Sternenstaub und Kirchenfenster
Zwischen Glaube und sexueller IdentitätBei einer Podiumsdiskussion an der Universität Wien wurde kürzlich daran erinnert, dass die Kirche Gefahr laufe, den Anschluss zu verlieren, wenn sie zu sehr um sich selbst kreise. Wer nur nach innen hört, entfernt sich von der Lebenswirklichkeit vieler Gläubiger. Anstelle von Abgrenzung oder Kulturkampf brauche es eine Haltung der inneren Weite und des Zuhörens – die Bereitschaft, Spannungen auszuhalten und Verschiedenheit nicht vorschnell zu bewerten. Synodalität, verstanden als gemeinsames Unterwegssein und geduldiges Ringen um Verständigung, wird dabei als Weg in die Zukunft beschrieben. Ganz im Sinne des Mottos „Raus aus der kirchlichen Blase“ führte ein solcher Weg ins Wiener Queer Museum auf den Steinhofgründen. Die aktuelle Ausstellung, kuratiert von Michal Rutz, der katholisch aufgewachsen ist, eröffnet überraschende Anknüpfungspunkte – auch für kirchliche Fragestellungen.
Ausstellung „Imagining Queer Utopia“ im Queer Museum
Michal Rutz, Kurator der Ausstellung „Imagining Queer Utopia“, kennt die religiöse Sprache. Der gebürtige Pole stammt aus einer zutiefst katholischen Familie. Seine Mutter ist Theologin und las den Kindern täglich aus der Bibel vor. Rutz studierte an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Als junger Mensch geriet seine kirchliche Prägung in Konflikt mit der Entdeckung der eigenen Homosexualität. Heute sagt er, er sei mit seiner Familie wieder versöhnt.
Heiliger Bartholomäus und Identität
Sein katholisches Aufwachsen prägt ihn bis heute. Religiöse Bilder, Symbole und Denkfiguren sind für ihn eine „natürliche Sprache“. Vielleicht, sagt Rutz, nehme er deshalb religiöse Motive in der Kunst sensibler wahr als andere. Diese Haltung spiegelt sich auch in der Auswahl der Kunstwerke wider. So zeigt das Gemälde „Sternenstaub“ von Krzysztof Gil eine menschliche Gestalt, die ihre eigene Haut ablegt – darunter erscheint kein verletzlicher Körper, sondern eine leuchtende, sternenübersäte Silhouette. Die Architektur des Bildraums erinnert an gotische Kirchen mit himmelblauen, bemalten Gewölben. Der Körper wird zum Tempel, zur Ornamentfläche des Transzendenten. In Anspielung auf den heiligen Bartholomäus, der bei lebendigem Leib enthäutet worden sein soll, verweist die abgelegte Haut zugleich auf Leiden und Fremdzuschreibungen – und auf den Wunsch, sich von auferlegten Identitäten zu befreien.
Das Christentum und das Queer Museum
Ein ähnliches Motiv der Verwandlung greift Zula Tuvshinbats Textilkunstwerk „Mother“ auf: eine mottenhafte Figur mit Flügeln, die an Kirchenfenster erinnern. Offen, selbstbewusst und ohne Scham nimmt die Figur Raum ein. Die Motte stehe für Metamorphose – für ein Werden, das nicht von außen bestimmt ist. Körper und Selbst erscheinen hier nicht als Schicksal, sondern als Ausdruck von Freiheit, so der Kurator.
Rutz bezeichnet sich heute eher als Pantheist denn als Atheist. Gott sei schwer zu leugnen, sagt er, angesichts der Komplexität der Welt. „Wie kann man daran denken, dass alles zufällig ist?“, fragt er. Am Christentum schätzt er vor allem das Neue Testament: die Betonung von Liebe und Begegnung sowie den Verzicht auf vorschnelles Urteilen. Nicht jedes Wort müsse wörtlich verstanden werden. Vielfalt habe immer schon auch zur Kirche gehört, ist er überzeugt.