Zum Tag des Judentums

... dass die Welt eine bessere wird ...
Ausgabe Nr. 3
  • Theologie
Autor:
Chanukka bei Or Chadasch in Wien: Rabbiner Tobias Moss mit Gitarre.
Chanukka bei Or Chadasch in Wien: Rabbiner Tobias Moss mit Gitarre. ©Eric Frey
Dr. Eric Frey ist Präsident der  Wiener jüdischen  Reformgemeinde Or Chadasch.
Dr. Eric Frey ist Präsident der Wiener jüdischen Reformgemeinde Or Chadasch. ©Stefan Hauser

Seit dem Jahr 2000 begehen die christlichen Kirchen in Österreich am 17. Jänner den „Tag des Judentums“ – zum „bußfertigen Gedenken an die jahrhundertelange Geschichte der Vorurteile und Feindseligkeiten zwischen Christen und Juden“. Eric Frey, Präsident von „Or Chadasch“, über die Entwicklung und Vertiefung des christlich-jüdischen Gesprächs.

Der Tag des Judentums“ ist ein Gedenk- und Lern-Tag. Gegenüber dem SONNTAG beschreibt Präsident Eric Frey die progressive jüdische Gemeinde „Or Chadasch“ und den Kampf gegen den Antisemitismus. Und was die beiden Geschwisterreligionen voneinander lernen können. 

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Eric Frey über den Tag des Judentums

Was dürfen wir uns unter „Or Chadasch“ („Neues Licht“) vorstellen?

ERIC FREY: Gegründet vom aktiven Wiener Juden Theodor Much im Jahr 1990, ist „Or Chadasch“ die einzige progressive jüdische Gemeinde in Österreich. „Or Chadasch“ ist als jüdischer Verein ein Teil der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG). Viele unserer Mitglieder sind auch IKG-Mitglieder, so wie ich.Andere aber sind es nicht und andere können es auch nicht sein, weil sie vom orthodoxen Judentum nicht als Juden akzeptiert werden. Das liegt meistens daran, dass sie zwar übergetreten sind zum Judentum, aber nicht vor einem orthodoxen Rabbinergremium, sondern vor einem liberalen. Aus der Sicht des orthodoxen Judentums kann es keine nicht-orthodoxe Synagoge geben und unsere Rabbiner werden auch nicht als Rabbiner akzeptiert. Man muss auch bedenken, dass es in der Kultusgemeinde verschiedene Fraktionen und Gruppen gibt. Für die Ultraorthodoxie etwa ist das liberale Judentum ein rotes Tuch.

Wo kommen jene, die mit „Or Chadasch“ verbunden sind, in Wien zusammen?

Wir haben eine sehr schöne Synagoge, die aufgrund des guten Wachstums der letzten Jahre schon fast zu klein geworden ist. Die Synagoge ist in der Robertgasse im zweiten Bezirk, hier findet sich sehr reges Leben. Beim Gottesdienst am Freitagabend, am „Kabbalat-Schabbat“ („Empfang des Schabbat“), ist unsere Synagoge oft bis zum Bersten voll. Am Samstagvormittag, beim „Schaharit“, kommen etwas weniger, aber trotzdem ist auch dieser Gottesdienst gut besucht. Dazu kommen unterschiedliche Kulturveranstaltungen.
 

„Der entscheidende Unterschied ist die Stellung der Frau.“

Eric Frey

Tag des Judentums: Typisch „Or Chadasch“

Was ist typisch für „Or Chadasch“? 

Das Judentum. Wir sehen uns als absolut volle Juden. Wir sagen auch, dass wir nicht anders sind. Liberales Judentum ist keine Abspaltung, sondern eine andere Form, jüdisch zu leben. Unsere Position ist, dass sich das Judentum über die Jahrtausende immer verändert hat. Und sich auch immer wieder an die moderne Welt angepasst hat. Vergessen wir nicht, dass es einmal die Polygamie im Judentum gegeben hat. Die wurde dann im Mittelalter abgeschafft. Es gab auch andere Veränderungen. Wir haben Veränderungen vorgenommen, wo wir glauben, dass wir damit den heutigen Werten und dem heutigen Leben sehr vieler Jüdinnen und Juden auch mehr entsprechen.
 

