Missbrauch: Was ist mit den Tätern passiert?

Sex und Gewalt
Ausgabe Nr. 49
  • Kunst und Kultur
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Bildergalerie der Missbrauchstäter
Schlussszene des Stücks Mein Fall nach Josef Haslinger im Werk X. Die Fotos der Missbrauchsstäter werden an die Wand geheftet. ©Alex Gotter
Porträt von Josef Haslinger
Josef Haslinger, geboren 1955, ist Schriftsteller und war Professor für Literatursinstitut Leipzig. Seine bekanntesten Romane sind "Vaterspiel" und "Opernball". ©Markus Langer

Mit den Missbrauchsfällen innerhalb kirchlicher Einrichtungen setzt sich das Wiener Werk X in einem neuen Stück auseinander. Grundlage der Inszenierung ist das Protokoll "Mein Fall" des bekannten Schriftstellers Josef Haslinger. Der SONNTAG hat das Stück gesehen und mit dem Autor über das System gesprochen, in dem die Täter so oft davongekommen sind.

Herr Haslinger, wie erlebten Sie die Opferschutzkommission?

Josef Haslinger: Mir fehlt die Aufarbeitung. Es kann zwar jeder dort hinkommen und seine Geschichte erzählen. Was mit dem Protokoll geschieht, weiß kein Mensch. Sie sind jedenfalls nicht für die Öffentlichkeit zugänglich und haben offenbar auch keine Folgen, jedenfalls keine nachvollziehbaren Folgen. So kann Aufarbeitung nicht aussehen, den Opfern mit einer kleinen Entschädigung quasi ihr Argument zu nehmen und sonst ist offenbar kein weiteres Interesse an der Historie vorhanden.

Mein Fall ist kein Roman, es ist meine eigene Geschichte.

Josef Haslinger

Ich habe nach meinem Buch viele Briefe bekommen. Es waren fast nur Betroffene, die mir ihre Geschichte erzählen und die zum Teil ihre Geschichte auch der Klasnic-Kommission erzählt haben –oder die weitere Details zu meiner Geschichte liefern. So haben sich mehrere Kollegen aus Stift Zwettl gemeldet, einer ist zur Klasnic-Kommission gegangen und es haben sich auch ehemalige Priester und Kleriker gemeldet. Und die wussten das alles. Sie haben mir auch einige Details nachgeliefert, sodass ich jetzt ein wesentlich umfassenderes Bild über Stift Zwettl abgeben könnte, würde ich das Buch jetzt schreiben.

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Die weitere Geschichte von Pater Maurus, der wegen pädophiler Vorfälle in eine Pfarre versetzt wurde, habe ich zum Teil recherchiert, zum Teil wurde sie mir zugetragen. In den frühen 1980er Jahren ist er wieder zurück ins Kloster gekommen und war Sängerknabenpräfekt und gleichzeitig Chorleiter. Er war der unumschränkte Herrscher über diese Buben geworden, trotz seiner Vorgeschichte. Das ist eigentlich eine Ungeheuerlichkeit. In meinem Buch schreibe ich nur: „Das konnte nicht lange gut gegangen sein.“

Heute weiß ich, dass es nur ein halbes Jahr gegangen ist, und da ist es schlecht gegangen. Er hatte sich drei Knaben ausgesucht, mit denen er pädophile Beziehungen pflegte. Nach der Karfreitagsandacht hat er die drei Buben zu sich ins Zimmer genommen, hat eine Flasche Whisky geöffnet, sie betrunken gemacht und seine Spielchen mit ihnen begonnen. Da kam aber ein vierter dazu, der sich wunderte, dass das Präfektenzimmer zugesperrt ist und der klopfte. Pater Maurus wollte ihn mit einbeziehen, der ist aber geflüchtet. So ist Pater Maurus am Tag danach, am Karsamstag, von seinem Amt wieder enthoben und in Pfarren geschickt worden. Man hat den Knaben erzählt, dass er auf Kur gegangen ist.

