Kälte als Kriegswaffe
Ukraine-Krieg„Wenn es im Kühlschrank wärmer ist als draußen …“ oder „Wir zählen die Montage bis zum Frühlingsbeginn. Vier sind es noch.“ Diese Aussagen von Caritas-Mitarbeitern aus der Ukraine zeigen, dass ihnen der Humor trotz der furchtbaren Lage nicht vergangen ist. Dennoch merke man den Kolleginnen und Kollegen vor Ort die Erschöpfung an, schreibt Claudia Vitt von der Caritas Österreich: „Denn dieser Krieg dauert schon sehr lange. Die andauernden Alarme und das Gefühl, nie sicher zu sein, sind psychologisch sehr belastend.“
Krieg in der Ukraine: Gefährliche Arbeit in Frontnähe
Vor allem die Menschen in den Großstädten wie Kyiv, Kharkiv, Zaporizhzhia, Odesa und Dnipro seien derzeit von Heizungs- und Stromausfällen betroffen, so Vitt. Vor allem ältere Menschen und Kinder leiden unter der Kälte. Frontnahe Gebiete seien wiederum noch stärker konstantem Beschuss ausgesetzt. Dabei setze Russland auch FPV-Drohnen, sogenannte First-Person-View-Drohnen, ein, welche mit 3D-Brille ferngesteuert werden. Diese würden, schreibt Vitt, laut Berichten manchmal sogar Jagd auf Zivilisten machen.
Dass die Arbeit nahe der Front gefährlich ist, weiß auch Caritas-Donezk-Direktor Vasyl Panteliuk: „Die Belegschaft der ‚Caritas Donezk‘ in Dnipro arbeitet unter extrem unberechenbaren und gefährlichen Bedingungen, da die Organisation in einer Zone unweit einer Frontlinie liegt, die jeden Tag näher rückt.“ Vor allem das Näherrücken der Front würden die Caritas-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am eigenen Leib erfahren, so Panteliuk: „Ihr Einsatz findet vor dem Hintergrund anhaltender (‚Shahed‘-)Drohnen- und Raketenangriffe auf zivile Infrastruktur, Energieanlagen und logistische Einrichtungen statt. Die Mitarbeitenden sind mit häufigen Luftalarmwarnungen, Stromausfällen sowie Unterbrechungen der Heiz- und Wasserversorgung konfrontiert, was eine erhebliche körperliche und emotionale Belastung darstellt.“
Welche Ressourcen in der Ukraine am notwendigsten gebraucht werden
Die Organisation legt dabei besonderen Wert auf die Sicherheit, das Wohlergehen und die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden, pflegt eine offene Kommunikation und reagiert zeitnah auf die Bedürfnisse der Teams. So sei unter anderem dank der Unterstützung französischer Spender seit August 2025 im Caritas-Donezk-Büro in Dnipro ein Schutzraum für Mitarbeitende gegen Bombenangriffe eingerichtet worden. Besonders dankbar seien die Caritas-Mitarbeiter aus Donezk für die von der Österreichischen Bischofskonferenz und der Caritas organisierte „Pause“ für Mitarbeiter aus der Ukraine in Österreich im vergangenen Jahr. „Wir möchten unseren aufrichtigen Dank an die Caritas Österreich, die Caritas Wien, die Österreichische Bischofskonferenz, den Klerus und alle Partner aussprechen, die diese Chancen erst möglich machen. Solche Reisen sind nicht nur eine Form der Erholung – sie sind eine wichtige Ressource zur Erneuerung, die dabei hilft, Resilienz, Motivation und Kraft zu bewahren, um den Menschen unter Frontbedingungen weiterhin dienen zu können“, so der Direktor der Caritas-Donezk.
Neben langfristigen Programmen sei unmittelbare Nothilfe nach Angriffen von entscheidender Bedeutung, so Panteliuk, da Menschen oft schlagartig ihre Wohnungen und das Lebensnotwendige verlieren. Zu den derzeit am dringendsten benötigten Ressourcen gehören: Bau- und Reparatursets für den dringenden Schutz beschädigter Häuser, Decken, warme Kleidung und Matratzen, warme Mahlzeiten und Trinkwasser sowie alternative Beleuchtung (Taschenlampen, Lampen, Powerbanks).
