Wien, Andreas Kaiser, und Manuel Bagdhi, Berater für die christlichen Ostkirchen, sind wir auf einer mehrtägigen Reise durch ein Land, dessen Einwohner trotz vielfältiger Probleme die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht aufgeben. Unser Besuch hat dabei zwei Gründe. Er ist sichtbares Zeichen der Verbundenheit mit den vielen christlichen Religionsgemeinschaften, die zwar noch knapp 40 Prozent der libanesischen Bevölkerung ausmachen, aber durch Migration und äußere Einflüsse verstärkt unter Druck geraten. Zudem bringen wir direkte Unterstützung zu Hilfsprojekten vor Ort, die auch dank großzügiger Spenden aus Österreich die Not der Bevölkerung lindern.
"Hyperinflation, steigende Preise und das Ausbleiben vom Staat zugesagter Mittel sorgen für einen steten Überlebenskampf."
Benedikt Neumayer
Besonders der Besuch der Saint Joseph School in Ajeltoun hinterlässt bleibende Erinnerungen. Im von den Barmherzigen Schwestern betreuten Haus werden über 240 Schülerinnen und Schüler aus den ärmsten Gesellschaftsschichten unterrichtet und versorgt. Darunter einige Waisenkinder, die im angeschlossenen Internat ganzjährig Unterkunft finden.
Ein besseres Leben im Libanon
Schwester Zahia und die Koordinatorin Maria Ghaya, selbst ehemalige Schülerin, erzählen uns von der schwierigen Lage: Hyperinflation, stark steigende Energie- und Lebensmittelpreise und das Ausbleiben vom libanesischen Staat zugesagter finanzieller Mittel sorgen für einen steten Überlebenskampf. Umso mehr wirken finanzielle Beiträge und die langfristige Unterstützung, die aus der Erzdiözese Wien ihren Weg in den Libanon finden. Denn aufzugeben ist für die vielen engagierten Kräfte vor Ort keine Option. Bildung ist ein wichtiger Hebel für ein besseres Leben. In einem Land, wo christliche Schulen und Universitäten einen bedeutenden Teil der Ausbildung stemmen, braucht es diesen Einsatz und den Willen, trotz widriger Umstände weiterzumachen.
„Wir haben immer Hoffnung."
„Wir haben immer Hoffnung. In dem Moment, in dem wir aufhören in unserem Land zu wirken, hört auch unsere Gemeinschaft auf. Und selbst wenn nur noch einer da ist, soll er weitermachen, um das Zeugnis zu erhalten und damit anderen Vorbild zu sein“, hallen mir auf der Fahrt retour zum Flughafen die Worte des syrisch-orthodoxen Patriarchen Ignatius Aphrem II. nach, die nicht nur die Situation der christlichen Minderheiten in der Gegend zusammenfassen, sondern auch uns zu denken geben sollten.