Keine Angst vor dem Tod
Letzte Schwelle
Soll man sich „Sterben für Anfänger“ anschauen? Unbedingt! Der Anfang ist etwas blutig, man sieht eine Operation, ein menschliches Herz, dann viele Schläuche auf einer Intensivstation. Aber hier hält sich Kurt Langbein mit seinem Film nicht lange auf. Er erzählt seine eigene Krankheitsgeschichte, erforscht Heilungswege, die auch die Seele einschließen, und spricht mit Menschen, die tot waren und von ihren wundervollen Erlebnissen erzählen.
Von Tod und Nahtoderlebnissen
Kurt Langbein, gab es für Sie im Laufe der Dreharbeiten zu „Sterben für Anfänger“ ein Aha-Erlebnis?
Der ganze Prozess der Planung, des Drehens und des Schnitts hat mir eine große Fülle von Aha-Erlebnissen gegeben. Das war ein manchmal auch mühevoller Prozess, weil es ja zum Teil um mich geht, mit sehr vielen lichtvollen Momenten, die mir Blicke geöffnet und mir erlaubt haben, in Sphären zu schauen, von denen man meistens wegschaut, weil man davon nichts wissen will, bis es einen erwischt. Das geht von der Intensivstation bis zu Nahtoderlebnissen.
"Ich habe dann sehen müssen, dass ich damit rechnen muss, dass der Krebs mich tötet."
Diagnose Krebs
Sie thematisieren in Ihrem Film Ihre unheilbare Krankheit. Wie gehen Sie mit der Diagnose um?
Seit 16 Jahren lebe ich mit der Diagnose Krebs. Einige Jahre galt ich als geheilt. Die Medizin definiert das so: Wenn man nichts mehr sieht, ist nichts mehr da. Leider stimmt das oft nicht. Bei mir sind Metastasen gekommen und seit damals ringe ich – zuerst auf eine sehr produktive, positive Art – damit. Ich habe weltweit über die Umstände sogenannter Spontanheilungen recherchiert. … Herbeiführen kann sie niemand und auch, wenn man ganz viel weiß, ist das kein Ticket dafür, dass man das Glück hat, eine solche Entwicklung selber zu erleben. Bei mir war das auch so. Ich habe dann sehen müssen, dass ich damit rechnen muss, dass der Krebs mich tötet. Dann habe ich mich damit ein bisschen arrangiert.
Wie Menschen Nahtoderfahrungen erlebten
Sie haben mit Menschen gesprochen, die klinisch tot waren und wiederbelebt wurden und von ihren Nahtoderlebnissen berichten. Was hat Sie besonders berührt?
Bei sogenannten Nahtoderlebnissen erleben Menschen, wenn sie Herzstillstand haben und damit auch das Gehirn seine Tätigkeit eingestellt hat, eine ganz intensive, wundersame Entwicklung, wo sich die Zeit in einem Nichts auflöst. Meistens sehen sie helles Licht und reisen in Sphären, die ihnen bisher nicht erschlossen waren. Manche erleben, dass sie Verwandte treffen und Ähnliches. Viele erleben einen sogenannten Lebensfilm: Sie erleben ganz viel aus ihrem Leben noch einmal ganz schnell hintereinander. Diese Phänomene sind vielfach dokumentiert und kommen in allen Kulturen vor. Lediglich die Ausformungen, ob man Engel sieht oder nicht, haben mit der jeweiligen Kultur oder auch Religiosität der Leute zu tun. Das ist schon einmal spannend.
Was ich aber noch viel spannender finde, sind die außerkörperlichen Wahrnehmungen. Auch die sind sehr gut und sehr genau dokumentiert. Im Prozess der Reanimation erzählen diese Menschen, dass sie quasi aus dem Körper heraustreten und das Geschehen beobachten. … Sie können die Szenerie sehr genau beschreiben, auch viele Details, die sie selber überhaupt nicht wahrnehmen hätten können, weil ihr Gehirn ja ebenso wie ihr Herz außer Betrieb war in dieser Zeit. … Diese Menschen zeigen uns, dass unser Bewusstsein offenbar viel mehr ist als das, was unser Gehirn produziert.
Die Beschäftigung mit dem Tod
Diesen Erlebnissen versuchen Sie in „Sterben für Anfänger“ auf den Grund zu gehen …
Die Wissenschaftler, die sich damit beschäftigen, sprechen davon, dass das wohl ein starker Hinweis darauf ist, dass es ein universelles, nicht lokales Bewusstsein gibt, das nicht auf einen Menschen beschränkt ist, und dass unser Gehirn nur eine Art Empfänger ist von diesem Bewusstsein und das in unserer individuellen Art ausformt. Das halte ich für eine interessante Idee und für ein Konzept, von dem ich spüre, dass da etwas dran ist, wenn ich an den Tod denke. Und das macht mir ein gutes Gefühl.
