Jesus Christus näherbringen

Auftrag der Kirche
Ausgabe Nr. 25
  • Theologie
Autor:
Jesus Christus: die Mitte, das Zentrum jeglicher Theologie.
Jesus Christus: die Mitte, das Zentrum jeglicher Theologie. ©Vgoran/Stock photo ID:1344070144

Anlässlich der Präsentation des Gesprächsbandes „Jesus Christus auf der Spur“ in Wien stand Kardinal Walter Kasper dem SONNTAG und radio klassik Stephansdom Rede und Antwort. In Kirche und Theologie müsse wieder mehr von Jesus Christus die Rede sein, ist er gemeinsam mit dem Dogmatiker Jan-Heiner Tück überzeugt.

Wie Kardinal Walter Kasper den steilen Begriff „Christologie“ erklärt, will der SONNTAG wissen. „Christologie ist einfach das Reden über Christus, die Lehre von Jesus Christus – das Zentrum der Theologie. Wir sind Christen, wir müssen wissen, wer Jesus Christus war und was er gelehrt hat und was die Kirche über ihn sagt und lehrt“, betont Kardinal Walter Kasper, der selbst lange Jahre an deutschen Universitäten als Dogmatikprofessor gelehrt hat.

Werbung

Nur Jesus Christus kann uns die Frage nach Sinn beantworten

Sie betonen in Ihrem Buch, dass man wieder verstärkt über Jesus Christus sprechen soll. Warum?

Kardinal Walter Kasper: Unmittelbar nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) gab es eine christologische Welle, also unterschiedliche Christusbücher. Damals ist auch meine Christologie „Jesus der Christus“ erschienen. Momentan hat man sich in Kirche und Theologie verstrickt in kirchliche Themen. Im Grunde wird über die Ämterfrage diskutiert, das scheint mir viel zu eng zu sein. Man fragt, wer was werden kann und wer wofür verantwortlich ist. Das sind letztlich funktionale Fragen, aber keine essentiellen. Und vor allem gibt diese Art von Ekklesiologie (als Lehre von der Kirche) nichts her für die Fragen, die die Menschen wirklich haben: die Fragen nach einem besseren, gerechteren Leben, nach Hoffnung und Sinn des Lebens. Die kann man letztlich nur von Jesus Christus her beantworten. Weniger durch die Verlagerung auf kirchliche Fragen, von denen man hofft, damit die ganzen Probleme der Kirche lösen zu können, dass etwa die Kirche demokratischer werden müsste. Dass es Mitbestimmung geben soll in der Kirche, da bin ich schon auch dafür. Aber von dort her, von dem Machen, von dem, was man tun kann, die Erneuerung des Glaubens zu erwarten, das ist auch theologisch grundfalsch. Nicht, dass das keine wichtigen Fragen wären, aber man kann sie eigentlich nur vom Zentrum her richtig beurteilen und einordnen. Und da sind wir beide, Jan-Heiner Tück und ich, der Meinung, dass es wichtig wäre, wieder zu den christologischen Fragen zurückzukommen. In letzter Zeit ist hier, wenn ich die deutschsprachige Theologie überschaue, nichts Großes erschienen.
 

„Unser Buch bietet nichts Neues, sondern erneuerte Theologie.“

Kardinal Walter Kasper

Neudeutung des Gestalt Jesu Christus

Im Klappentext wird das Interviewbuch angekündigt als „Neudeutung der Gestalt Jesu“. Worin besteht diese Neudeutung?

Man kann keine Theologie machen, die meint, wir fangen heute ganz neu an und wir bauen auf der grünen Wiese neu auf. Das kann nicht gutgehen. Wir stehen in einer großen Tradition, in einem lebendigen Erbe von fast 2.000 Jahren. Tradition heißt ja weitergeben. Das ist ein Prozess. Die Tradition ist nicht wie ein Schatzkasten, aus dem man immer wieder mal gewisse Lehren herauszieht und präsentiert, sondern man gibt sie weiter.