Das ist eine merkwürdige Sache. Pater Gottfried, mein Haupttäter, wenn ich ihn so bezeichnen darf, galt in den Pfarren, in denen er tätig war, als guter Seelsorger. Eine Frau schrieb mir: „Sie haben den späten Pater Gottfried nicht gekannt. Wenn Sie ihn noch einmal getroffen hätten, würden Sie ihm alles verzeihen. Er hat viel Gutes getan. Man hat schon gemerkt, dass ihn etwas bedrückt aus der Vergangenheit, aber er war ein so guter Mensch.“

Ich weiß, was passiert wäre, wenn ich ihn wieder getroffen hätte. Er hätte alles abgestritten und das wäre gar nicht auszuhalten gewesen.

Josef Haslinger

Es gab so einen Fall. Gegenüber Pater Gottfried gab es Anschuldigungen. Er hat schlicht geleugnet. Es sollte zu einer Gegenüberstellung kommen und das hat dann der ehemalige Zögling abgelehnt. Denn das ist ja überhaupt das Allerletzte, wenn du dem ehemaligen Täter gegenübertrittst und er behauptet, dass du lügst. Das muss man erst einmal aushalten. Dass der ehemalige Zögling die Gegenüberstellung abgelehnt hat, das kann ich gut verstehen.

Was soll die Kirche machen, um Kinder zu schützen, damit sie nicht Ihre Erfahrungen machen müssen?

Die Frage müssen Sie nicht mir stellen, ich muss hier nicht den Fachmann mimen. Das betrifft ja eigentlich alle pädagogischen Einrichtungen.

Wenn man das will, kann man Kinder schützen und entsprechende Ordnungen schaffen, die Missbrauch unmöglich machen.

Josef Haslinger

Und wenn es passiert, so offensiv damit umgehen, wie es möglich ist, damit es keinen zweiten Fall gibt. Das ist bis heute nicht geschehen. Dass die Leute sich nach 50 Jahren trauen zur Klasnic-Kommission zu gehen, ist wichtig, aber zu wenig. Die 25.000 EUR Entschädigung sind auch zu wenig – im Durchschnitt sind es 16.000 EUR, wenn ich das richtig verstanden habe,  und dann ist die Sache erledigt. Kann die Kirche nicht einmal von sich aus auf die Menschen zugehen und sagen: „Im Zuge von Recherchen ist Ihr Name gefallen. Sie sollen auch ein Opfer sein, stimmt das?“

Es geht Ihnen im Theaterstück „Mein Fall“ um Aufrichtigkeit.

Es ist nicht mein Stück, es beruht auf meinem Buch. Das Stück ist wesentlich umfassender, das Stück ist eine Anklage gegen die Kirche, so habe ich es verstanden. Ich habe mit dem Stück in der Vorbereitung nichts zu tun gehabt. Ich habe die Schauspieler einmal zu einem Gespräch getroffen, aber ich habe nicht gewusst, was mich erwartet. Ich hatte ein ungutes Gefühl, das alles auf der Bühne zu sehen, dass da jemand mich spielt und dass er das, was ich erlebt habe, erzählt. Das war schwer zu verdauen. Aber es kommen vor allem am Schluss immer mehr andere Fälle ins Spiel und es werden die kirchlichen Strukturen angeklagt. Das ist eine Konsequenz, die das Theater aus meinem Werk macht und Anklage erhebt.

Trailer "Mein Fall"

Wer sollte Ihr Stück sehen?

Die Mitglieder der Klasnic-Kommission und alle die sich der Thematik nicht verschließen wollen, Menschen in der Pädagogik und selbstverständlich Menschen, die wollen, dass ihre Kirche reinen Tisch macht in diesen Dingen. Menschen, die sich ihre Kirche anders vorstellen, die in ihr Nächstenliebe sehen wollen und nicht die Hinterhältigkeit des Umgangs mit Kindern und diese Doppelmoral. Das muss ja für jemanden, der an die Kirche glaubt, schrecklich sein. Die sollten die Augen davor nicht verschließen. Wenn es nicht geht, von oben die Aufarbeitung umzusetzen, dann geht es vielleicht von unten.

Gab es weitere Reaktionen auf Ihr Buch „Mein Fall“?