Und die Stellung der Frau?

Der entscheidende Unterschied zwischen orthodoxem und liberalem Judentum ist die Stellung der Frau. Für uns sind Frauen absolut gleichberechtigt – in jeder Hinsicht. Das heißt, sie nehmen voll am jüdischen, am religiösen Leben teil. Sie werden genauso aufgerufen zur Torah-Lesung, was ja der zentrale Ritus der jüdischen Religion ist. Sie machen eine Bat-Mizwa mit 13 Jahren, so wie die Burschen, wo sie genauso auch aus der Torah lesen und so als vollwertige Mitglieder aufgenommen werden. Und es kann auch Rabbinerinnen geben. Und das ist auch für mich der wichtigste Grund, warum ich dorthin gehören möchte, weil ich sage: Mein Judentum und meine Beziehung zur Religion muss meinen übrigen politischen, gesellschaftlichen und moralischen Werten entsprechen. Und die Gleichberechtigung der Geschlechter ist für mich eine ganz entscheidende Frage. 
 

Das Leben in Österreich nach der Shoah

Sie sagten einmal, es sei nie unpolitisch, Jude zu sein. Was verstehen Sie darunter?

Das hängt vor allem auch mit der jüngeren Geschichte zusammen. Das Leben in Österreich nach der Shoah stellt einen immer vor politische Fragen. Die große Frage ist: Warum leben wir hier? Kann man hier überhaupt, nach dem, was geschehen ist, weiterleben? Wie geht man mit der Geschichte und der Gegenwart des Antisemitismus um? Ich war immer der Meinung, dass die Frage der NS-Vergangenheit nicht die Aufgabe von Jüdinnen und Juden in Österreich sein kann. Das ist die Verantwortung und Aufgabe der Nichtjuden, weil es in erster Linie ihr Problem ist und nicht unseres.
 

Tag des Judentums: Das Leben in Israel

Und das Thema Israel?

Das ist die ständige Frage: Wie stehe ich zu Israel, wie steht man zum Zionismus und wie steht man zu dem, was im Nahen Osten passiert seitens der israelischen Regierung? Ich bin ein scharfer Kritiker der israelischen Politik der letzten Jahre und Jahrzehnte. Und ich glaube auch, dass die einzige Art und Weise, wie Israel langfristig seine Existenzberechtigung behalten kann, jene ist, dass es zu einer Zwei-Staaten-Lösung kommt, indem auch die Palästinenser ein Recht auf Selbstbestimmung und auf Bürgerrechte haben, was ihnen derzeit auch vor allem jetzt im Westjordanland vorenthalten wird. Ich sehe im Zionismus an sich, wenn er ein liberaler, ein toleranter Zionismus ist, so wie er ursprünglich gedacht war, überhaupt nichts Böses, sondern etwas, was in eine moderne Welt auch hineinpassen würde.
 

Treten Christen dem heute wieder wachsenden Antisemitismus genügend entgegen und zeigen sie Solidarität mit den jüdischen Gemeinden?

Ich bin sehr beeindruckt von der projüdischen, man kann auch fast schon sagen, philosemitischen Haltung des Großteils der christlichen Gemeinden. In den USA ist dies sehr stark mit dieser massiven Unterstützung für Israel verbunden, der ich mit Skepsis gegenüberstehe, weil da auch ein bisschen eine Art von apokalyptischen Visionen dabei ist, vor allem bei den Evangelikalen. In Österreich sind heute die katholische Kirche und auch die evangelische Kirche eine der Hauptquellen des friedlichen und positiven Zusammenlebens mit dem Judentum und auch des Akzeptierens von Jüdinnen und Juden in dieser Gesellschaft. Ob Christen mehr tun könnten, das ist vielleicht noch eine Frage. Ich glaube, die katholische und andere Kirchen melden sich sehr klar zu Wort.
 

