Seligpreisungen: Wie sie uns im Alltag helfen können
Seligpreisungen
„Das Regierungsprogramm des Himmelreichs“: So hat der deutsche Neutestamentler Klaus Wengst die Lehre Jesu auf dem Berg, vereinfacht Bergpredigt genannt, bezeichnet. Die berühmten Seligpreisungen sind so etwas wie die große Vorhalle. Nur durch diese Vorhalle gelangt man in das Innere. „Selig“ ist die angemessene deutsche Übersetzung, manchmal wird auch „glücklich“ oder „glückselig“ verwendet. „Überglücklich“ klingt auch gut. Auf Englisch heißt es wohl nicht zufällig „blessed“ und nicht „happy“.
An wen richten sich die Seligpreisungen?
An wen richten sich die Seligpreisungen? Zum einen sind bei dieser sogenannten „Bergpredigt“ Jünger um Jesus versammelt, Matthäus denkt da an die zwölf Apostel. Jesus spricht laut und deutlich zu seinen Jüngern, sodass auch die anderen Anwesenden mithören und verstehen können. Denn es waren auch Volksscharen, Frauen und Männer, aus allen damaligen Landesteilen Israels vor Ort dabei, also am Fuß des Berges versammelt. Die Seligpreisungen richten sich also in erster Linie an die Jünger Jesu als unmittelbare Adressaten und zugleich auch an die Scharen aus ganz Israel. Sie dürfen jetzt schon vor Freude jubeln, denn für sie hat die Erfüllung der Seligpreisungen schon begonnen. Und am Ende der Bergpredigt „war die Menge voll Staunen über seine Lehre“ (Matthäusevangelium, Kapitel 7, Vers 28).
Seligpreisungen als „eine wunderbare Vorhalle“
Die Seligpreisungen sind, so der Neutestamentler Gerhard Lohfink, „eine wunderbare Vorhalle“ der Bergpredigt. Nur wer durch die Vorhalle gegangen ist, kommt in das Innere. Die Seligpreisungen haben die Menschen seit Jahrtausenden begeistert und zugleich auch oft erschreckt. Denn sie meinen nicht eine Welt, die weit weg ist oder gar im Jenseits liegt. Jesus verspricht, dass inmitten dieser Not das Neue wächst, das einfach anders ist. Dass es Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und auch Frieden geben kann. Die Seligpreisungen sind eine Art Katalog für das Christsein. Die Praxis Jesu selbst wird sichtbar in den Seligpreisungen: seine Herzensreinheit, seine Friedensarbeit, seine Gewaltlosigkeit, sein Mitleid, seine Armut, seine Barmherzigkeit, sein Sinn für Gerechtigkeit.
„Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.“
Dieser Vers irritiert. Wörtlich werden „die Armen im Geiste“ seliggepriesen, nicht die Unterdrückten oder gar Entrechteten. In der deutschen Einheitsübersetzung steht interpretierend: „die arm sind vor Gott“. Wer nun eigentlich „die Armen im Geist“ sind, beschreibt das Buch des Propheten Zefanja. Dort findet sich der Vers (Kapitel 3, Vers 12): „Ich lasse in deiner Mitte übrig ein demütiges und armes Volk, das seine Zuflucht sucht beim Namen des HERRN – als den Rest Israels.“ Diese Armen versuchen, nach Gottes Sozialordnung zu leben, und setzen, auch wenn sie physisch arm sind, ihre Hoffnung einzig und allein auf Gott. Auch die Jünger Jesu haben alles aufgegeben, deshalb gehören auch sie zu diesen „Armen“. Diese sind nicht lebensuntüchtig oder einfältig, sondern sie übertragen ihre gesellschaftliche Stellung, ihre „Armut im Geiste“, auf ihr Verhältnis zu Gott: Alles erwarten sie von ihm. Hier in Vers 3 wie auch später in Vers 10 begegnet uns die Formulierung: „Denn ihnen gehört das Himmelreich.“ „Himmel“ steht letztlich für Gott, nicht für eine Ortsbeschreibung im Jenseits.
„Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.“
Bis in die Gegenwart hat das schöne deutsche Wort „Trost“ seinen Klang erhalten. Ohne „Trost“ können wir nicht leben, „Trostlosigkeit“ ist schrecklich. Bei diesem Vers bleibt vorerst offen, wer denn die Trauernden trösten wird. „Sie werden getröstet werden“ ist eine passive Form. Jesus liebt diese sprachliche Form, es ist ein Passiv, das das Handeln Gottes umschreibt. Gott selbst also wird uns trösten. Schon im Alten Testament spricht Gott bei Jesaja (Kapitel 66, Vers 13): „Wie einen Mann, den seine Mutter tröstet, so tröste ich euch.“ Und zuvor heißt es bei Jesaja (Kapitel 61, Vers 2), dass der HERR seinen Gesalbten gesandt habe, „um alle Trauernden zu trösten“.
„Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben.“
Die Jünger Jesu kennen keine Gewaltanwendung, daher sind auch sie „Sanftmütige“. Diese Demütigen bringen Kraft zur Versöhnung auf, auch im Leiden. Für das Alte Testament ist die Verheißung des Landes von grundlegender Bedeutung. Vom ersten Buch der Bibel, der Genesis, bis zum letzten Buch der Hebräischen Bibel, dem zweiten Buch der Chronik, fällt das Stichwort „Land“ auf. Abraham zieht weg aus seinem Land „in das Land“, das Gott ihm zeigen wird. Ist die dritte Seligpreisung nur mehr etwas Geistiges? Das „Land“ ist schlicht auch das Reich Gottes, die neue Erde, die auch zum neuen Himmel passt, ohne Eroberer und Gewaltherrscher.
„Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden.“
Nicht die Hungernden der Welt, sondern die nach Gerechtigkeit Hungernden werden genannt. Es handelt sich um jene Gerechtigkeit, die in der Tora grundgelegt ist, in der Sozialordnung vom Berg Sinai, „mit der sich Gott mitten in der Welt eine gerechte, in Frieden lebende Gesellschaft schaffen will“, unterstreicht Gerhard Lohfink. Also die Lebensordnung der Herrschaft Gottes, wie sie Jesus selbst verkündet und verwirklicht. „Gott steht an der Seite derer, die sich für Gerechtigkeit einsetzen“, betont der Neutestamentler Thomas Söding. Wer biblisch „gerecht“ ist, der kennt die Leidenschaft, Gottes Willen ganz zu erfüllen.
„Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.“
Auch Jesu Jünger gehen miteinander barmherzig um. Mit den Kranken, den Notleidenden, den Armen. Barmherzigkeit hat Vorrang vor dem Opfer, schreiben schon die Propheten.Jesus zitiert zwei Mal bei Matthäus den Propheten Hosea: „Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer!“ Jesus selbst war barmherzig, besonders den Kranken gegenüber. Wo Barmherzigkeit gelebt wird, ist das Reich Gottes nahe – auch heute.
„Selig, die rein sind im Herzen; denn sie werden Gott schauen.“
Was meint das „reine Herz“? Die Jünger wollen und sollen ganz ungeteilt und mit ihrer ganzen Existenz die „Gerechtigkeit“ der Bergpredigt leben. „Herzensreine“ lieben ungeteilt Gott. Das Herz selbst ist gefährdet, laut Jesu Aussage (Matthäusevangelium, Kapitel 15, Vers 19): „Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsche Zeugenaussagen und Lästerungen.“
„Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.“
Diejenigen, die in einer Welt des Unfriedens Frieden stiften, beherzigen auch Jesu Gebot der Feindesliebe. Jesus selbst hat den Frieden Gottes den Kranken und Sündern zugesagt. Frieden Stiftende sind nicht abwartend, passiv erduldend, also nur „friedfertig“, sondern sie kämpfen aktiv für den Frieden. Sie „machen“ Frieden. „Kinder Gottes“ zu sein bedeutet volle Gemeinschaft mit Gott, persönliche Liebe wie zwischen Eltern und Kind, ja, „Verwandtschaft“ mit dem heiligen Gott.
„Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich.“
Ganz bewusst werden die Seligpreisungen auch als Evangelium an Allerheiligen vorgetragen. Der Text erinnert an die Märtyrer aller Zeiten. Religiöse Verfolgung ist schon eine Erfahrung der Jünger vor Ostern. Die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten werden um Jesu willen verfolgt. Weil Gott herrscht, gibt es schon Himmel auf Erden.
„Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen. Freut euch und jubelt: Denn euer Lohn wird groß sein im Himmel. So wurden nämlich schon vor euch die Propheten verfolgt.“
Jetzt folgt auf die bisherige dritte Person eine bewusste Anrede in der zweiten Person: „Selig seid ihr …“ „Verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen und um meinetwillen“ stehen nebeneinander. Gerechtigkeit im vollsten Sinn erlangen wir nur über Jesu Lehre und Weg. Jesus verspricht denen, die ihm nachfolgen, die ihm glauben, reichen Lohn. Wie sieht dieser aus? Er ist Anteil am Reich Gottes. „Doch zugleich übertrifft dieser Lohn bei weitem alles, was sich der Mensch erhoffen kann, denn er ist reine Gnade“, schreibt der Neutestamentler Gerhard Lohfink. Es ist – einfach gesagt – eben nicht gleichgültig, was getan oder gelassen wird.