Ich gebe sie so weiter, wie ich sie verstehe, und der andere nimmt sie mit seinem Horizont wahr. Wir stehen, das müssen wir doch sagen, auch auf den Schultern von Riesen der Theologie. Diese heute zu vergessen und zu meinen, das ist früher mal gewesen, ist eine Überheblichkeit. Man kann, man soll sich inspirieren lassen von den großen Gestalten der Theologie der Vergangenheit, von den Kirchenvätern, vom hohen Mittelalter. Und dann transportieren wir das in unsere heutigen Fragestellungen hinein und auch in die Sprache von heute. Insofern bietet unser Buch nichts Neues, sondern einfach erneuerte Theologie.

Eine Freundschaft mit Christus

Sie sprechen auch von der Freundschaft mit Christus. Wie kann diese Freundschaft im Jahr 2026 aussehen?

Das heißt auf jeden Fall, Christus zu kennen. Einen Freund muss man kennen. Dazu muss man auch die Heilige Schrift lesen. Und da muss ich mich hineinversetzen in diese Situationen: Jesus spricht mit Leuten in einer bestimmten Situation. Er hilft auch, wo Not ist. Und das zu übersetzen in unsere Nöte, in unsere Fragen, das ist die Aufgabe der Verkündigung.

„Fragen des Glaubens und des Zweifels, die gibt es immer wieder.“

Kardinal Walter Kasper

Christus wieder näherbringen

Der christliche Glaube ist in Österreich wie auch in Deutschland einer Erosion ausgesetzt. In vielen Studien zeigt sich ein dramatischer Verlust des Glaubens gerade an den personalen Gott, dass Jesus Mensch geworden ist. Ihr Rezept laut Ihrem Buch: Wir erzählen die Jesus-Geschichten, dann wird dieses Problem wieder kleiner und der Glaube für die Menschen zu einer realen Option. Kann das funktionieren?

Ja, es ist für mich die einzige Möglichkeit, Christus wieder näherzubringen, indem man diese Geschichten erzählt, sie erläutert und dann wenigstens einen Weg andeutet. Das Buch kann nur Anstöße geben. Über viele Fragen müsste man ein ganz eigenes Buch schreiben. In einem Dokument der französischen Bischöfe ist die Rede davon, dass man den Glauben präsentieren, anbieten, aber nicht auferlegen kann. Das kann niemand. Sondern das ist eine Entscheidung, die der Einzelne zu fällen hat. Aber das Angebot kann ich machen und ich kann auch danach fragen, wer ein besseres Angebot hat.
 

Das Glaubensleben als Auf und Ab

Viele Menschen, die ihr Leben lang mit Gott leben, haben trotzdem Zweifel. Das Glaubensleben ist für viele ein Auf und Ab. Ist das auch für Sie ein Thema?

Ich glaube, es gibt keinen bewussten Glauben, ohne dass man auch Fragen des Glaubens hat. Fragen des Glaubens und des Zweifels, die gibt es immer wieder, vor allem, wenn man an die Sachen richtig rangeht. Man lernt nicht nur im positiven Sinn, dass man das alles versteht, man lernt auch, dass es auch das nicht intellektuell Verstehbare, also die sogenannte negative Theologie, gibt. Und die wird mit dem Alter für mich immer wichtiger: dass man nicht alles beantworten kann und es keine simplen Antworten gibt, sondern dass man damit leben muss, dass es offene Fragen gibt. Das gehört, glaube ich, zu einem Glauben, der bewusst gelebt sein will. Das haben auch große Mystiker erlebt. Ich verweise auf die „dunkle Nacht des Glaubens“ des Johannes vom Kreuz. Diese Menschen haben gerungen mit dem Glauben.
 

Der Grundauftrag der Kirche

Sie sagen im Buch: „Der Grundauftrag der Kirche und ihre einzige Daseinsbestimmung ist die Evangelisierung.“ Wenn man sich die kirchlichen Wortmeldungen im deutschen Sprachraum anschaut, so ist von Evangelisierung wenig die Rede. Warum?

