Weit mehr als einfach nur ein Schnitt

Weibliche Genitalverstümmelung
Ausgabe Nr. 16
  • Soziales
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Gamechanger: Helga Prühlinger ist voller Hoffnung, dass ihr Engagement zu einem Umdenken führt und hilft, zukünftigen Generationen die Genitalverstümmelung zu ersparen.
Gamechanger: Helga Prühlinger ist voller Hoffnung, dass ihr Engagement zu einem Umdenken führt und hilft, zukünftigen Generationen die Genitalverstümmelung zu ersparen. ©Helga Prühlinger/Missio Österreich
Im Rahmen von Projekten und Veranstaltungen versucht Missio Österreich, über die Folgen der Genitalverstümmelung zu informieren.
Im Rahmen von Projekten und Veranstaltungen versucht Missio Österreich, über die Folgen der Genitalverstümmelung zu informieren. ©Simon Kupferschmied/Missio Österreich
Father Assefa Makebo Wonjamo stellte seine Schule für ein Projekt zur Verfügung.
Father Assefa Makebo Wonjamo stellte seine Schule für ein Projekt zur Verfügung. ©Simon Kupferschmied/Missio Österreich

Mehr als 230 Millionen Frauen weltweit leben mit den negativen Folgen weiblicher Genitalverstümmelung. Es ist eine Tradition, die Mädchen und Frauen kontrollieren soll – ein Ritual, das selten hinterfragt wird.

Hilfsorganisationen wie Missio, die Päpstlichen Missionswerke, versuchen in Äthiopien mit Aufklärungs- und Hilfsprogrammen, den Teufelskreis aus Tradition und Tabuisierung zu durchbrechen. Damit sollen kommende Generationen frei von diesem Leid aufwachsen – für eine nachhaltige Veränderung.

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Weiblichen Genitalverstümmelung: Schmerzhafte Prozedur ohne Betäubung

Was bei der weiblichen Genitalverstümmelung geschieht, ist kaum vorstellbar: Ohne Betäubung werden jungen Mädchen, meist zwischen fünf und 15 Jahre alt, Klitoris und Schamlippen oder Teile davon mit einer Rasierklinge oder einem Messer entfernt. In anderen Fällen werden die Genitalien durch Ätzen, Scheuern oder das Auftragen von nervenschädigenden Substanzen dauerhaft geschädigt. Viele Mädchen überleben den Eingriff nicht. Diejenigen, die es tun, werden oft anschließend bis auf ein kleines Loch zusammengenäht. Die Genitalverstümmelung erfolgt meist im privaten Rahmen, ohne jede Hygiene. Die Folgen – zusätzlich zu massiven psychischen Traumata – reichen von Dauerschmerzen über chronische Entzündungen und wiederkehrende Harnwegsinfektionen bis hin zu starken Einschränkungen des Sexuallebens. Frauen, die zugenäht wurden, werden vor der Geburt eines Kindes erneut aufgeschnitten und danach wieder vernäht.

Tabuthema Genitalverstümmelung

Am stärksten verbreitet ist die Praktik in Somalia, Dschibuti, dem Sudan, Ägypten, Mali, Guinea und Burkina Faso, wo mehr als 90 Prozent der Frauen betroffen sind. In Äthiopien, Mauretanien, Gambia und Liberia sind es bis zu 70 Prozent. In Asien trifft sie vor allem Frauen in Indonesien. Durch Migration sind weibliche Genitalverstümmelung und ihre Folgen inzwischen auch in Europa ein Thema.

Wie tief die Tradition der Genitalverstümmelung in vielen Regionen Äthiopiens verankert ist, warum selbst gesetzliche Verbote nichts ändern und wie schwierig Veränderung sein kann, weiß Helga Prühlinger, Fachreferentin bei Missio Österreich. Seit fünf Jahren ist sie im Rahmen des Engagements von Missio für Äthiopien verantwortlich und hat sich intensiv mit dem Thema Genitalverstümmelung (kurz FGM – female genital mutilation) auseinandergesetzt. „Die weibliche Genitalverstümmelung ist ein Tabuthema – der erste Erfolg war deshalb, dass ich überhaupt Menschen gefunden habe, die mit mir darüber gesprochen haben“, so Helga Prühlinger. Zu verstehen, warum die Genitalverstümmelung sich so hartnäckig hält und trotz des offensichtlichen Leidens kaum hinterfragt wird, stand dabei am Anfang: „Die Genitalverstümmelung ist ein fixes Ritual, das in bestimmten ethnischen Gruppen einfach zum Leben und zum Erwachsenwerden einer Frau dazugehört. Es gibt ihnen Identität und Zugehörigkeit. Wenn wir nachfragen, hören wir immer wieder, dass man die Mädchen damit davon abhalten möchte, sexuell überaktiv zu sein. Oder man hört, dass beschnitten werden muss, weil die Mädchen sonst keinen Mann finden, und dass sie schmutzig sind, wenn sie nicht beschnitten sind. Das ist in den Leuten total drinnen. Ich habe Frauen getroffen, die die Beschneidung selbst erlebt haben, täglich an den Folgen leiden und sich trotzdem nicht erlauben, von der Beschneidung als etwas Schlechtem zu sprechen. Dass überhaupt in Erwägung gezogen wird, dass es gut sein könnte, macht mich immer wieder sehr betroffen.“