„Es gab nie einen jüdischen Analphabetismus.“

Eric Frey

Zum Tag des Judentums: Das Verständnis zwischen Christen und Juden

Was könnte und sollte Ihrer Ansicht nach getan werden, um das gegenseitige Verständnis zwischen Juden und Christen zu vertiefen?

Ich glaube, das Verständnis ist schon ganz gut und schon relativ tief. Die Kluft verläuft heute in der Gesellschaft weniger zwischen den Religionen, sondern zwischen denen, die sich zu einer Religion bekennen und denen, die sie heute abgestreift haben oder sie sogar ablehnen. Deshalb können auch religiöse Juden und religiöse Katholiken ganz gut miteinander, weil für beide die Religion und auch Gott eine zentrale Rolle spielen. Es gibt viele Dialogforen und viele Initiativen. Manchmal nur fehlt es ein bisschen am Verständnis der Unterschiede zwischen den Religionen.

Wenn Sie das Judentum in wenigen Sätzen einem Christen, einer Christin erklären müssten, wie würden diese Sätze lauten?

Ich glaube, dass das Judentum eine Religion ist, die vor allem auf einer Rechtsordnung beruht. Zentral ist, dass Gott dem Mose am Berg Sinai die Torah übergeben hat mit all den Gesetzen, den Geboten und Verboten, die da drinnen stehen, die sich jetzt heute als 613 Gebote und Verbote niederschlagen. Die Rede von Gottes auserwähltem Volk meint nicht besondere Privilegien, sondern bedeutet besondere Verpflichtungen: Ihr müsst diese Gesetze halten. Religiöses jüdisches Leben besteht vor allem im Einhalten dieser Gesetze.
 

Was das Christentum vom Judentum lernen kann

Nun sind sowohl das Judentum wie das Christentum auch Bildungsreligionen. Was kann das Christentum vom Judentum lernen?

Ob das Christentum immer eine Bildungsreligion war, das ist die Frage. Das Judentum war es immer. Um Jude zu sein, muss man aus der Torah lesen. Das heißt, man muss lesen können. Es gab nie einen jüdischen Analphabetismus. Und das Lernen ist das Entscheidende, was möglicherweise auch den intellektuellen und wirtschaftlichen Erfolg von so vielen Jüdinnen und Juden in der modernen Zeit erklärt. Weil sie so viel mit Bildung, mit Lernen, mit Nachdenken auch schon von frühester Kindheit an konfrontiert waren. Da kann das Christentum wahrscheinlich viel lernen: dass der zentrale Akt der Religion auch durch das Lernen und das Lesen gelebt wird.
 

Was das Judentum vom Christentum lernen kann

Was kann das Judentum vom Christentum lernen?

Aus meiner persönlichen Sicht ist es die Milde, die man auch im Christentum findet, die sich im Judentum nicht immer niederschlägt. Es gibt da aber unterschiedliche Formen. Für den großen Rabbiner Hillel waren beispielsweise Milde, Barmherzigkeit, Flexibilität, Offenheit und Toleranz ganz zentrale Werte. Aber manche setzen im Judentum eher auf Strenge, auf Genauigkeit, auf Präzision – möglicherweise bis hin zu einer gewissen Unbarmherzigkeit. Wobei man sagen muss, dass auch im Judentum soziale und karitative Tätigkeiten, etwa die Unterstützung anderer Menschen, zentrale Werte sind. Es gibt einen weiteren zentralen Wert im Judentum, der heißt „Tikkun Olam“. Er meint „die Reparatur, die Rettung der Welt“, also auch eine Verantwortung für die Welt. Wir sind zwar keine universelle Religion, wir wollen nicht, dass die ganze Welt jüdisch wird, aber wir wollen dazu beitragen, dass die Welt eine bessere wird.

©Stefan Hauser

Zur Person

Dr. Eric Frey ist Präsident der Wiener jüdischen Reformgemeinde Or Chadasch.

©David Kassl

Radio-Tipp: Lebenswege

Ein Porträt von Eric Frey, Präsident von Or Chadasch, hören Sie am 18. Jänner um 17:30 Uhr auf ▶ radioklassik.at

Autor:
  • Stefan Kronthaler
  • Stefan Hauser
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