Friede für die Ukraine?
In einer Aussendung ruft die Caritas Österreich zu dringenden Spenden für die Ukraine auf, denn im vierten Kriegswinter sind vor allem Strom-, Wärme- und Wassernetze oft Ziel russischer Angriffe. Vielerorts ist daher die Versorgung mit diesen wichtigen Ressourcen zusammengebrochen. In der Hauptstadt Kyiv sind 5.635 Hochhäuser und Wohnanlagen ohne Heizung. Für viele Menschen sind Kochen, Waschen und ein normaler Alltag nicht möglich. Der anhaltende Frost mit Temperaturen bis zu minus 20 Grad bringe die Menschen in Lebensgefahr.
Auf die Frage, was sich die Menschen wünschen, würden immer wieder die Antworten „Frieden“ und „Freiheit“ kommen, so Claudia Vitt. Die Friedensverhandlungen Mitte Februar in Abu Dhabi sind jedoch ohne nennenswertes Ergebnis verstrichen. Die Caritas-Mitarbeiter in Donezk würden die Verhandlungen vorsichtig und skeptisch verfolgen, so Panteliuk: „Trotz des natürlichen Wunsches nach Frieden gibt es spürbar wenig Vertrauen und kaum Illusionen in Bezug auf Verhandlungen. Die Erfahrung zeigt, dass politische Erklärungen und Verhandlungsprozesse die Realität vor Ort oft nicht verändern: Der Krieg geht weiter, der Beschuss hört nicht auf, und Menschen verlieren weiterhin ihre Häuser und ihr Leben.“ Die Hoffnung auf einen gerechten und dauerhaften Frieden bleibe dennoch.
Die neue Sicherheitslage in Europa
Auch Anton Shekhovtsov, Politikwissenschaftler, Direktor des Centre for Democratic Integrity (Österreich) und Gastprofessor am Department of International Relations der Central European University in Wien, schätzt die Chancen auf einen baldigen Frieden zwischen Russland und der Ukraine gering ein: „Die sogenannten Friedensverhandlungen, die – nicht direkt zwischen Russland und der Ukraine, sondern mit einer gewissen Vermittlung durch die Vereinigten Staaten – geführt werden, betrachtet Russland, um ganz ehrlich zu sein, nicht als echte Verhandlungen. Russland sieht diese Gespräche nicht als Friedensverhandlungen, sondern lediglich als ein Instrument, um von dem Krieg abzulenken. Das einzige Ergebnis, an dem Russland interessiert ist, ist die Kapitulation der Ukraine.“
Sollte Europa die Ukraine mehr unterstützen? Was kann Europa – auch angesichts der Unzuverlässigkeit seines stärksten Partners Amerika – tun, um nicht in diesen Strudel autoritärer Tendenzen hineingezogen zu werden? Diese Fragen haben wir Anton Shekhovtsov im Vorfeld der 62. Münchner Sicherheitskonferenz, die von 13. bis 15. Februar 2026 über die Bühne ging, gestellt. Seit Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten geworden ist, bezahle nun Europa den Großteil der Waffen, die auch aus den USA an die Ukraine geliefert werden, doch die Vereinigten Staaten würden diese nicht mehr kostenlos bereitstellen, so Shekhovtsov. Angesichts dessen, dass nicht nur Russland und China autoritär regiert werden, sondern autoritäre Tendenzen zunehmend auch in der Politik der USA Einzug halten, müsse Europa enger zusammenstehen: „Ich bin der Ansicht, dass Europa in der aktuellen Situation – und wahrscheinlich auch langfristig – verstehen muss, dass es in gewisser Weise allein dasteht. Zwar hat Europa Verbündete, etwa in Kanada oder vermutlich auch in Australien, doch im Wesentlichen ist es heute vielleicht sogar das einzige verbliebene Machtzentrum, das die Demokratie weiterhin unterstützt. Damit Europa diese Werte bewahren und schützen kann, gibt es keinen anderen Weg, als sich zu föderalisieren – also aus einer Konföderation kleiner und mittelgroßer Staaten eine Föderation zu formen, die über eine eigene, unabhängige Stimme in der Welt verfügt und wesentlich enger in den Bereichen Sicherheit, Verteidigung, Finanzen und digitaler Infrastruktur zusammenarbeitet.“
