„Wir sind Christen, keine Kirchisten“

Christliche Reise nach Innen
Ausgabe Nr. 41
  • Theologie
Autor:
Priester Matthias Beck
Matthias Beck: „30-tägige Exerzitien, das ist Psychoanalyse hoch 20. Da kommt alles hoch." ©Kathbild.at / Rupprecht, Stefan Kronthaler

„Die Welt beginnt in dir“: In seinem neuen Buch beschreibt der Moraltheologe Matthias Beck die Grundlagen einer modernen und guten Spiritualität, die beim Einzelnen ansetzt. Die Exerzitien des heiligen Ignatius von Loyola sind für ihn der Weg zu einem gelingendem Leben. Wie kann das klappen?

Gegenüber dem SONNTAG erklärt Matthias Beck, Professor, Priester und wortgewaltiger Prediger, die Kriterien für ein aufgeklärtes Christentum. 

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Zurück zu Jesus Christus

Herr Professor, Sie schreiben im Vorwort Ihres Buches: „Es gibt in der Kirche zu viel Struktur und zu wenig Geist und Inhalt.“ Was ist da in der Kirche passiert?

Matthias BECK: Ich denke, es hängt ein Stück weit mit der Entdeckung Amerikas zusammen. 1492 kommen neue Völker dazu und dann sagt Rom, dass diese unter unseren Schirm müssen. Da ist damals auch viel Gutes passiert, in dieser Zeit ist etwa das Völkerrecht entstanden. Aber es kam auch zu einer Verrechtlichung in der Kirche. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts hatten wir in der Spiritualität auch sehr viel Reflexion und Intellektualität: Augustinus, Dominikus, Thomas von Aquin, Johannes Tauler, Teresa von Avila, Ignatius von Loyola. Und dann kamen die modernen Naturwissenschaften, da hat sich die Kirche schwer getan, etwa mit der Kosmologie. Ich nenne hier Namen wie Kopernikus oder Galilei. Dann kam Darwin, dann kam noch Freud. Und irgendwie ist in diesen vergangenen 400 Jahren die revolutionäre Kraft des Christentums, die Ausstrahlung dieses Jesus Christus, in eine Struktur gegossen worden. Wir haben einen Katholizismus daraus gemacht, einen „Ismus“, nahezu eine Ideologie. 

Wir sind aber Christen und keine Kirchisten: Wir müssen zurück zu der Beziehung zu Jesus Christus, weil er der Erlöser ist.

Für diese Erlösungsarbeit, die täglich im Leben passiert, in der Beziehung zu ihm, hat er uns Hilfsmittel gegeben: Die Kirche ist ein Sakrament und verwaltet Sakramente, heilige Hilfsmittel. Aber sie ist nicht das Zentrum.

Glaube muss im Alltag ankommen

Was macht für Sie also eine gute, moderne, aufgeklärte Spiritualität aus?

Dreierlei. Das Erste ist eine gute Liturgie am Sonntag. Mit dem Sonntag beginnt die Woche. Gute Liturgie heißt für mich, als Priester gut vorbereitet zu sein und die Gebete langsam zu sprechen, sodass man sie auch versteht. Wichtig ist auch, die Lektoren möglichst so vorzubereiten, dass sie das Wort Gottes  klar und aufmerksam verkünden. Dann brauchen wir zweitens viel Stille in der Liturgie, weil die Stille zur Selbsterkenntnis führt. Und wir brauchen drittens Reflexionen und möglichst eine gute Predigt, aus der die Menschen etwas mit nach Hause nehmen, wo ihnen etwas aufgeht über ihr Leben.

Die Menschen sollen verstehen, dass ihnen die Beziehung zu Jesus Christus etwas „bringt“ für den Alltag.