Stift Zwettl hat sich zurückgezogen. Zuerst wurde mir ausgerichtet, dass man über Tote nur Gutes sagt oder schweigt. Damit kam man aber nicht durch, da immer mehr Anfragen von der Presse kamen. Mir wurde dann über die Presse ausgerichtet, Stift Zwettl würde eine Therapie für mich übernehmen, wenn ich eine brauche. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich eine brauche, also habe ich davon keinen Gebrauch gemacht. Aber ich habe Wert daraufgelegt, dass wir einander treffen. Ich will diesen Termin unbedingt haben.

Meine Mutter hat sich angeklagt, als wenn sie Schuld hätte, weil sie mich nicht beschützt hat.

Josef  Haslinger

Wann konnten Sie über den Missbrauch sprechen?

Zuerst habe ich mit meiner Frau gesprochen. Am Ende des Studiums habe ich dann erstmals bei einer Feier in der Familie gesprochen. Wir haben getrunken, es war eine lockere Stimmung und dann habe ich zu reden begonnen. Meine Mutter war völlig aus dem Häuschen, was ich da rede. Je mehr ich berichtet habe, desto mulmiger wurde ihr und sie hat dann plötzlich gemerkt, dass da etwas dran sein kann. Als wir dann das nächste Mal darüber gesprochen haben, hatte sich das völlig gedreht und sie hat sich angeklagt, als wenn sie Schuld hätte, weil sie mich nicht beschützt hat. Sie war der Kirche sehr verbunden und hat mich ins Kloster gebracht.

Dass ich Priester werde, hatte ich mit meiner Mutter vereinbart.

Josef Haslinger

Das war gar nicht so einfach gewesen, denn mein Vater hatte kein Geld. Er brauchte alles für die Landwirtschaft, um Maschinen zu kaufen. Mein Vater leistete Widerstand, weil die Schule etwas kostete. Und ich habe in den Ferien, wenn ich nicht hart gearbeitet habe, gelegentlich gehört, welche Maschine er sich kaufen könnte, wenn ich nicht in Stift Zwettl wäre. Dass ich Priester werde, hatte ich mit meiner Mutter vereinbart. Als Kind habe ich auch für die Mission in St. Gabriel gespendet. Dieser Wunsch, Priester zu werden, hat sich aber schon in Zwettl verloren, aus nachvollziehbaren Gründen.

Wann haben Sie Ihren Glauben verloren?

Eigentlich erst in der Studienzeit. Ich habe gelegentlich Vorlesungen in der Theologie gehört und Predigten von Professor Wucherer-Huldenfeld in der Karlskirche. Da war ich durchaus noch in der Kirche anzusiedeln, hatte eine religiöse Bindung, weil es Dinge gab, die mich beindruckt haben, vor allem die Befreiungstheologie. Das Wirken Jesu als Auftrag zur Gestaltung auf der Erde zu sehen, war meine damalige Basis.

Und dann hatte ich ein Erlebnis mit dem Buch von Adolf Holl „Jesus in schlechter Gesellschaft“. Ich habe Adolf Holl später kennengelernt, mich mit ihm angefreundet. So wie er von der Kirche in allen Positionen abgesägt wurde, so war es bei mir mit ein wichtiger Grund, dass ich mich selber abgenabelt habe von der offiziellen Kirche und dann als Student auch ausgetreten bin. Dieser Prozess hat ein paar Jahre gedauert.

Ich habe noch kirchlich geheiratet mit 21 Jahren. Unser Trauungspriester war der damalige Abt von Stift Zwettl. Er hat mir immer imponiert. Ich habe ihm seine Haltung gar nicht in die Waagschale geworfen. Er war auch mein Religionslehrer gewesen in der vierten Klasse. Er hat mich beeindruckt wegen seiner klaren Sprache. Er hatte die Idee, das Kloster zu schließen und nach Lateinamerika zu verlegen. Die Mönche haben aber nicht mitgemacht, nur die Jungen waren dafür. Er hat gesagt: „Hier haben wir keine Aufgabe, die Schulstunden kann auch jemand anderer übernehmen, dort haben wir eine große Aufgabe.“ Ich habe diesen Abt immer in hohen Ehren gehalten, obwohl er von den Missbrauchsfällen wusste. Er war mir gegenüber immer sehr freundlich und ich fühlte mich von ihm immer auf eine gute Weise ernst genommen.

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Autor:
  • Sophie Lauringer
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