Die Botschaft der Seligpreisungen
Und all die Armen auf der ganzen Welt, all die Entrechteten und Ungerechtigkeit Erleidenden? Werden die ignoriert? Oder gar vertröstet auf ein besseres Jenseits? Da kommt das neue Gottesvolk, die Kirche ins Spiel. Die Jüngerinnen und Jünger Jesu sind nicht für sich selbst da, sondern sie wirken im Gottesvolk. Und auch das Gottesvolk, die Kirche, weiß sich zu allen gesandt: mit dieser Botschaft der Seligpreisungen. Erst das neue Miteinander, das die Seligpreisungen schon jetzt anklingen lassen, wird die Welt verändern. Die Seligpreisungen sind die neue Lebens- und Wertordnung des Reiches Gottes. Die Seligpreisungen verweisen auf Mitleid mit den Armen, den Leidenden, den Schwachen. Aber die Seligpreisungen sind noch mehr: Sie machen die himmlische „Gerechtigkeit“ zum großen Thema, die die irdische Gerechtigkeit so auf den Punkt bringt: dass Recht und Gerechtigkeit zusammengehören. Mitleid mit den Armen zu haben und ihr Los zu ändern: Dies ist seit Ostern die Aufgabe der Kirche und in ihr der Caritas. Die Seligpreisungen drücken aus, was Jüngerschaft bedeutet – damals und heute.
Wo wird heute die Bergpredigt zumindest stückweise verwirklicht, gelebt?
Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.
„Die Heiligen sind die wahren Ausleger der Heiligen Schrift“, schreibt Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. in seiner Jesus-Trilogie zu dieser Seligpreisung. Und er nennt beispielhaft den heiligen Franz von Assisi. Dieser habe dieses Wort „in letzter Radikalität“ ergriffen.
▶ franziskaner.at, ▶ minoriten.at, ▶ kapuziner.at, ▶ franziskanerinnen-wien.at
Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.
Trauernde zu trösten ist ein fundamentales Werk christlicher Anteilnahme. Mit den Menschen mitzu leiden und mit-zu-trauern – und dabei an der christlichen Hoffnung festzuhalten – ist ein glaubwürdiges Zeugnis für einen Gott, dem nichts Menschliches fremd ist. In diesem Sinn sind Christen und alle nahestehenden Mitmenschen berufen, Trauernden zur Seite zu stehen.
Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Die Hilfe von „Christen in Not“ gilt in den meisten Fällen Christen. Denn drei von vier um des Glaubens willen Verfolgte sind Christen. Es geht um mehr als 200 Millionen Christen weltweit: Frauen, Männer, alte Menschen, Kinder und Babys.
Selig, die rein sind im Herzen; denn sie werden Gott schauen.
Ein Dauerauftrag – für jeden und jede von uns!
Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben.
Der Internationale Versöhnungsbund wurde in den Augusttagen 1914 – fast zeitgleich mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs – gegründet. Die Gründerinnen und Gründer bezogen klar Stellung gegen Krieg und jede Form von Gewalt und waren erfüllt von der Vision einer menschlichen Gesellschaft, die auf dem Weg der Gewaltfreiheit und der Versöhnung ein Leben in Frieden und Gerechtigkeit verwirklicht.
Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden.
Die Katholische Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerbewegung ist eine Gemeinschaft von Christen in der Arbeitnehmerschaft. Hauptanliegen ist die menschenwürdige Gestaltung der Arbeitswelt und der Gesellschaft. Die KAB nimmt daher Stellung zu sozialpolitischen und gesellschaftlichen Fragen. Sie setzt sich für weltweite soziale Gerechtigkeit ein.
Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.
Hier sind jene Ordensgemeinschaften zu nennen, die das Wort „barmherzig“ im Namen führen: die Barmherzigen Schwestern und die Barmherzigen Brüder.
Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.
Pax Christi ist eine Teilorganisation der katholischen Friedensbewegung Pax Christi International. Sie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg – ursprünglich als Versöhnungswerk zwischen Franzosen und Deutschen – gegründet.
▶ paxchristi.at