Keine Angst mehr vor dem Tod
Dieses Konzept eines universellen Bewusstseins hat Ihren Blick auf Leben und Tod verändert – inwiefern?
Ich habe keine Angst mehr vor dem Tod. Wann immer ich mich ihm etwas näher fühle oder mich dorthin fantasiere – was ich zwangsläufig immer wieder mal tue – bin ich ganz ruhig, ruhiger als sonst. Ich kann mir das zwar gegenständlich nicht wirklich vorstellen, aber es erfasst mich so eine neugierige Gelassenheit.
Das heißt, Sie haben durch diesen Film Ihre Angst vor dem Sterben verloren?
Ja. Ich würde sagen, dass mir diese intensive Auseinandersetzung und auch diese extrem interessanten, berührenden und einen mitnehmenden Erzählungen der Menschen, die klinisch tot waren und dann durch die Medizin wiedererweckt wurden, Blicke und Perspektiven eröffnet haben, die ich zwar rational einmal gehört oder gelesen, aber nicht mitvollzogen habe. Und jetzt ist das anders.
„Ich glaube nicht an Gott, aber ich habe immer wieder Sehnsucht nach ihm.“
„Ozean von Liebe“
Der Jesuit Godehard Brüntrup erzählt in Ihrem Film, er sei während seiner Nahtoderfahrung in einen „Ozean von Liebe“ gefallen, das habe alles, was er jemals erlebt habe, völlig gesprengt …
Genau. Solche Erzählungen bleiben nicht ohne Spuren bei mir – und das ist gut so.
Zugang zur Spiritualität
Sie sagen im Film: „Ich glaube nicht an Gott, aber ich habe immer wieder Sehnsucht nach ihm.“ Wie spüren Sie diese Sehnsucht?
Ich bin sehr nüchtern, man kann sagen atheistisch, aufgewachsen und habe mir, auch in der Auseinandersetzung mit meiner Erkrankung, Schritt für Schritt einen eigenen Zugang zu Spiritualität erarbeitet, würde ich sagen, in dem Sinne, dass man sich als Teil des ganzen Universums fühlt und einen Platz darin findet. Aber die Sicherheit, die man – wie ich mir vorstelle –mit einer fix gefügten Religion hat, die habe ich nicht und manchmal denke ich mir, das wäre aber auch ganz nett.
Verlernt mit dem Tod zu leben
Was möchten Sie allen mitgeben, die sich „Sterben für Anfänger“ anschauen?
Wir haben, glaube ich, alle miteinander in unserer Gesellschaft verlernt, mit dem Tod zu leben. Wir schieben ihn immer weg. … Wir sehen die Menschen, die versterben, gar nicht mehr, sondern sie landen in Kühlhäusern und tauchen dann in einem Sarg am Friedhof wieder auf. Wir können das, was früher so selbstverständliche Trauerarbeit war, gar nicht mehr machen. Dieser Verdrängung entgegenzuwirken, war die Ursprungsmotivation für den Film. Wenn das, was dahinter ist, nämlich die Auseinandersetzung mit dem Sterben, dann auch noch ein positives Gefühl macht – so wie es bei mir war –, dann bin ich sehr happy.
Zur Person
Kurt Langbein, der todkranke Wissenschaftsjournalist nähert sich in seinem neuen Film „Sterben für Anfänger“ der letzten Schwelle dieses Lebens.
Filmtipp
Nach der Diagnose einer unheilbaren Krebserkrankung wird der Wissenschaftsjournalist Kurt Langbein vom Beobachter zum Betroffenen. In seinem dokumentarischen Essay „Sterben für Anfänger“ begibt er sich auf eine persönliche Reise an die Grenze zwischen Leben und Tod. Im Gespräch mit Ärzten, Forschern, Sterbebegleitern und Menschen mit Nahtoderfahrungen nähert er sich den großen Fragen rund um Krankheit, Würde, Hoffnung und Selbstbestimmung. Das Ergebnis ist ein berührender und zugleich lebensbejahender Film über den Umgang mit der eigenen Endlichkeit und einem Thema, das in unserer Gesellschaft noch immer tabuisiert wird.
Kurt Langbeins Film „Sterben für Anfänger“ ist ab 6. November in den Kinos zu sehen. Mehr Informationen unter: sterben.film
Radiotipp
Das gesamte Interview mit Kurt Langbein können Sie am 3. November ab 19:00 Uhr auf radio klassik Stephansdom hören, danach finden Sie es in der Rubrik Perspektiven auf ▶ radioklassik.at/podcast