Hitze und Obdachlosigkeit: Der Schlafsack als Zuhause
Ohne RückzugsortEs ist ein sehr heißer Tag mit Temperaturen von 40 Grad in der Wiener Innenstadt. Auch auf der Mariahilfer Straße fühlt sich der Luftzug eher wie ein Wüstenwind als eine kühle Brise an. Viele obdachlose Menschen finden hier – in der Nähe der „Gruft“ der Caritas – tagsüber ruhige, schattige Plätze. Vor dem Schaufenster eines Geschäfts am Platz bei der Pfarrkirche Mariahilf schläft ein Mann auf Müllsäcken, Matratzen, Matten und Sackerln. Die Sonne erwärmt den Beton. Sollte man den Mann wecken und nachfragen, ob es ihm gut geht?
Hilfe bei der Hitze
Sabine Hanauer, Teamleiterin für soziale Arbeit, und Sozialarbeiterin Tatjana Wolf haben auf solche Fragen eine Antwort. Sie arbeiten im Tageszentrum der Gruft. Das Tageszentrum liegt fast versteckt hinter einer unscheinbaren Holztüre in der Barnabitengasse 12a in Wien-Mariahilf. Rechts nach dem Eingang befindet sich ein Raum der Sozialarbeit. Hier können sich obdachlose und wohnungslose Menschen beraten lassen. Wenn man den Gang weiter hinuntergeht, befindet sich auf der linken Seite ein kleiner Garten, in dem es ein paar Schattenplätzchen gibt. Neben dem Garten befindet sich ein Speisesaal. Hier bekommen obdachlose Menschen täglich drei Mahlzeiten, wenn sie das möchten. „Bei uns im Tageszentrum kommen ungefähr 120 bis 140 Menschen zu den Essensausgaben. Zum Abkühlen gehen die Menschen eher in Klimaoasen, dort können sie im Freien sitzen und es ist schattig“, erzählt Sabine Hanauer. Im Tageszentrum können obdachlose Menschen außerdem ihre Wäsche waschen, Psychotherapie in Anspruch nehmen oder auch einfach nur gesellig beisammensitzen. Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter drehen außerdem zweimal die Woche ihre „Runde“ im Grätzel, um nach dem Befinden von obdachlosen Menschen in der Umgebung zu sehen und sie auf die Angebote der Gruft aufmerksam zu machen.
Kühle Orte für obdachlose Menschen
Die übliche Runde von Sabine Hanauer und Tatjana Wolf beginnt bei der Gruft und startet in Richtung Haus des Meeres. Schon beim Hinausgehen schlägt einem die Hitze entgegen. Alles ist betoniert. Zuerst gehen wir in den Esterhazy-Park. Einen der „Coolspots“ der Stadt Wien findet man, wenn man die Treppen zum Haus des Meeres hochgeht. Hier gibt es einen begrünten Pavillon, der Schutz vor der Hitze bietet. Ein beliebter Aufenthaltsort für obdachlose Menschen, erklärt Sabine.
„Bei uns im Tageszentrum kommen ungefähr 120 bis 140 Menschen zu den Essensausgaben.“
Sabine Hanauer
Es gibt drei Sprühnebeldüsen und im Boden sind Wasserstrahlen eingebaut. Daran kühlen sich vor allem Familien mit Kindern ab. Etwas weiter entfernt im Esterhazy-Park schläft ein Mann auf einer Bank. Sabine und Tatjana nähern sich langsam. Sie wollen ihn nicht aufwecken und legen ihm eine Kappe, eine Flasche Wasser und einen Infozettel mit Adressen zu kühlen Orten auf den Tisch neben der Bank. Der Mann wacht dennoch auf. Viele obdachlose Menschen hätten einen sehr leichten Schlaf, erklärt Sabine. Sie seien ständig wachsam, denn nicht alle Menschen sind ihnen wohlgesonnen.