Der Satz stammt von Papst Paul VI. Der einzige Grund des Seins der Kirche ist die Verkündigung des Evangeliums, denn die Kirche ist evangelisierend. Alle Päpste, Paul VI., Johannes Paul II., Benedikt XVI., Franziskus und auch jetzt Leo XIV., sind auf dieser Linie der Evangelisierung geblieben. Leider hat man das in Deutschland nicht voll ernst genommen. Auch nicht beim deutschen Synodalen Weg. Die ganze Sache mit dem Missbrauch, über die muss man sprechen, das ist keine Frage. Dieser sexuelle Missbrauch ist gegen das Evangelium, denn das Evangelium will den Menschen Leben geben; mit diesem Missbrauch zerstört man Leben. Das hätte man alles einbringen, aber in einen größeren Rahmen hineinstellen sollen. Das haben sie in Deutschland nicht getan. Ich habe das bedauert und das ist, glaube ich, auch zu einer großen Schwäche dieses Synodalen Wegs geworden. Man kann nicht alles reduzieren auf die Missbrauchsfrage. Papst Leo XIV. betonte in seiner ersten Predigt nach der Wahl vor den versammelten Kardinälen, dass wir die Christologie mehr in den Mittelpunkt stellen müssen. Es gilt also, den Primat Christi in der Verkündigung zurückzugewinnen. 

©Kathpress/Andreas Gutenbrunner

Zur Person

Kardinal Walter Kasper 1933 geboren, lehrte in Deutschland, war Bischof von Rottenburg-Stuttgart und bis 2010 Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen in Rom.

©Herder

Buchtipp: In der Spur Jesu

Es ist das theologische Buch des Sommers: „Jesus Christus auf der Spur“. Im Gespräch mit dem Wiener Dogmatikprofessor Jan-Heiner Tück erläutert Kardinal Walter Kasper grundlegende Fragen der Christologie, der Lehre von Jesus Christus. Dabei schreiten beide den ganzen Bogen einer Theologie der Mysterien des Lebens Jesu ab, wie im Glaubensbekenntnis vorgegeben – von der Menschwerdung bis zur Himmelfahrt. Zugleich nennen sie auch die im Credo nicht vorkommenden wichtigen Aspekte der Verkündigung Jesu, etwa die Gleichnisse und die Wunder. Breiten Raum nimmt auch die theologische Bedeutung des Karfreitags und Karsamstags ein, ebenso die Hoffnungsbotschaft von Ostern. Tück und Kasper kommen auch auf das „Herz Jesu“ zu sprechen, auf die Stärke und Schwäche („Kitsch“) der Herz-Jesu-Frömmigkeit. 

Jesus Christus auf der Spur. Jan-Heiner Tück im Gespräch mit Walter Kardinal Kasper über Fragen der Christologie, Herder-Verlag, 280 Seiten,  ISBN: 978-3-451-02545-7, EUR 30,00

©David Kassl

Radio-Tipp: Perspektiven

Auszüge aus dem ­Interview mit Kardinal Walter Kasper hören Sie in den „Perspektiven“ am 23. Juni um 19:00 Uhr: ▶ radioklassik.at

Autor:
  • Stefan Kronthaler
  • Stefan Hauser
Werbung

Neueste Beiträge

| Heiligenschein
Gründerin der Servitinnen

Wöchentliche Heilige, vorgestellt von Bernadette Spitzer.

| Theologie
Nachdenken über den Zölibat

Wie das Amen im Gebet flackert medial immer wieder das Thema „Zölibat“ auf. Gerne auch im nachrichtenarmen Sommer. An wesentliche Konzilsaussagen und die theologische Begründung erinnert hingegen Dogmatikprofessor Josef Weismayer.

| Hirtenhund
Hirtenhund

Der Hirtenhund bellt diese Woche über die Debatte um den Karfreitag als Feiertag.