Veränderung braucht Zeit

Doch im Rahmen der Projekte, die Missio vor Ort betreibt, hat Helga Prühlinger auch den Eindruck, dass langsam, aber doch Bewegung in das Thema kommt. Die Initialzündung dafür war die Begegnung mit einem Kapuziner, der in der kleinen Stadt Hosanna eine Schule leitet. „Er hat eingewilligt, das Thema im Rahmen eines Projektes an seiner Schule aufzugreifen. Das hat ihm bestimmt viel Kritik eingebracht. Aber er hat damit auch andere dazu bewegt, etwas zu tun und gegen Genitalverstümmelung aufzutreten.“ Was dann in der Folge in dieser Schule passiert ist, war wegweisend: Die Schülerinnen und Schüler setzten sich mit dem Thema Genitalverstümmelung in nie zuvor dagewesener Art auseinander – es gab ein Theaterstück, Diskussionen und Gespräche. Zu dem Projekt waren alle eingeladen, die kommen wollten. „Wir wollten möglichst viele der Menschen vor Ort informieren und aufklären“, sagt Helga Prühlinger.

„Deshalb haben wir geschaut, dass nicht nur die Schülerinnen und Schüler teilnehmen, sondern auch deren Mütter, Väter, Geschwister. Klar war ja, dass wir auch die Männer ins Boot holen müssen – vor allem auch jene, die in einer Dorfgemeinschaft etwas zu sagen haben, jene ,die die Dorfgemeinschaft leiten, außerdem die religiösen Führer. Und wir haben auch die uns bekannten Beschneiderinnen und Beschneider eingeladen.“ So wurde versucht, ein Bewusstsein für das Problem zu schaffen, um langfristig auch eine Bewusstseinsänderung herbeizuführen. Alles in allem ist es Schwerstarbeit. „Wenn etwas eine so lange Tradition hat, verschwindet es nicht von einem Tag auf den anderen – selbst wenn man vermitteln kann, wie gefährlich und schlecht das Ganze ist“, sagt Helga Prühlinger. „Da braucht man einen langen Atem und gute Ideen, wie man die Leute erreichen kann.“ 

Genitalverstümmelung: Aufklärungsarbeit geht weiter

Bei den Beschneiderinnen und Beschneidern wurde etwa schnell klar, dass sie eine Alternative zu ihrer Tätigkeit brauchen. „Das Beschneiden ist, das muss man so sagen, deren Beruf und damit auch deren Einnahmequelle“, sagt Helga Prühlinger. „Tun sie es nicht mehr, verdienen sie auch nichts mehr. Wir haben deshalb versucht herauszufinden, was sie stattdessen machen wollen und haben dann das angeboten. Wir haben gesagt: Ihr hört mit der Beschneidung auf und bekommt dafür von uns Ziegen oder eine Nähmaschine oder ein Startkapital, um einen Shop zu eröffnen. Und wir haben auch gesagt, wenn ihr eure Zusage nicht einhaltet, dann fordern wir das alles wieder zurück.“ Auf das Angebot sind tatsächlich viele eingestiegen und es gelang sogar, dass sie im Rahmen des Schulprojektes in einer kleinen Zeremonie vor allen Anwesenden geschworen haben, mit der Beschneidung aufzuhören. „Das war ein sehr bewegender Moment“, sagt Helga Prühlinger. „Und Gott sei Dank ist dieses Projekt an der Schule nicht das einzige geblieben. Oft wird das Thema Genitalverstümmelung mittlerweile in andere Veranstaltungen eingebunden – wenn es etwa um Hygiene geht, wird auch über FGM gesprochen.“ Im Mai wird Missio eine Konferenz in Hosanna veranstalten, die auch wieder Aufklärung und Information zum Ziel hat.

Ein Einsatz, der sich lohnt

Die Hoffnung, dass sich etwas ändert, hat Helga Prühlinger noch lange nicht verloren, die Motivation, etwas zu bewirken, sowieso nicht. Auch aus einem tiefen Glauben heraus. „Wir sind eine Weltkirche – haben eine Verbindung, wie in einer Familie. Und wie funktioniert eine Familie? Wenn es einem Mitglied schlecht geht, dann helfen die anderen.“ Dass selbst die engagiertesten Projekte mit kritischem Blick betrachtet nur ein Tropfen auf den heißen Stein sind, nimmt Helga Prühlinger betont gelassen und optimistisch: „Ein Tropfen ist immerhin ein Tropfen“, lacht sie. „Ich kann mich an eine Situation erinnern, da hat eine Beschneiderin einem Kollegen und mir von ihrem Alltag erzählt. Was ich da gehört habe, hat mich sehr mitgenommen. Aber als wir aus ihrem Haus hinaus sind, haben wir auf der Straße eine Gruppe kleiner Mädchen gesehen – die haben so unbeschwert gespielt und gelacht und ich konnte nicht anders, als mir zu denken: ,Wenn wir auch nur einer von euch dieses Ritual ersparen können, ist das auch schon ein wichtiger Schritt.‘“

Autor:
  • Portraitfoto von Andrea Harringer
    Andrea Harringer
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