Die Sozialarbeiterinnen Tatjana und Sabine bei der Arbeit
Die Polizei und obdachlose Menschen
Wir wollen den Esterhazy-Park verlassen, da kommt uns ein Wagen der Polizei entgegen. Wir gehen zur Seite. Die Polizei hält in der Nähe der Bank an, auf der der Mann schläft. Gleich vier Polizisten steigen aus, gehen auf den Mann zu und wecken ihn. Die Sozialarbeiterinnen beobachten, wie die Polizei mit dem Mann redet und dann weitergeht. Der Mann bleibt sitzen. Oft würden Anrainer oder Eltern mit Kindern am gegenüberliegenden Spielplatz die Polizei rufen, wenn sie obdachlose Menschen sähen, erklärt Sabine.
Dabei stellen die meisten obdachlosen Menschen keine Gefahr dar. Sie suchen nur Schutz vor der Hitze im Schatten und würden versuchen, etwas Schlaf zu bekommen. Meist sei die Polizei da auch nicht grob, sie würde nur kurz mit der betroffenen Person reden und weitergehen. Trotzdem würden sie sich als Sozialarbeiterinnen oft mehr Verständnis von den Mitmenschen wünschen, die die Polizei rufen, so Tatjana. Immerhin dürfe sich jede und jeder im öffentlichen Raum aufhalten. Manchmal käme es sogar vor, dass die Polizei, wenn sie über eine obdachlose Person informiert wird, die Sozialarbeiterinnen der Gruft informiert, so Sabine. Die Zusammenarbeit mit der Polizei laufe gut.
Wie man auf obdachlose Menschen zugehen kann
Viele Leute wissen nicht, wie sie auf obdachlose Menschen zugehen können. Was kann man machen, wenn man als Passant das Gefühl hat, dass es einer obdachlosen Person nicht gut geht? „Ich muss die Person nicht ansprechen, wenn ich mich nicht traue. Aber im Notfall kann man immer die Rettung rufen. Man kann hier nichts falsch machen. Daher sollte man keine Angst haben, den Notruf zu wählen, wenn man das Gefühl hat, jemandem geht es körperlich nicht gut“, betont Sabine.
Es geht weiter in den Schmalzhoftempelpark. Eine kleine, kühle Oase inmitten der Großstadthitze und Betonbauten. Hier treffen die Sozialarbeiterinnen auf einen älteren Mann in blauem T-Shirt und kurzer grauer Hose, der zwar eine Wohnung besitzt, in der es aber einfach zu heiß ist. Der Herr sitzt auf einer Parkbank und bittet Sabine und Tatjana um eine Flasche Wasser. Es gäbe viele Menschen, die zwar eine Wohnung haben, die sich aber eine Klimaanlage nicht leisten können. Viele ältere Menschen würden daher auch in eine der 24 pfarrlichen Klimaoasen der Caritas der Erzdiözese Wien kommen, um sich etwas abzukühlen und um Gesellschaft zu haben. „Das Thema der Einsamkeit spielt eine große Rolle. Das ist auch einer der Gründe, warum viele Menschen zu uns ins Tageszentrum kommen, einfach um ein wenig Gesellschaft zu haben“, erzählt die Teamleiterin.
Vertrauen ist wichtig
Sabines und Tatjanas Runde geht weiter die Mariahilfer Straße hinunter Richtung Westbahnhof. Vor einem Geschäft sitzt ein junger Mann, den Rücken gegen die Wand gelehnt, die Beine ausgestreckt. Vor ihm steht ein Kaffeebecher – für Münzspenden. Die Sozialarbeiterinnen geben dem Mann eine Wasserflasche. Solche Gesten seien wichtig und oft der erste Schritt, um ins Gespräch zu kommen, so Sabine. So könne man Vertrauen aufbauen und im weiteren Schritt den Menschen auf der Straße helfen und sie über Hilfsangebote informieren.
Der junge Mann bittet die Sozialarbeiterinnen außerdem um eine Sonnencreme. „Er war überrascht, dass wir ihm diese Sonnencreme gegeben haben“, erzählt Sabine, „denn die hat eine gute Qualität, aber sie ist teuer.“ 16 Euro würde die Creme im Geschäft kosten. So etwas kann sich eine obdachlose Person kaum leisten. Daher würden viele obdachlose Menschen auch im Sommer zum Schutz gegen die Sonne mit langärmeligen Oberteilen herumlaufen. Langes Gewand schütze zusätzlich auch vor Gelsenstichen, erklärt die Sozialarbeiterin.