Und in der Welt müssen wir Rechenschaft geben können von unserem Christentum, wer wir sind, was Dreifaltigkeit bedeutet, was Zwei-Naturen-Lehre, von welcher Hoffnung wir leben. Dazu brauchen wir einiges Wissen und gute Argumente. Wenn ich in der Bioethikkommission beim Bundeskanzler sitze, kann ich nur mit Argumenten kommen und nicht mit der Autorität der Kirche, das interessiert fast niemanden mehr. Daher brauchen wir auch ein gutes naturwissenschaftliches Wissen. Wir brauchen nicht alle Details zu kennen, aber wir müssen ungefähr wissen: Was sagt die Quantenphysik, was sagen Genetik oder Epigenetik? Und das alles müssen wir zusammensehen mit unserem dreifaltigen Gottesbild. 

 

Sie nennen in Ihrem Buch auch die notwendige Selbsterkenntnis. Auf die Selbsterkenntnis als erster Schritt müsste eigentlich, wie Sie schreiben, die Verhaltensänderung folgen, als zweiter Schritt. Warum scheitern wir so oft daran?

Weil das kompliziert ist. Wir sind wahnsinnig tief geprägt von unseren Eltern und vorangehenden Generationen. Das können wir heute sogar mit Hilfe der Forschungsergebnisse der sogenanntennennen Epigenetik naturwissenschaftlich nachweisen. Wir tragen die ganzen Lasten unserer Vorfahren mit uns – was die Eltern verkehrt gemacht haben, auch die Konflikte, die sie nicht gelöst haben. Das ist die erste Woche in den ignatianischen Exerzitien, die Erkenntnis der eigenen Biographie. Da ist vieles schmerzlich, da ist aber auch vieles gut. Aber auch das Unbewusste müssen wir ans Licht kommen lassen. Und jetzt kommt der zweite Schritt. Ich sollte mich bemühen, das umzusetzen. Aber da tappen wir, das wissen wir alle, oft immer wieder in dieselben Fallen. Wir haben bestimmte Prägungen. Das heißt, die Umsetzung dauert ein Leben lang. Die Selbsterkenntnis auch. Das ist ein lebenslanger Prozess. Und das muss ein ständiges Wechselspiel sein zwischen Stille, Selbstreflexion sowie die Auseinandersetzung mit dem Anderen und mit mir selbst. Die gewonnen Erkenntnisse sollen wir versuchen, im Alltag umzusetzen.

Stille, Gebet und die Freundschaft mit Christus

Sie haben jetzt die Stille erwähnt. Warum können wir durch Stille, Gebet, Bibel lesen „dranbleiben an der Freundschaft mit Jesus“?

Jesus will mir erstens nahe sein wie ein Freund, mit dem ich auch so reden kann wie mit einem Freund. Das ist sozusagen seine Initiative. Er redet aber zu uns in der Weise des Schweigens oder durch Ereignisse hindurch. Wir sind aber getrieben im Alltag von vielen Pflichten und Ablenkungen. Da braucht es ein Innehalten. Wir haben das tägliche Angelus-Läuten, um sieben, zwölf und achtzehn Uhr. Ein Innehalten, eine Unterbrechung würden manche sagen. Religion ist Unterbrechung, um sich in eine andere Dimension des Seins zu begeben. Ora et labora, bete und arbeite, und dann wieder beten und dann wieder arbeiten. Ich halte das für absolut notwendig. Bei Ignatius heißt es: „contemplativus in actione“. Betend in der Arbeit oder: mit Gott verbunden in der täglichen Mühsal und Freude.

 

Apropos: Ausführlich werden in Ihrem Buch auch die Exerzitien des Ignatius von Loyola beschrieben. Warum gelten sie als Königsdisziplin?

Überall dort, wo ich den göttlichen Willen erfülle, komme ich zu einer inneren Freude, zu einem inneren Frieden. Und das sind die ganzen Exerzitien: den Willen Gottes je neu zu finden. Die Exerzitien sind genial aufgebaut, die ganze erste Woche ist vor allem Betrachtung des eigenen Lebens. Wie bin ich geprägt? Deswegen der Titel des Buches: „Die Welt beginnt in dir.“ Ich schaue anders in die Welt als Sie. Und Gott redet mit Ihnen anders als mit mir, sonst wäre es Massenabfertigung und keine Liebe. Zweite Woche der Exerzitien: Betrachtung des Lebens Jesu: Wie hat er es gemacht? Dritte Woche: Betrachtung des Leidens, vierte Woche Auferstehung.

