Ignorieren – oder Glauben schenken

Ausgabe Nr. 4
  • Die Kirche und ich
Autor:
Finger auf Computertastatur
©iStock

In Wien haben wir seit 1996 eine Ombudsstelle. Für mich der wichtigste Schritt zu einer Kultur, die Missbrauch aktiv verhindert und bekämpft.

Vor wenigen Tagen diskutierte man im ORF den Fall des Schauspielers Florian Teichtmeister. Da ging es auch um die Frage, ob es in der Kulturwelt bezüglich Missbrauch ein „Schweigekartell“ gebe. Das vielleicht nicht, sagte dann Eva Blimlinger, Kultursprecherin der Grünen, aber doch „ein Kartell des Ignorierens, wenn es um mutmaßliche Täter geht … Der springende Punkt für mich ist, Glauben zu schenken.“

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Sie hat vollkommen recht – und es entspricht auch allen einschlägigen Erfahrungen. Auch jener in unserer eigenen Diözese. Eine Organisation ändert erst dann wirklich ihren Umgang mit Vorwürfen, wenn innerhalb dieser Organisation eine Anwaltschaft institutionalisiert ist, die jemandem, der mit einem Vorwurf kommt, zuallererst einmal Glauben schenkt und die dann auf seiner Seite die Aufarbeitung vorantreibt: eine Ombudsstelle. Sie ist wie ein Sauerteig, der die Haltung der ganzen Organisation verändert. Nicht auf einen Schlag, aber stetig – nach und nach. In Wien haben wir seit 1996 eine Ombudsstelle. Für mich der wichtigste Schritt zu einer Kultur, die Missbrauch aktiv verhindert und bekämpft.

Darum habe ich kein Verständnis dafür, dass Vertreter des synodalen Sonderweges in Deutschland immer mit dem Missbrauch erklären, warum sich alles ändern soll. Es wäre dem Problem viel angemessener, endlich Ombudsstellen einzurichten, die es in vielen deutschen Diözesen immer noch nicht gibt. Was nützen Debatten um Priesterbild und Sexualmoral, was nützen  bischöfliche Erschütterungsbekenntnisse oder die Schaffung zahnloser Betroffenenbeiräte, wenn man nicht das tut, was sofort umgesetzt werden könnte: in jeder Diözese einen Ort zu schaffen, wo Betroffenen zugesichert Glauben geschenkt wird.

Autor:
  • Michael Prüller
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