Wiener Pfarren halfen aus der Ukraine Geflüchteten
Während die veränderte geopolitische Lage auch Thema bei der Münchner Sicherheitskonferenz war, boten einige Wiener Pfarren ihre Hilfe im Kleinen an. Als die Stadt Wien im Sommer ankündigte, das Ankunftszentrum Schlossberg mit 8. Jänner 2026 zu schließen, haben der Orden der Oblaten des heiligen Franz von Sales (Kaasgraben) und die Pfarre Franz von Sales (Grätzlzentrum Frieda Krim) reagiert: 22 Tage lang stellten sie ihre Räumlichkeiten von Jänner bis Anfang Februar als Notquartier für ukrainische Geflüchtete zur Verfügung.
Der Zusammenhalt und die Hilfsbereitschaft in und um die Pfarrgemeinde sind dabei überwältigend: Hunderte Menschen sind bereit, anzupacken. 79 Menschen tragen sich für Dienste vor Ort ein. So konnte man im Kaasgraben für bis zu 30 und in der „Krim“ für bis zu 70 Geflüchtete aus der Ukraine zur Verfügung stehen. Pro Nacht hätten in der Pfarre Franz von Sales zwischen zwei und zehn Menschen die Notquartiere in Anspruch genommen, erzählt Alexander Gotsmy vom Pfarrleitungsteam. Eine genaue Planung sei der Pfarre verunmöglicht worden, da das öffentliche Ankunftszentrum der Stadt Wien, entgegen seiner Ankündigung, niemanden mehr aufzunehmen, dennoch Menschen ein Quartier gegeben hätte. Mit der Notquartier-Aktion wollte die Pfarre Geflüchteten helfen und eine Übergangslösung bereitstellen, bis eine Einigung zwischen Stadt Wien und dem Bund in Sachen Flüchtlingsquartieren getroffen würde. Mit Anfang Februar hat die Pfarre ihr Notschlafquartier geschlossen.
Uneinigkeit zwischen Stadt Wien und Bund
Eine Einigung zwischen Stadt Wien und Bund bezüglich der Erstaufnahme von Flüchtlingen wurde bis dato noch nicht erzielt. Martin Binder-Blumenthal, Kommunikationsleiter der Volkshilfe Wien, bestätigt, dass das Erstankunftszentrum Schlossberg in Wien seit 8. Jänner 2026 einen Aufnahmestopp hat. Die derzeit untergebrachten 80 Personen würden sukzessive auf neue Quartiere verteilt. Für Menschen, die in der Nacht ankommen, würden aber noch Notbetten im Bedarfsfall bereitgestellt. Die Stadt Wien schreibt in einer Stellungnahme: „Der Bund hat mehrere Immobilien, unter anderem in Wien, die sofort zu einem Ankunftszentrum gemacht werden könnten. Auch in der Frühphase der Fluchtbewegung hat der Bund in Wien ein Erstaufnahmezentrum betrieben. Nach geltender Rechtslage ergibt sich eine Verpflichtung des Bundes, für die Erstversorgung von Vertriebenen zu sorgen, und die Länder unterstützen ihn dabei. Sämtliche Erstaufnahmezentren, betrieben durch Länder wie auch durch den Bund, wurden nach und nach geschlossen. Die Stadt appelliert seit geraumer Zeit an den Bund, endlich seinen gesetzlichen Aufgaben in der Erstversorgung und Unterbringung von Vertriebenen nachzukommen.“ Seit dem 8. Jänner 2026 müssen Geflüchtete aus der Ukraine sich bei der Einreise bei der Landespolizeidirektion Wien melden, um ihren Aufenthaltsstatus ermitteln zu lassen. Danach würden Hilfsbedürftige auf die verschiedenen Grundversorgungszentren aufgeteilt.
