Leihmutterschaft: Gekaufte Kinder
EthikMeine Kindheit war wohl das, was man von außen betrachtet als ,ganz normal‘ bezeichnen würde: Meine Familie war sehr wohlhabend und meine Eltern taten auch ganz bestimmt alles, was sie konnten, um mich gut und richtig zu erziehen. Trotzdem hatte ich von klein auf den Eindruck, dass irgendetwas nicht stimmte“, sagt Olivia Maurel. „Ich sah meinen Eltern so gar nicht ähnlich und meine Mutter war auch ganz offensichtlich wesentlich älter als die Mütter meiner Freundinnen. Mit etwa sechs begann ich – wohl auch deshalb – Fragen zu stellen.“ Doch Antworten bekommt Olivia Maurel keine. „Die Verunsicherung, die ich tief in mir spürte, verstärkte sich dadurch. Es ging mir nicht gut.“ In der Pubertät wird es immer unerträglicher. „Wenn man erwachsen wird, fängt man an, seine Identität zu suchen. Zu wissen, wo man herkommt, ist dafür unerlässlich. Aber genau das wusste ich nicht. In meiner Verzweiflung trank ich zu viel Alkohol, nahm Drogen und versuchte mir auch das Leben zu nehmen.“
Thema Leihmutterschaft
Mit 17 schließlich fasst Olivia Maurel den Entschluss, auf eigene Faust zu recherchieren, wo ihre Wurzeln liegen. „Ich begann damit in der Stadt, in der ich geboren wurde, in Louisville, Kentucky“, erzählt sie. Da sie überzeugt davon ist, dass ihre Mutter nicht ihre leibliche Mutter ist, erkundigt sie sich zunächst bei Adoptionsagenturen, kommt allerdings, als sie dort keine befriedigenden Antworten bekommt, bald zum Thema Kinderwunschkliniken und da im Speziellen zum Thema Leihmutterschaft – jener höchst umstrittenen Praxis, bei der eine Frau ein Kind für andere Personen austrägt und nach der Geburt übergibt. „Das fühlte sich an wie dieser letzte Puzzlestein, der noch fehlte“, sagt Olivia Maurel. Doch erst mit 30 Jahren bringt ein DNA-Test die lang ersehnte Gewissheit.
Kinder und Frauen sind keine Ware
Olivia Maurel beginnt daraufhin in der Öffentlichkeit über das Thema Leihmutterschaft zu sprechen. Das war im Jahr 2023. „Meinen Eltern gefiel das gar nicht“, erzählt sie. „Aber ich wusste, dass ich meine Geschichte erzählen muss, weil ich es nicht ertragen konnte, dass Kinder, die durch Leihmutterschaft geboren werden, wie eine Ware behandelt werden, dass sie ihren leiblichen Müttern entrissen werden. Ich wollte nicht akzeptieren, dass wir als Gesellschaft das hinnehmen, wollte dagegen kämpfen. Ich wusste, wie es mir ergangen war und wollte anderen dieses Trauma des Verlassen-worden-Seins ersparen.“ Gerade das nämlich sei für sie das Allerschlimmste gewesen.
"Frauen werden durch Leihmutterschaft zur Ware"
Aber Olivia Maurel kämpft nicht nur für die Kinder der Leihmütter, sondern auch für die Leihmütter selbst. „Nicht nur Kinder, sondern auch Frauen werden durch Leihmutterschaft zur Ware gemacht und als Gebärmaschinen benutzt. Es werden also die Rechte von Kindern und Frauen mit Füßen getreten – und das für eine riesige Milliarden-Dollar-Industrie.“ Leihmutterschaft, das sei „Sklaverei 2.0“. „Die Frauen, die sich als Leihmütter zur Verfügung stellen, unterschreiben einen Vertrag, mit dem das Baby in ihrem Leib den Auftraggebern gehört. Sie selbst haben keinerlei Rechte. Ihnen wird vorgeschrieben, was sie tun dürfen und was nicht, was sie essen dürfen – sie werden die vollen neun Monate der Schwangerschaft überwacht. Und am Ende bekommen sie für ihren ,Einsatz‘ meistens auch nur wenig Geld. Allein deswegen würde es sich schon lohnen, dagegen zu kämpfen.“
Leihmutterschaft: Nationale Verbote reichen nicht aus
In ihrem Kampf steht Olivia Maurel nicht allein. Einen starken Partner hat sie etwa im Vatikan und der Katholischen Kirche gefunden. „Ich hatte die Ehre, 2024 Papst Franziskus zu treffen“, erzählt Olivia Maurel. „Er war ein wunderbarer Mann und wusste gut über das Thema Leihmutterschaft Bescheid.“ Zudem ist Olivia Maurel Pressesprecherin der „Casablanca Declaration“, einer von Experten aus aller Welt unterzeichneten Erklärung, die sich für die internationale Abschaffung der Leihmutterschaft einsetzt. „Nationale Verbote reichen einfach nicht aus“, sagt Olivia Maurel. In vielen Ländern, in denen Leihmutterschaft verboten ist, gebe es nämlich Schlupflöcher in den Gesetzen – da sei dann zwar Leihmutterschaft verboten, aber ins Ausland zu reisen, ein dort durch eine Leihmutter geborenes Baby zu kaufen, es mitzunehmen und dann im eigenen Land legalisieren zu lassen, ist kein Problem. „Das ist doch heuchlerisch – das dürfen wir so nicht akzeptieren.“
Buchitpp
Im März 2026 ist Olivia Maurels Biographie „Wo bist du, Mama? Die Wahrheit über Leihmutterschaft“ erschienen. Verlag Frantisek Kolek, Wien, ISBN: 978-3-200-11087-8, EUR 18,50