Die Jesuitenkirche: ­Virtual Reality

Kirchenspaziergang
Ausgabe Nr. 35
  • Kunst und Kultur
Autor:
Eine Scheinkuppel lässt die Jesuitenkirche größer wirken, als sie ist.
Eine Scheinkuppel lässt die Jesuitenkirche größer wirken, als sie ist. ©Bernadette Spitzer

Sie ist bunt, elegant, aus einem Guss, sie sprüht vor Leben und sie gaukelt eine Größe vor, die die Jesuitenkirche nicht hat. „Sie ist ein Geschenk“, findet der Jesuitenpater Rektor Gustav Schörghofer, als Kunsthistoriker Experte, am Weg durch seine Kirche.

Die Jesuitenkirche bildet eine Seite eines Vierkanters aus dem 17. Jahrhundert, den man sieht, wenn man rechts von der Kirche durch einen Durchgang in einen begrünten Innenhof geht. „Ein richtiger Geheimtipp“, so Pater Schörghofer. Im Vierkanter war Franz Schubert Schüler, und Anton Bruckner unterrichtete Musik, die damals Teil des Philosophiestudiums war. Heute gehört alles dem Staat, da der Orden 1773 aufgelöst und erst 1856 in Österreich wieder zugelassen wurde. Die Jesuiten haben seither die Seelsorge an der Kirche über. Den Betrieb finanziert der Orden aus Spenden. „Es fließt kein Kirchenbeitrag in diese Kirche“, sagt Pater Schörghofer.

Werbung

Weihe der Jesuitenkirche

Die Kirche selbst wurde 1631 geweiht. Auf der Fassade fällt eine Darstellung besonders auf: Ignatius scheint auf einem Menschen zu stehen. Pater Schörg­hofer erklärt dazu: „Es ist damit kein Mensch gemeint, denn die Figur hat lange, spitze Ohren, sondern ein Dämon, der das Buch des Protestantismus in der Hand hält, der damals als Glaubensabfall betrachtet wurde.“

Jesuitenkirche: Wow-Effekt mit viel Gold

Innen erwartet mich ein Wow-Effekt. Der Raum des italienischen Architekten Andrea Pozzo ist bunt und aus einem Guss.  Es dominieren die Farben Rosa, Grün-Türkis, Blau, Braun und viel Gold. Mein Blick geht nach oben. Ich sehe eine Kuppel, die aber keine sein kann, weil die Kirche nicht die Höhe hat. Pater Schörghofer schmunzelt: „Das ist hier so ein richtiger Renner, die Scheinkuppel. Das war Pozzos Spezialität.“ Eine weiße Bodenfliese markiert den Standort, wo die Perspektive stimmt. Von jedem Punkt des Raums aus wirkt die Scheinkuppel anders, sie verzerrt sich, ändert ihre Form. „Und ganz oben ist sogar der Himmel offen.“ 

Der Tabernakel der Jesuitenkirche

Auch über allen Seitenkapellen sind Scheinkuppeln. Der Rektor zieht einen Vergleich: „Es ist wie ein Spiel, eben Täuschung und Enttäuschung. Das ist sonst nicht üblich. Das war Andrea Pozzo, der sich einen Spaß draus gemacht hat, die Augen zu betrügen“, sagt er. „Das sind die Anfänge der virtuellen Wirklichkeit, damals, 1702. Diese zentralperspektivischen Konstruktionen sind ja virtuelle Wirklichkeiten. Das kann man schön fortsetzen in unsere Zeit hinein.“  Der Tabernakel mit dem Ewigen Licht befindet sich nicht am Hochaltar, sondern im nächstgelegenen linken Seitenaltar. Der Grund: „Am Hochaltar steht bei den sonntäglichen Hochämtern der Chor. Außerdem soll das Ewige Licht für alle, die beten, leicht zugänglich sein.“ Wie der Rektor überhaupt Wert darauf legt, dass die Gittertüre im Eingangsbereich stets offen ist und kein Eintritt zu bezahlen ist. Dringende Empfehlung! 

Schlagwörter
Autor:
  • Bernadette Spitzer
Werbung

Neueste Beiträge

| Spiritualität
Sommermeinung

Sommerzeit ist Lesezeit: In den „Sommerbriefen“ macht Der SONNTAG alte Schreiben neu zugänglich – klar, direkt und erstaunlich anschlussfähig für unsere Gegenwart.

| Spiritualität
Gehimmelt

Am 31. August 2026 hätte Magdaléna Tschmuck ihren 49. Geburtstag gefeiert. Vier Jahre lang hat sie mit ihrer unheilbaren Krebserkrankung gelebt. Sie hatte gekämpft, ihr war schlecht, sie hatte ihr langes Haar verloren – sie glaubte aber weiter an einen guten Gott, der jeden Tag für uns alle da ist.

| Termine
Highlights

Entdecken Sie spirituelle Höhepunkte in Wien und Niederösterreich. Stöbern Sie in unseren sorgfältig ausgewählten Terminen für kirchliche Highlights und lassen Sie sich inspirieren.