Tiere sind oft wie Familie
Auch bei einem Mann mit Hund wird kurz Halt gemacht. Der junge Mann mit Bart freut sich über das Wasser der Sozialarbeiterinnen, doch sein Hund scheint sich mit den neu hinzugekommenen Leuten nicht wohlzufühlen: Er bellt. Einige obdachlose Menschen hätten Tiere, die für sie wie Familienmitglieder seien – jemand, der sie bedingungslos annehmen würde. Auf die Frage, ob die Tiere denn auch gut versorgt würden, antwortet Sabine: „Sie achten oft stärker auf das Wohl ihrer Tiere als auf ihre eigenen Bedürfnisse.“ Außerdem gäbe es viele Angebote für obdachlose Menschen mit Tieren – vom Tierarzt bis zur Futterausgabe.
„Sie achten oft stärker auf das Wohl ihrer Tiere als auf ihre eigenen Bedürfnisse.“
Sabine Hanauer
Die Route führt weiter bis runter zum Westbahnhof, dann wechseln wir auf die andere Seite der Mariahilfer Straße und machen uns auf den Weg zurück Richtung Neubaugasse. Sabine und Tatjana bleiben bei einem Mann im Rollstuhl stehen. Michael hat zwar ein Zuhause, aber er bettelt auf der Mariahilfer Straße, um sich seinen Rollstuhl zu finanzieren. Vor ihm steht ein leerer Joghurtbecher. Ihn störe die Hitze nicht so. Trotzdem geben Sabine und Tatjana ihm ein Wasser und beraten ihn über Klimaoasen.
Oft finden obdachlose Menschen kein sauberes Trinkwasser
Die Sozialarbeiterinnen gehen weiter. Die Hitze ist schwer auszuhalten. Ich frage mich, wie Menschen es den ganzen Tag bei diesen Temperaturen auf der Straße aushalten. „Es ist für sie sicher anstrengender, als es für uns ist, die von zu Hause in die Arbeit fahren und wieder retour. Den ganzen Tag draußen zu verbringen, ist schon etwas anderes“, so Sabine. Auch zu sauberem Trinkwasser zu gelangen, ist für obdachlose Menschen nicht immer so einfach: „Für uns ist es so normal, Zugang zu hygienischem, frischem Wasser zu haben. Für obdachlose Menschen bedeutet das viel mehr Schritte. Das beginnt bei der Wasserflasche, die man nicht immer mit sich herumschleppt“, erklärt mir die Teamleiterin. Die Hitze stelle für obdachlose Menschen sicher eine große gesundheitliche Gefahr dar. Vorerkrankungen würden durch die Hitze noch einmal verstärkt. Das beginne, so Sabine, bei kleinen Wunden und gehe bis zu Herz-Kreislauf-Problemen. Auch psychische Probleme würden sich durch die Hitze verschlimmern.
Auf der Mariahilfer Straße prallen sichtlich zwei Welten aufeinander. Familien, Pärchen, Touristen gehen in teure Läden shoppen, auf der anderen Seite suchen obdachlose Frauen und Männer bei den wenigen Schattenplätzen ein paar ruhige Minuten abseits der Hitze. Es gäbe immer wieder die Diskussion, erklärt Sabine, dass man Hilfszentren für obdachlose Menschen an die Ränder der Stadt legen wolle. Sabine versuche es mit Aufklärungsarbeit. Es habe keinen Sinn, die Einrichtungen an einen Ort zu verlegen, zu dem obdachlose Menschen nur schwer öffentlich gelangen könnten. Sozialarbeit müsse außerdem dort stattfinden, wo die Menschen den Hauptteil ihres Tages verbringen, so Tatjana. Viele würden denken, dass obdachlose Menschen den ganzen Tag nichts zu tun hätten, sagt Tatjana, dabei haben sie oft eine volle To-Do-Liste: Medikamente besorgen, sich darum kümmern, an etwas Geld zu gelangen, einen Schlafplatz finden und Essen organisieren.
