Die Jesuitenkirche: Virtual Reality
Kirchenspaziergang
Die Jesuitenkirche bildet eine Seite eines Vierkanters aus dem 17. Jahrhundert, den man sieht, wenn man rechts von der Kirche durch einen Durchgang in einen begrünten Innenhof geht. „Ein richtiger Geheimtipp“, so Pater Schörghofer. Im Vierkanter war Franz Schubert Schüler, und Anton Bruckner unterrichtete Musik, die damals Teil des Philosophiestudiums war. Heute gehört alles dem Staat, da der Orden 1773 aufgelöst und erst 1856 in Österreich wieder zugelassen wurde. Die Jesuiten haben seither die Seelsorge an der Kirche über. Den Betrieb finanziert der Orden aus Spenden. „Es fließt kein Kirchenbeitrag in diese Kirche“, sagt Pater Schörghofer.
Weihe der Jesuitenkirche
Die Kirche selbst wurde 1631 geweiht. Auf der Fassade fällt eine Darstellung besonders auf: Ignatius scheint auf einem Menschen zu stehen. Pater Schörghofer erklärt dazu: „Es ist damit kein Mensch gemeint, denn die Figur hat lange, spitze Ohren, sondern ein Dämon, der das Buch des Protestantismus in der Hand hält, der damals als Glaubensabfall betrachtet wurde.“
Jesuitenkirche: Wow-Effekt mit viel Gold
Innen erwartet mich ein Wow-Effekt. Der Raum des italienischen Architekten Andrea Pozzo ist bunt und aus einem Guss. Es dominieren die Farben Rosa, Grün-Türkis, Blau, Braun und viel Gold. Mein Blick geht nach oben. Ich sehe eine Kuppel, die aber keine sein kann, weil die Kirche nicht die Höhe hat. Pater Schörghofer schmunzelt: „Das ist hier so ein richtiger Renner, die Scheinkuppel. Das war Pozzos Spezialität.“ Eine weiße Bodenfliese markiert den Standort, wo die Perspektive stimmt. Von jedem Punkt des Raums aus wirkt die Scheinkuppel anders, sie verzerrt sich, ändert ihre Form. „Und ganz oben ist sogar der Himmel offen.“
Der Tabernakel der Jesuitenkirche
Auch über allen Seitenkapellen sind Scheinkuppeln. Der Rektor zieht einen Vergleich: „Es ist wie ein Spiel, eben Täuschung und Enttäuschung. Das ist sonst nicht üblich. Das war Andrea Pozzo, der sich einen Spaß draus gemacht hat, die Augen zu betrügen“, sagt er. „Das sind die Anfänge der virtuellen Wirklichkeit, damals, 1702. Diese zentralperspektivischen Konstruktionen sind ja virtuelle Wirklichkeiten. Das kann man schön fortsetzen in unsere Zeit hinein.“ Der Tabernakel mit dem Ewigen Licht befindet sich nicht am Hochaltar, sondern im nächstgelegenen linken Seitenaltar. Der Grund: „Am Hochaltar steht bei den sonntäglichen Hochämtern der Chor. Außerdem soll das Ewige Licht für alle, die beten, leicht zugänglich sein.“ Wie der Rektor überhaupt Wert darauf legt, dass die Gittertüre im Eingangsbereich stets offen ist und kein Eintritt zu bezahlen ist. Dringende Empfehlung!
Weitere Infos
Jesuitenkirche Wien, Dr.-Ignaz-Seipel-Platz 1, 1010 Wien, täglich geöffnet von 8:00 bis 21:00 Uhr. Der Zugang ist barrierefrei.