Europa am Scheideweg

Podiumsdiskussion des Figlhauses im WUK
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Im WUK diskutierten Regisseur Erwin Wagenhofer, Sigrid Stagl, Gründerin des Instituts „Ecological Economics“ an der WU Wien, und die stellvertretende Klubobfrau der Grünen und ehemalige österreichische Justizministerin Alma Zadić zum Thema Europa.
Im WUK diskutierten Erwin Wagenhofer, Sigrid Stagl und Alma Zadić zum Thema Europa. ©Manfred Weis
Viele Interessierte hörten sich die Podiumsdiskussion der Figlhauses im WUK an.
Viele Interessierte hörten sich die Podiumsdiskussion des Figlhauses im WUK an. ©Manfred Weis

Die aktuelle geopolitische Situation und die ungelöste Klimafrage bereiten vor allem jungen Menschen große Sorgen. Grünen-Sprecherin Alma Zadić, Wissenschaftlerin Sigrid Stagl und Filmemacher Erwin Wagenhofer diskutierten im Wiener WUK, warum es trotzdem Hoffnung gibt und wieso Zuwarten auf die Politik nicht der richtige Weg ist.

Am 20. Jänner gab es im WUK eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „Europa am Scheideweg – zwischen Angst & neuer Hoffnung“. Die Veranstaltung wurde von der Akademie für Dialog und Evangelisation und der Europa-Hochschule CIFE organisiert.

Im Mittelpunkt des Abends stand die Frage, wie Europa mit gesellschaftlichen Spannungen, globalen Herausforderungen und wachsendem Transformationsdruck umgehen kann – und welche politischen, ökologischen und kulturellen Perspektiven neue Hoffnung geben.

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Kein Festhalten am Patriarchat

Regisseur Erwin Wagenhofer beschrieb die aktuelle Lage als globalen Wendepunkt: „Die ganze Welt steht an einem Scheideweg. Das Alte ist noch nicht weg, das Neue noch nicht da.“ Technologie allein könne gesellschaftliche Probleme nicht lösen, ebenso wenig ein Festhalten an Kapitalismus und Patriarchat.

Beiden schreibt Wagenhofer Mitverantwortung für machtpolitisches Ungleichgewicht zu. Stattdessen brauche es „Bottom‑up‑Bewegungen“ und ein Umdenken in Fragen des Wirtschaftens und Zusammenlebens. Auf besorgte Publikumsfragen reagierte Wagenhofer ermutigend: Aktivwerden und der Glaube an die eigene Selbstwirksamkeit müssten zum Motor für die nötige Transformation werden.

Auf Entscheidungen der Politik zu warten, hält der Filmemacher angesichts eines Systems, das sich laut Wagenhofer mehr um Kapital als um Menschen dreht, nicht für sinnvoll.

Wege aus der Krise in Europa

Auf der Suche nach Lösungen führte die Ökonomin und Wissenschaftlerin des Jahres 2024 Sigrid Stagl konkrete Zahlen ins Treffen. Die Gründerin des Instituts „Ecological Economics“ an der WU Wien betonte die Notwendigkeit von Innovation wie Exnovation gleichermaßen. Neues anzunehmen, aber auch Ausgedientes gehen zu lassen, wäre für die jetzige Zeit angezeigt, so Stagl.

Entscheidungsträger müssten jenen Weg wählen, der aus der Krise führen kann, statt jenen polemischen Standpunkten „hinterherzuhecheln“, die mit allen Mitteln am alten System festhalten und damit alte Pfründe bedienen: „Wir haben all das theoretische Wissen, das für einen Systemwandel notwendig wäre. In der Nahrungsmittelindustrie bedeutet das, Präzisionslandwirtschaft einzusetzen und einfach das anzubauen und zu konsumieren, von dem Ärzte uns sagen, dass es uns guttut. Zwei Drittel der Proteine aus pflanzlichen, ein Drittel aus tierischen Produkten. Stattdessen laufen 82 Prozent der Förderungen im landwirtschaftlichen Bereich in tierische Produkte, obwohl nur 36 Prozent der Kalorien von dort kommen, aber 84 Prozent der Emissionen.“

Massentierhaltung, mit der gewisse europäische Länder den Rest der EU mit minderwertigem Billigfleisch überschwemmen, sieht Stagl als Teil des Problems an, mit dem die EU getrost aufräumen könne. Stagl vermisst außerdem eine positive Zukunftserzählung, um die man sich versammeln und Pläne in die Tat umsetzen kann.

Echte Begegnungen für echten Austausch

Die ehemalige Justizministerin und Parlamentssprecherin der Grünen, Alma Zadić, plädierte im Hinblick auf die USA unter Donald Trump für eine Rückbesinnung auf eine regelbasierte Weltordnung, die Menschenrechte hochhält, nicht das Recht des Stärkeren.

Dass die Klimabewegung ins Hintertreffen gerät, frustriert die Politikerin: „Bereits in der Schule haben wir damals gelernt, welche irren Wege ein Nike-Turnschuh geht, bis er im Geschäft ankommt. Dass da Kinderarbeit im Spiel ist, Rohstoffe um die ganze Welt gehen. Dann gibt es endlich ein Lieferkettengesetz, das dem ein Ende bereiten soll, und es wird so weit aufgeweicht, bis nur mehr Bruchstücke übrig sind.“

Die aktuelle gesellschaftliche Spaltung führt Zadić auf die Fragmentierung der Realität durch die zunehmende Nutzung sozialer Medien zurück. Enge Filterblasen, algorithmische Spins und fehlende gemeinsame Inhalte machen es mittlerweile schwer, sich auf Fakten zu einigen. 

Zadić wünscht sich ein Zurückkehren zu einer Gesprächskultur, die den direkten Austausch fördert, und nennt dabei die Initiative „Österreich der runden und eckigen Tische“ des Figlhauses als positives Beispiel.

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