Ist die Menschenwürde unantastbar?
Gesprächsreihe in Klosterneuburg
Anlässlich des heurigen 250. Jahrestags der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung stehen die Klosterneuburger Diskurse in diesem Jahr im Zeichen einer grundlegenden Frage: Ist die Würde des Menschen wirklich unantastbar?
Menschenrechte: Alle mit gleichen Rechten geboren
„Die Würde des Menschen ist antastbar. So hieß ein Sammelband mit Essays und Polemiken der deutschen Terroristin Ulrike Meinhof.“ Das betonte in seinen Einführungsworten Augustiner-Chorherr Nicolaus Buhlmann. Mit dem Titel, der auf einen Satz des deutschen Grundgesetzes Bezug nahm, sollte auf die Diskrepanz zwischen dem hohen Anspruch der Verfassung und der Christenwirklichkeit verwiesen werden, die Meinhof zum gewaltsamen Widerstand gegen die Staatsmacht brachte. Buhlmann: „Die Menschen stehen immer in Gefahr, sich zu verlieren. Zwischen moralischen Überlegenheitsansprüchen und alltäglich erbärmlichem Versagen. Zwischen dem, was sie sein könnten, und dem, was sie zustande bringen.“ Und Buhlmann weiter: „Die Philosophen sagen seit Jahrtausenden, dass alle Menschen mit gleichen Rechten geboren sind. Die Christen verkünden denselben Anspruch und nehmen dabei Maß an einem Gott, der Mensch geworden ist. Wenn alle Menschen gleiche Rechte haben, dann auch die Ungeborenen, die Kranken, die Verrückten, die Alten und mit den Reichen auch die Armen, die Versager und die Performer.“
„Nicht alle in einen Topf werfen“
„Aus dem damaligen Zeitgeist – 1776 – heraus wäre es undenkbar gewesen, alle Menschen in einen Topf zu werfen“, sagte die Historikerin Manuela Mayer (Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften). „Jeder Mensch hatte gemäß seinem sozialen Stand, seinen Aufgaben für die Gesellschaft und seiner Position im sozialen Gefüge gewisse Pflichten und Rechte, die ihm zugestanden sind, die aber abgegrenzt waren zu anderen Personen, die eine andere Rolle in der Gesellschaft gespielt haben.“
Aus der Unabhängigkeitserklärung 1776
In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 heißt es: „Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.“ „Diese Passagen aus der Unabhängigkeitserklärung sind ein Anspruch. Es steht geschrieben: Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich. Doch wenn wir auf die Geschichte der Menschheit blicken, dann erkennen wir: Nichts ist selbstverständlich“, betonte Stiftskämmerer Elias Carr. Thomas Jefferson habe noch Sklaven besessen, dies war für ihn kein Widerspruch, denn er hat für sie gesorgt. Nach dem Bürgerkrieg mahnte Abraham Lincoln das Versprechen aus der Unabhängigkeitserklärung ein, dass alle Menschen gleich geschaffen sind.
Dokumente der Krise und Menschenwürde
„Das Dokument der Unabhängigkeitserklärung entstand aus einer Krise“, erläuterte Historikerin Mayer: „Die Formulierung ,Alle Menschen sind gleich an Rechten‘ beanspruchte die Unabhängigkeit von England. Sie beanspruchte nicht, dass alle Menschen der Welt gleich sind.“ Europa hatte zu dieser Zeit bereits eine lange Tradition an Freiheitsbriefen und Freiheitsdokumenten, die immer ein Resultat von Krisenzeiten beziehungsweise Kriegen waren. Mayer verwies auf die englische Magna Carta (1215), die Goldene Bulle (1356) bis hin zum Toleranzpatent von Joseph II. (1781).
Buchtipp
Elias Carr, Neid, Gewalt und Sündenböcke. Einleitung zur mimetischen Theorie menschlicher Kultur von René Girard, Wiener Dom-Verlag, 188 Seiten, ISBN 978-3-85351-340-8, EUR 28,10