Von Seiten des Bundes wird auf die Verantwortung der Bundesländer bei der Erstversorgung von Geflüchteten verwiesen. Dazu schreibt Andreas Achrainer, Geschäftsführer der Bundesagentur für Betreuungs- und Unterstützungsleistungen: „Prinzipiell regelt die Grundversorgungsvereinbarung zwischen Bund und Ländern klar, dass ukrainische Vertriebene, wenn ihnen Grundversorgungsleistungen zustehen, diese vom jeweiligen Bundesland gestellt bekommen. Dies wird auch von niemandem in Frage gestellt. Für die Zeit zwischen Ankunft und Genehmigung des Antrages auf Grundversorgung, dabei handelt es sich in der Regel um nur einen oder wenige Tage, gibt es eine Zusatzvereinbarung. Diese besagt, dass die Bundesländer diese Zeit überbrücken und der Bund sich dabei finanziell beteiligt. Dafür ist es nicht zwingend notwendig, ein Ankunftszentrum zu betreiben. Nach Aussage der meisten Bundesländer sind die ankommenden Ukrainerinnen und Ukrainer so gut organisiert, dass es schlicht keine Notwendigkeit für den Betrieb eines Ankunftszentrums gibt. Die wenigen Fälle, in denen eine kurzfristige Übernachtung notwendig sei, könnten normalerweise innerhalb bestehender Strukturen erledigt werden. Die Problematik in der Stadt Wien basiert daher eigentlich nicht auf einer Auseinandersetzung zwischen Bund und Ländern. Vielmehr hat sich die Aufenthaltsdauer von vertriebenen Personen (und damit die Kosten) im Wiener Ankunftszentrum stark erhöht, was auf die schleppende Übernahme von Vertriebenen aus Wien in die anderen Bundesländer zurückzuführen ist. Jede Lösung im Rahmen der Grundversorgungsvereinbarung ist aber immer auf die partnerschaftliche Kooperation aller Beteiligten angewiesen, die ich hiermit zum wiederholten Mal einfordern möchte.“
Die Hoffnung auf Frieden bleibt
Auch Sascha, der aus Kyiv stammt, ist zuerst im Notquartier der Pfarre Franz von Sales und nun in einem Grundversorgungszentrum in Niederösterreich untergebracht. Seit zwei Wochen ist er jetzt in Österreich. Sascha flüchtete aus der Ukraine über Rumänien. Die Hilfe der Pfarre schätzt er sehr. In dem Grundversorgungszentrum in Niederösterreich fühlt er sich nicht wohl: „Wir sind jetzt 38 Leute in dem Camp. Es ist nicht schön, dort zu leben. Einige Leute rauchen, weshalb es immer verraucht ist.“ Auch das Essen im Grundversorgungszentrum sei dürftig. Auf Fotos zeigt Sascha, was ein Frühstück für 38 Menschen sein soll: ein Korb Brot und etwas Butter. Zum Mittagessen erhielten Sascha und sein Freund Nikolaus eine Handvoll Kartoffeln und fünf Falafeln. Auch Sascha und Nikolaus hoffen auf einen baldigen Frieden in der Ukraine. Dass der Krieg tatsächlich bald ein Ende hat, glauben beide aber eher weniger. Die Friedensverhandlungen sieht Sascha skeptisch: „Ich hoffe, dass der Krieg endet, aber die Friedensverhandlungen wirken auf mich eher wie eine Imitation eines Dialoges.“
Radiotipp: Perspektiven
Das Gespräch mit mit Anton Shekhovtsov hören Sie am 20. Februar 2026 um 17:30 Uhr auf radio klassik Stephansdom.
▶ radioklassik.at
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