Seit 1986 „ein Ort für Freigeister“
Gemeinde Sankt Ruprecht
Seit 40 Jahren kommen Menschen aus ganz Wien, die eine sorgfältig gestaltete Liturgie suchen, jeden Samstag um 17 Uhr in die Ruprechtskirche“, sagt Otto Friedrich zum SONNTAG. Der langjährige FURCHE-Journalist gehört zu den Mitgründern der Gemeinde rund um Joop Roeland und leitet seit 1986 den Liturgiekreis, zurzeit gehört er (wieder einmal) auch dem Leitungsteam der Gemeinde an. „Die Gottesdienste und die Gemeinde sind ein Angebot für Suchende, auch Zweifelnde, die mitten in der Stadt in einem intellektuellen, aber auch gesellschaftlich relevanten Kontext ihr Christsein verwirklichen wollen“, unterstreicht Friedrich. Die Gemeinde Sankt Ruprecht sei „ein Ort für Freigeister, die sich viele Freiheiten des Glaubens und des Feierns in der Weiterführung des Weges, den das Zweite Vatikanum begonnen hat, nehmen“. Friedrich: „Sie gehen diesen Weg bewusst innerhalb der katholischen Kirche, aber in ökumenischer Offenheit gegenüber Menschen in allen Lebensformen und -situationen. Joop Roeland (1931 bis 2010), der Gründungsrektor der Gemeinde, war in Wien der erste Seelsorger für queere Menschen, das prägt die Gemeinde bis heute.“ Seit 2006 sind Jesuiten Rektoren der Kirche (zurzeit Pater Alois Riedlsperger), die Gemeinde wird von einem alle drei Jahre gewählten Leitungsteam geleitet.
„Holländische“ Liturgie
Die besondere Feier der Liturgie ist das Zentrum der Gemeinde. „Seit 1986 wird jeder Gemeindegottesdienst (Samstag und Feiertag um 17 Uhr sowie an den Hochfesten) vom Liturgiekreis vorbereitet. Charakteristisch ist die starke Mitwirkung von Laien an allen Teilen der Liturgie und der Versuch, Riten und Symbole in einer heutigen Form zur Geltung zu bringen“, erläutert Friedrich. Gemeint ist damit ein Miteinander zwischen Priester beziehungsweise Vorsteher(in) bei Wort-Gottes-Feiern, Chor und Gemeinde. In der Tradition von Joop Roeland und dem niederländischen Erneuerer der religiösen Sprache Huub Oosterhuis (1933 bis 2023) orientiert sich die Sprache der Liturgie an den biblischen Dichtern (etwa der Psalmen).
Gute Nachbarschaft zum Stadttempel
Die Nähe zum Wiener Stadttempel bedingt den „Auftrag zur guten Nachbarschaft“. „Die Gemeinde Sankt Ruprecht pflegt diese seit Jahren, Aufmerksamkeit auf die jüdischen Feste und das Begehen des Tages des Judentums im Jänner sind fixer Bestandteil des Gemeindelebens“, so Friedrich. Der Ort der Ruprechtskirche hat aber auch eine hohe gesellschaftlich-historische Relevanz. „Auf halber Strecke zwischen der Synagoge und dem ehemaligen Gestapo-Hauptquartier am Morzinplatz will die Gemeinde dieser Kirche die christliche Mitschuld an der Judenverfolgung durch die Jahrhunderte erinnern.“ Zum 40. Mal wird heuer rund um den 9. November in den Bedenktagen „Mechaye Hametim – Der die Toten auferweckt“ der Gräuel der Novemberpogrome 1938 gedacht. Friedrich: „Dies ist ein christliches Gedenken – das aber eine Voraussetzung dafür ist, dass das Gespräch zwischen Christen und Juden stattfinden kann.“