Liebe ist das, was uns nährt und trägt

Selbstfürsorge
Ausgabe Nr. 8
  • Leben
Autor:
Bewusste Präsenz kann Sattgeliebt-Momente herzaubern.
Bewusste Präsenz kann Sattgeliebt-Momente herzaubern. ©istock/LeManna

Was nährt und trägt uns wirklich – jenseits von Mahlzeiten und Leistung? Die Fastenbegleiterin und Autorin Andrea Löw geht dieser Frage in ihrem Buch „sattgeliebt“ nach und spannt dabei einen aufschlussreichen Bogen zwischen Essgewohnheiten, emotionaler Fülle und innerem Wachstum.

Andrea Löw ist Tanzpädagogin, Fastenleiterin, Erwachsenenbildnerin und Autorin. Menschen nahezubringen, gut mit sich selbst umzugehen und auf sich zu achten, ist ihr ein Herzensanliegen. Selbstfürsorge heißt in diesem Zusammenhang das Zauberwort und mit Egoismus hat das rein gar nichts zu tun. Mit dem SONNTAG hat sie über sinnerfülltes Sein und Lebensfreude gesprochen und warum das nicht losgelöst von Zweifel und Kritik funktionieren muss und kann.

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Sie haben ein Buch mit dem Titel „sattgeliebt“ geschrieben. Was bedeutet „sattgeliebt“?

Andrea Löw: Das Wort „sattgeliebt“ will zeigen, dass es nicht nur ein Sattgegessen gibt, sondern auch ein Sattgeliebt im Sinn von zufrieden, wohlig, gut genährt auf allen Ebenen. Für manche ist sattgeliebt eine Sehnsucht, für manche ein Erleben. 

Fasten und Sattsein

Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen? 

In den Fastenkursen taucht das Thema des Sattseins oft auf mit den Fragen: Was nährt uns, um uns sattgegessen zu fühlen? Was nährt uns, um uns sattgeliebt zu fühlen? Beim Fasten wird Essen ja ganz oder teilweise weggelassen und andere Wichtigkeiten bekommen vermehrt Aufmerksamkeit.  Wenngleich beides wichtig ist. Ohne Essen kein Leben. Ohne Liebe kein erfüllendes Leben. Seit vielen Jahren stelle ich den Fastengästen die Frage: Warum isst du, wenn du isst? Die Liste der Antworten ist lang und zeigt, dass wir nicht nur aufgrund von Hunger oder Lust essen, sondern auch, um uns zu trösten, zu beruhigen, zu entstressen, abzulenken, zu belohnen und vieles mehr. All das hat mit Gefühlen zu tun, die meist zu kurz kommen in unserer Welt, in der Verstand und Leistung mehr Priorität bekommen als unsere Emotionen.
 

Kein Fasten bei liebevoller Aufmerksamkeit

Noch einmal zur Bedeutung des Wortes „sattgeliebt“ – das bedeutet also vereinfacht gesagt, auch auf der emotionalen Ebene satt und gut genährt zu sein? 

Ja. Auf emotionaler, spiritueller, mentaler und physischer Ebene. Es hat viel mit bewusster Präsenz zu tun, mit dem Wahrnehmen meiner Befindlichkeiten und einer achtsamen Selbstbegleitung. Gefühle sind weder gut noch schlecht, sie zeigen auf, was in uns lebt. Aber wir empfinden sie als angenehm oder unangenehm und so dienen sie als wunderbare Wegweiser, die zeigen, wo liebevolle Aufmerksamkeit vonnöten ist. Sich Themen zu stellen gehört zum Erwachsensein dazu, wir können dadurch wachsen und unseren persönlichen Weg meistern, was letztlich zufrieden macht, auch wenn nicht alles nach Wunsch geht. 
 

„Leben bedeutet alles. Höhenflüge und Talfahrten.“

Fasten und Zufriedenheit

Zufriedenheit also auch jenseits eines dauerhaften emotionalen Höhenfluges, jenseits des Gefühls, dass alles in meinem Leben gut ist?

Ja, Leben bedeutet alles. Höhenflüge und Talfahrten. Wenn auch nicht alles Freude macht, einen Sinn finden wir meist dennoch in allem Erlebten. Oftmals erst lange Zeit später. In meinem Buch schreibe ich: „Die schweren Jahre und Erfahrungen habe ich nicht geliebt, aber als zu mir gehörig in mein Herz genommen. Durch sie bin ich gewachsen, bin geworden, die ich bin. Sie sind schon durchgestanden und in der Scheune meiner Erinnerungen gelagert.“ Diese drei Sätze hole ich mir oft ins Bewusstsein, wenn es grad schwer ist. Ich befinde mich auf einem andauernden Entwicklungsweg. Es gibt Höhenflüge und Talfahrten, Freudvolles und Trauriges. Ich erlebe Schwierigkeiten und Probleme, Kummer, Ängste und Zweifel. Das alles gehört zum Leben. 
 

Selbstverantwortliches Setzen von Grenzen

Aber nehmen uns Ängste und Zweifel nicht komplett den Handlungsspielraum?

