„Ich freu mich, dass du da bist“

Ein Ort für an Demenz Erkrankte
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Thema „Schule“ beim „Café Zeitreise“: Das Bild weckt Erinnerungen an die vertraute Kindheit.
Thema „Schule“ beim „Café Zeitreise“: Das Bild weckt Erinnerungen an die vertraute Kindheit. ©Stefan Kronthaler

Das „Café Zeitreise“ bietet seit über zehn Jahren an mehr als 20 Standorten in Wien und Niederösterreich Räume für Begegnung, Austausch und gesellschaftliche Teilhabe. Ein Herbstnachmittag in einer Wiener Pfarre.

„Café Zeitreise“: Bilder aus der Kindheit

„Ich freu mich, dass du da bist“ – mit diesem Lied wird an diesem Nachmittag im Pfarrheim der Pfarre „Zum Guten Hirten“ (Wien 13) das Treffen des „Café Zeitreise“ eröffnet. „Das Lied singen wir bei jedem Treffen zu Beginn. Es ist wie ein Ritual: Es schafft Vertrauen, Sicherheit und das Gefühl von Gemeinschaft“, erklärt Brigitte Trapp. Das „Café Zeitreise“ hält, was es verspricht: Zu Beginn waren die Gäste und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen zu Kaffee, Kuchen und Weintrauben zusammengekommen. Und die „Zeitreise“ hat an diesem Nachmittag das Thema „Schule“. Bilder aus der Schulzeit von früher, oft noch in Schwarz-Weiß, werden herumgereicht. Brigitte Trapp gibt eine Fragestellung vor, die Runde macht mit. Dann wird mit einem kurzen Ballspiel aufgelockert: Ein weicher Ball wird gegenseitig zugeworfen und gefangen. Danach will Trapp wissen, wann die einzelnen Anwesenden erstmals in die Schule gingen. Immer wieder folgen geistige Auflockerungsübungen und Spiele. Wenngleich sich ein älterer Herr bei mancher Fragestellung etwas schwertut, beim Singen blüht der Mann im wahrsten Sinn des Wortes für diese Momente auf. Er singt beherzt und begeistert mit, das Singen ruft Erinnerungen hervor und tut ihm sichtlich gut.

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Wenn sich die Menschen verändern

Das Singen öffnet die Herzen der Menschen.
Das Singen öffnet die Herzen der Menschen. ©Stefan Kronthaler

„Im Oktober 2025 haben wir das ‚Café Zeitreise‘ in der Bossigasse begonnen und seither kommen unsere Gäste einmal im Monat bei uns zusammen“, erzählt Brigitte Trapp, die Leiterin des pfarrlichen „Café Zeitreise“. Ursprünglich war das Projekt gedacht „für die betreuenden Zu- und Angehörigen. Sie können gemeinsam mit den Betroffenen kommen, sich austauschen und dann sehen, dass sie nicht allein sind. Wir bieten ein ganzheitliches Programm, das Körper, Geist und Seele anregt: moderate Bewegungsübungen, Übungen und Impulse zum Aktivieren des Langzeitgedächtnisses sowie das Singen bekannter Lieder“, sagt Trapp. Damit wollen wir „eine Brücke schaffen zur Vergangenheit dieser Menschen“. 

Ein Verlust, der schmerzt

Parallel zur Aktivierungsgruppe gibt es für die Angehörigen, ebenfalls in der Gruppe, einen moderierten Austausch. Hier soll Platz sein, um über den Alltag und seine Herausforderungen zu sprechen und um sich gegenseitig auch Mut zuzusprechen. Im Moment wird in der Bossigasse bei den Treffen eine Mischform praktiziert. Denn eine Angehörige möchte auch in diesen Stunden bei ihrem Mann bleiben. „Ich glaube, weil sie ihn da auch durchaus aktiver wahrnimmt als jeden Tag bei ihr zu Hause“, meint Trapp. Inwiefern sind die Angehörigen von Demenzerkrankten besonders gefordert? „Es kommt auf den Grad der Demenzerkrankung an“, weiß Trapp. „Es gibt drei Stadien: die leichte, die mittelschwere und dann die fortgeschrittene Phase.“ Am schwersten sei wohl die Frühphase. „Wenn nämlich Menschen erleben müssen, dass sich die Persönlichkeit des Partners, der Partnerin verändert“, beschreibt Trapp diese Phase. „Das Fortschreiten der Demenzerkrankung kann auch mit den Trauerphasen von Kübler-Ross verglichen werden: Sowohl die Erkrankten als auch die Angehörigen werden zu Beginn der Erkrankung mit dem schleichenden Verlust von Fähigkeiten und mit Veränderungen der Persönlichkeit konfrontiert. Dies zu verarbeiten ist für alle sehr emotional. Dieser Verlust ist eine schmerzliche Erfahrung. Denn man kennt die Person nicht mehr so, wie sie früher war, und man kann weniger miteinander teilen oder gemeinsam unternehmen.“

Warum die Ehrenamtlichen mitmachen

Das Team der Ehrenamtlichen in der Bossigasse.
Das Team der Ehrenamtlichen in der Bossigasse. ©Stefan Kronthaler

Das „Café Zeitreise“ in der Bossigasse wird getragen von vielen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen. „Unsere Gäste nehmen uns mit auf eine Reise in ihre und auch unsere Vergangenheit. Ein bisschen werden wir dadurch alle wieder wie Kinder und das bereichert uns sehr“, sagt Elisabeth. „Hier darf der Mensch ganz da sein. So wie er gerade ist“, unterstreicht Helga. Margot hilft mit, denn sie will „Menschen kennenlernen und ihre Lebensgeschichten erfahren“. „Gemeinsame Stunden mit ihnen zu verbringen, bereitet mir eine tiefe Freude“, sagt sie. Die Motivation von Brigitte lautet: „Den Angehörigen einen Raum für Entlastung und Gespräche zu geben und das Gefühl zu vermitteln: Ich bin nicht allein.“ „‚Es ist so schön, wenn man so verwöhnt wird.‘ Das hat mir gestern eine Teilnehmerin beim Nach-Hause-Bringen gesagt und mich umarmt. Menschen zu erfreuen ist ein Glück für mich“, erzählt Alice. „Es ist schön, miteinander fröhliche Stunden zu verbringen, in denen sich alle willkommen, wertvoll und liebenswert fühlen können“, betont Magdalena. „Zeit mit diesen Menschen zu verbringen, sie näher kennenzulernen und ihnen das Gefühl zu vermitteln, willkommen zu sein, ist eine Bereicherung für mich“, erklärt Liesl.

Ausgezeichnetes „Café Zeitreise“

An die 170.000 Menschen leben in Österreich mit Demenz, Tendenz steigend. Jüngst wurde das „Café Zeitreise“ der Caritas als Angebot für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen beim Wiener Gesundheitspreis in der Kategorie „Gesund in Grätzel & Bezirk“ mit dem dritten Platz ausgezeichnet.

Autor:
  • Stefan Kronthaler
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