 

„30-tägige Exerzitien, das 
ist Psychoanalyse hoch 20. 
Da kommt alles hoch.“

 

Wie oft machen Sie Exerzitien?

Jährlich, Ich habe einmal auch die großen Exerzitien gemacht, ganze 30 Tage lang. Das ist sehr anstrengend, das ist Psychoanalyse hoch 20. Da kommt alles hoch, was du gar nicht so wahrhaben willst. Auch das Dunkle und das, was dir Angst macht. Aber es ist exzellent.

Talente, Transzendenz und Aufklärung

Auffällig ist in Ihrem Buch der mehrmalige Hinweis auf die sogenannte Vermehrung der Talente. Wie kann das geschehen?

Im Evangelium steht nicht nur: Du hast fünf Talente bekommen, also Begabungen, nutze sie. Das ist das, was wir heute Selbstverwirklichung nennen: mach was draus. Nein, damit ist Gott nicht zufrieden. Er sagt, man muss noch fünf dazugewinnen zu den fünfen. Das heißt, mitschöpferisch tätig sein mit der Schöpferkraft Gottes. Wenn ich mich dem Willen Gottes je neu überlasse, wird er sozusagen aus fünf Talenten zehn machen. Er wird mich über mich selbst hinausführen, das nennen wir Transzendenz. Und das ist der Sinn des Christentums, mehr zu werden und Frucht zu bringen.


Ein Kapitel Ihres Buches widmet sich dem Thema Religion und Aufklärung. Was hat das Christentum mit Aufklärung zu tun?

Anselm von Canterbury hat schon im zwölften Jahrhundert gesagt: „Fides quaerens intellectum“ – „Der Glaube sucht den Intellekt.“ Damals sind die Universitäten entstanden, die Theologie als Universalwissenschaft mit der Nummer 1. Also der christliche Glaube schreit, wenn ich das so sagen darf, nach Reflexion. Wir haben die Menschen abgefüttert mit Glaubenssätzen, die sie auswendig lernen mussten. Aber solch einen Satz wie: Durch das Leiden Jesu Christi am Kreuz sind wir von unseren Sünden erlöst, den versteht kaum jemand. Kinder fragen: Warum soll der Jesus für mich gestorben sein? Die erste Gabe des Heiligen Geistes ist Erkenntnis. Und die zweite ist Einsicht. Du sollst, was du da liest, schrittweise, im Laufe deines Lebens verstehen. Du sollst auch Gott verstehen, nicht vollständig. Du sollst dich selber verstehen. Du sollst die Welt besser verstehen. Das alles heißt für mich Aufklärung, im Englischen „Enlightenment“, Licht in die Sache bringen. Aufklärung heißt denken, nachdenken, beten. Wir haben dafür ein schönes lateinisches Wort: „Re-flectere“ – übersetzt, sich nach innen beugen. Das kann heißen meditieren, aber auch nachdenken. Glauben hat mit Denken und Erkenntnis zu tun.

©Matthias Beck

Die Welt beginnt in dir

Matthias Beck zeigt, wie der Einzelne durch seine Beziehung zu den anderen Menschen und zu Gott sein Leben gut und glücklich gestalten kann.

Matthias Beck, Die Welt beginnt in dir. Auftrag – Zumutung – Chance, 208 Seiten, Wiener Dom-Verlag, ISBN 978-3-85351-342-2, EUR 29,00

Buchpräsentation am 21.10. um 18:30 Uhr, Curhaus, Stephanisaal, Stephansplatz 3, 1010 Wien.
anmeldung@domverlag.at

 

©Stephan Schönlaub

Experte

Matthias Beck

Moraltheologe, Medizinethiker und Pfarrer in Sankt Josef zu Margareten (Wien 5).

Autor:
  • Stefan Kronthaler
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