Sie engen uns im ersten Moment ein, können aber auch Räume eröffnen. Wir können versuchen, zweifelnden oder angstvollen Anteilen liebevoll zu begegnen und mehr von ihnen erfahren zu wollen, anstatt sie zu verdrängen. Es ist immer wieder spannend, wie viel wir über uns selbst in Erfahrung bringen, wenn wir uns tiefer mit uns selbst auseinandersetzen. Bei Gefühlen von Zweifel und Angst können wir uns auf der mentalen Ebene ins Bewusstsein rufen, wie viel wir schon geschafft haben. In unserer schnelllebigen Zeit haben Ängste oft mit Versagensängsten und den dazugehörigen inneren Antreibern zu tun. Es ist gut, wenn wir tüchtig sind und tüchtig sein wollen, aber wir können nicht immer alles schaffen, was wir uns vornehmen. Anforderungen und Ansprüche wollen immer wieder angepasst werden an Befindlichkeit und Gegebenheiten. Achtsame Selbstbegleitung brauchen wir in allen Kapiteln unseres Lebens. Wie auch selbstverantwortliches Setzen von Grenzen.
 

Gerade dieses Grenzen-Setzen fällt vielen schwer. Meinen Sie, dass es leichter fällt, wenn man es in diesem universalen Kontext sieht – dass es Grenzen braucht, damit es mir und auch anderen gut gehen kann? 

Unbedingt, das Nein nach außen ist ein Ja zu mir selbst. Gut für mich zu sorgen meint ganz klar, dass ich Grenzen setzen darf. Auch bei Dingen, die ich bisher immer gemacht oder zugelassen habe. Ich darf sagen: Ja, das habe ich bisher immer gemacht, aber jetzt mache ich es nicht mehr. Ich mache die Erfahrung, dass Menschen gerne geben und teilen, wenn ihr eigener Liebestank gut gefüllt ist.
 

Wie kommt man in den Zustand eines „Sattgeliebt-Seins?

Was hilft uns, in den Zustand eines „Sattgeliebt-Seins“ zu kommen?

(Lacht.) Um diese Frage zu beantworten, habe ich 246 Seiten im Buch gebraucht. Wollte ich mit einem Wort antworten, wäre es Selbstfürsorge. Selbstfürsorge meint, einen Lebensstil zu pflegen, der Körper, Geist und Seele nährt. Dazu gehören liebevolle Selbstzuwendung, das Begleiten und Verarbeiten unserer Emotionen, sinnreiches und freudvolles Gestalten unserer Tage und Bedürfnisarbeit. Auf der körperlichen Ebene geht es darum, die eigene Gesundheit zu pflegen, für regelmäßige Bewegung, ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf und Ruhe zu sorgen. Naturerleben, Kunst und Kultur, kreatives Tun und Geisterfrischung vermögen es, herzhafte Sattgeliebt-Momente zu schenken und ganz besonders wichtig sind wohltuende Gemeinschaften und Beziehungen. Gleichgesinnte, Freunde und Freundinnen, die Familie. Und ein spirituelles Zuhause! Gottvertrauen oder Vertrauen ins Leben zu haben ist ein Segen. Zu spüren: Ich bin nicht allein, ich bin Teil eines großen Ganzen. Doch auch der spirituelle Weg war und ist ein Weg des Wandels. Auch er benötigt liebende Aufmerksamkeit, um Früchte zu tragen.

„Gut für mich zu sorgen meint ganz klar, dass ich Grenzen setzen darf.“ 

Klingt nicht danach, als wäre der Zustand des Sattgeliebt-Seins einfach oder schnell zu erreichen.

Manchmal schon, weil bewusste Präsenz Sattgeliebt-Momente herzaubern kann. Für ein lange andauerndes Sattgeliebt jedoch braucht es Tatkraft und einen langen Atem. Sattessen ist für uns viel leichter – Essen wirkt sofort. Um uns in all unseren Lebenskapiteln sattgeliebt zu fühlen, braucht es liebende Aufmerksamkeit, Herzkraft, Achtsamkeit, Zeit und auch Mut. Aber es lohnt sich, den Weg zu gehen hin zum Sattgeliebt! 

©Andrea Löw

Zur Person:


Andrea Löw ist Tanzpädagogin, Fastenleiterin, Erwachsenenbildnerin und Autorin.

©Freya Verlag

Buchtipp: "Sattgeliebt"


Das Buch beleuchtet anschaulich die vielschichtigen Zusammenhänge zwischen Selbstliebe, Emotionen, Bedürfnissen und Essenslust. Es zeigt, wie wir emotionalen Hunger verstehen, Intervallfasten genussvoll integrieren und liebevolle Selbstzuwendung und Selbstfürsorge leben können.


Andrea Löw, "sattgeliebt. Wenn Gefühle hungrig machen." Freya Verlag. ISBN: 978-3-99025-517-9, EUR 25,50

Autor:
  • Portraitfoto von Andrea Harringer
    Andrea Harringer
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