Es war alles gleichzeitig finster
PassionswegeClemens Sedmak lehrt an der katholischen Universität Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana und leitet das von der Erzdiözese Salzburg geförderte Zentrum für Ethik und Armutsforschung an der Universität Salzburg. Die Familie zog 2018 in die USA. Zwei Jahre später ist die Zeit der Pandemie. „Es ist uns allen nicht gut gegangen, auch in unserem Umfeld, aber es war für uns das erste Mal“, erinnert sich Clemens Sedmak an diese Zeit. Für ihn als Universitätsprofessor ist die Situation ein wenig leichter, denn mittels entsprechender Ausstattung können die Vorlesungen als Videokonferenzen abgehalten werden. Für seinen jüngsten Sohn Jonathan ist die Zeit aber schwierig.
„Es ist uns allen nicht gut gegangen, auch in unserem Umfeld, aber es war für uns das erste Mal.“
„Unser Sohn hat diese Möglichkeit nicht gehabt, dadurch wurde auch die Klassengemeinschaft auseinandergebeutelt“, so Sedmak. Dazu kam, dass sein Klassenvorstand 82 Jahre alt war. Das hat seinen Hintergrund im Pensionssystem. „In den USA gibt es kein Pensionsantrittsalter, weswegen eine Person in den Augen des Arbeitgebers die Dienstpflichten so lange erfüllen kann, wie das Arbeitsverhältnis nicht aufgelöst wird, das ist auch eine Geldsache, denn die Pensionen sind sehr klein.“ Das hat aber den Nachteil, dass Lehrer unterrichten, auch an Unis, die vom Alter her nicht mehr zu den Schülern und Studenten passen.
Gegen Suizid: Soziale Kontakte wichtig wie das tägliche Brot
„Unser Soziologie-Department hat eine Studie gemacht, dass Erwachsene durchschnittlich acht substantielle soziale Kontakte pro Tag brauchen, um psychisch gesund zu bleiben. Jugendliche benötigen 26 solche Kontakte“, so Sedmak und weiter: „Der Punkt ist: Wenn du in einer Lebensphase bist, in der du auf sozialen Kontakt angewiesen bist wie auf dein tägliches Brot, du aber eine Schließungserfahrung nach der anderen machst, dann zermürbt das auch.“ Und Sedmak erzählt: „Wir haben damals den Eindruck gehabt, dass sich alles gegen unseren Sohn verschworen hat in der Zeit. Wir hatten damals die Green Card beantragt und durften damit das Land nicht, verlassen, denn man weiß nicht ob durch einen solchen Schritt der laufende Prozess annulliert wird und man wieder von vorne anfängt.“
Im Frühling 2020 ist die Familie zu fünft in den USA, da die Tochter für drei Monate aus Österreich anreist, danach kehrt sie zurück und der zweitjüngste Sohn geht nach dem Highschool-Abschluss zurück nach Österreich. „Und dann hat unser Jüngster aufgegeben“, schildert Clemens Sedmak. Denn Jonathan ist ein introvertierter Charakter, als solcher benötigt er aber Verbindungen und Kontakte, die fehlen. „Er war ein sehr sanftmütiger Mensch und sieht man sich die Welt an, ist diese nicht für Sanftmütige gemacht. Das ernüchtert mich auch immer wieder.“
Suizid des Sohnes: Ein „Davor“ und ein „Danach“
Clemens Sedmak findet eines Tages seinen 15-jährigen Sohn Jonathan tot in seinem Zimmer, er beging Suizid. „Ich glaube, unserem Sohn fehlte der Lebenswille und er hatte keine Perspektive. Es ist aus ihm herausgesickert, denn es waren noch keine Hoffnungszeichen da. Es war noch nicht klar, wie lange die Pandemie dauert. Auch das hätte ja Jahre dauern können. Wie lange dauert unser Warten auf die Green Card, wie lange sind wir da im Land, wie lange ist die Schule geschlossen? Es war alles gleichzeitig finster, das ist ein großes Pech.“ Seit dieser Zeit ist das Leben der Familie in ein Davor und ein Danach geteilt.
Zur Aufarbeitung beginnt Clemens Sedmak, ein Buch darüber zu schreiben, aber seine und die Gefühle der Familie stehen dabei nicht im Mittelpunkt, sondern es ist ein Text über die theologische Vorstellungskraft und deren Durchbrechung. Seine Einsichten, gewonnen aus dem Ringen mit dem eigenen Verlust und in Auseinandersetzung mit tragischen Erfahrungen anderer Menschen, bietet er dem Leser an – zum eigenen Nachfühlen und Nachdenken über Glauben, Denken und Hoffen.
Persönliche Begegnung mit Tiefgang
Clemens Sedmak spricht nicht viel über den Suizid seines Sohnes vor beinahe sechs Jahren, man merkt, das belastet ihn nach wie vor. Was er aber gerne erwähnt, ist eine persönliche Begegnung mit Kardinal Christoph Schönborn im Herbst 2025: „Im Oktober war ich am Flughafen Wien, um nach Warschau zu fliegen, am Gate habe ich Kardinal Schönborn getroffen, er war auf dem Weg nach Rom. Und dann haben wir kurz miteinander geredet. Er hat ja seinen Neffen auf tragische Weise verloren, wie wir unseren Sohn. Und das brachte uns auf einer menschlichen Ebene nahe zusammen und stiftete eine Tiefe. Ich war sehr dankbar für diese Begegnung.“
„Was Gottes Pläne sind, wissen wir nicht.“
Wie kann das Leben nach dem Suizid des eigenen Kindes weitergehen?
Auf die Frage, wie es ist, wenn Eltern ihr Kind begraben müssen, weil es vor ihnen stirbt, egal auf welche Art und Weise, sagt der auch mit Ethik befasste Theologe Sedmak: „So soll es nicht sein. Da ist etwas fundamental in eine schmerzhafte Richtung gegangen. Was Gottes Pläne sind, wissen wir nicht.“ Sedmak weiters: „Meine Frau und ich wurden zumindest von einem verschont, von der Spekulation, ob es ihm jetzt gut geht. Also diese Sorge hatten wir nie, sondern jetzt wird der Heiland ihn begleiten und behüten und das hat dann auch etwas Tröstliches. Es bringt Menschen auf eine sehr menschliche Weise zusammen, das macht das Ganze nicht zu einer schönen Sache. Aber die Wunde, die niemals heilen wird, kann zur Quelle von Heilsamem werden, so möchte ich es vielleicht sagen.“
Zur Person
Clemens Sedmak ist Professor für Sozialethik an der University of Notre Dame (USA) und Leiter des Zentrums für Ethik und Armutsforschung der Universität Salzburg.
Buchtipp
Durchbrochenes Denken und theologische Vorstellungskraft. Reflexionen angesichts der Erfahrung eines Suizids. Anregungen und Nachdenken über Glauben und Hoffen. Gottsuche angesichts von Verlust und Trauer.
Clemens Sedmak, Wenn das Unvorstellbare geschieht, Verlag Herder, 2025, 264 Seiten, ISBN: 978-3-451-02438-2, EUR 24,70.
Passionswege auf radio klassik Stephansdom
Am 28. Februar 2026 spricht Clemens Sedmak um 19:00 Uhr auf radio klassik Stephansdom über den Suizid seines Sohnes Jonathan, aber auch darüber, wie es ist, in den USA mit der Familie zu leben und zu unterrichten. Dabei spricht er auch über seine Wahrnehmungen über den Wohlstandsverlust der Menschen. Gestaltung: Stefan Hauser. Wiederholung: 4. März, 21:00 Uhr