„In unserer Arbeit merken wir, dass weibliche Obdachlosigkeit zunimmt.“
Sabine Hanauer
Weibliche Obdachlosigkeit in Wien
Auch schwangere Frauen gibt es auf der Straße. Sie erhalten besondere, auf diese Situation abgestimmte Betreuung durch die Sozialarbeiterinnen. Aber können diese Frauen überhaupt in Sicherheit und in einer hygienischen Umgebung gebären? Ja, antwortet mir Tatjana, jedes Krankenhaus ist verpflichtet, auch obdachlose Frauen aufzunehmen. Nach der Geburt gäbe es ein Angebot an Mutter-Kind-Häusern und anderen Unterkünften, erklärt Sabine. Ist die Zahl der weiblichen Obdachlosen in den letzten Jahren gestiegen? „Weibliche Obdachlosigkeit gab es immer schon. Das Angebot für obdachlose Frauen war in der Vergangenheit allerdings noch nicht so ausgebaut wie heute. In unserer Arbeit merken wir, dass weibliche Obdachlosigkeit zunimmt. Zumindest wird die Nachfrage nach Unterstützung mehr. In unserem Team nehmen wir wahr – da spreche ich jetzt von den letzten Wochen und Monaten –, dass es vor allem ältere weibliche Personen sind, die plötzlich zu uns kommen. Da spreche ich von Frauen über 70. Sie kommen zu uns und sagen: ‚Ich will nicht mehr allein in meiner Wohnung sitzen‘“, berichtet Sabine.
Der Schlafsack als Zuhause
Bei der U-Bahn-Station Neubaugasse endet die übliche Tour der Sozialarbeiterinnen. Ein obdachloser Mann bei der U-Bahn-Station kennt Sabine und Tatjana und grüßt sie. Als wir in der Gruft wieder ankommen, stehen einige Klienten schon Schlange – es ist Mittagszeit und viele schätzen das gute Essen in der Gruft. „Damit es nicht zu überfüllt wird und sich die Leute wohlfühlen, lassen wir immer nur eine gewisse Anzahl zum Mittagessen in den Saal“, so Sabine. „Wenn jemand rauskommt, kann die nächste Person hineingehen.“ Eine Frage beschäftigt mich noch: Beim Hitzepaket der Caritas ist neben Wasser, einer Kappe, Sonnencreme, einem Kühltuch und einer Isomatte auch ein Schlafsack enthalten. Warum braucht es bei der Hitze einen Schlafsack? Sabine erzählt: „Einfach auf einer Parkbank zu liegen, ohne diesen Schlafsack, da fühlen sich viele Leute ungeschützt. Der Schlafsack gibt ihnen ein Gefühl der Sicherheit. Der Schlafsack bedeutet für obdachlose Menschen so viel! Er ist wie ihr Zuhause, ihr Schutzraum. Ich habe einen Klienten getroffen, der würde alles hergeben, nur diesen Schlafsack nicht. Bei dem Schlafsack ist schon das Innenfutter herausgefallen und ich habe gesagt: ‚Komm doch vorbei, hol‘ dir einen neuen Schlafsack.‘ Wir haben ihm dann einen neuen gegeben und das hat gepasst, aber er hätte seinen alten nicht weggeschmissen und riskiert, einmal eine Nacht ohne diesen Schlafsack zu schlafen.“
So können Sie helfen
Sach- und Geldspenden: Um armutsbetroffene und obdachlose Menschen zielgerichtet unterstützen zu können, bittet die Caritas um Sachspenden. Konkret werden für den Sommer dringend Sonnencremes, Badetücher, Schirmkappen sowie neue Socken und Unterwäsche gebraucht – alle Informationen zu den Abgabestellen sind online zu finden.
Wer mit einer Spende helfen möchte, kann online im wirhelfen.shop der Caritas unterstützen:
- Mit 3,50 Euro spendieren Sie ein kaltes Getränk in einer Klimaoase.
- Mit 50 Euro schenken Sie ein Hitzepaket, bestehend aus Isomatte, Sommerschlafsack, Sonnencreme, Trinkwasser, Kühltuch und einer Kopfbedeckung.
Community „füreinand“: Wer sich freiwillig für Menschen in Not engagieren möchte, findet alle Möglichkeiten dazu auf der Plattform für Mitmenschlichkeit: fuereinand.at
Aktuell sucht die Caritas Wien dringend Freiwillige, die Menschen in den Klimaoasen unterstützen möchten.