Erinnerung, die bleibt

Jewish Welcome Service
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Das Denkmal „Für das Kind“ von Bildhauerin Flor Kent ist eine Erinnerung an die 10.000 jüdischen Kinder, die 1938 durch die sogenannten Kindertransporte nach England vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten gerettet werden konnten.
Das Denkmal „Für das Kind“ von Bildhauerin Flor Kent ist eine Erinnerung an die 10.000 jüdischen Kinder, die 1938 durch die sogenannten Kindertransporte nach England vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten gerettet werden konnten. ©wiki commons/GuentherZ/CC_BY_3.0
Die Gedenkstätte für die Ermordeten der Shoah auf dem Areal des Ostarrichi-Parks in Wien.
Die Gedenkstätte für die Ermordeten der Shoah auf dem Areal des Ostarrichi-Parks in Wien. ©Anna Geringer
„That makes it real“, sagt ein Teilnehmer, als er diese Steine bei den Namen seiner Angehörigen an der Shoah-Namensmauern-Gedenkstätte niederlegt.
„That makes it real“, sagt ein Teilnehmer, als er diese Steine bei den Namen seiner Angehörigen an der Shoah-Namensmauern-Gedenkstätte niederlegt. ©Anna Geringer
Ein Teil der Gedenktafel im Ostarrichi-Park: 65.000 Kinder, Frauen und Männer aus Österreich wurden zwischen 1938 und 1945 von den Nationalsozialisten ermordet.
Ein Teil der Gedenktafel im Ostarrichi-Park: 65.000 Kinder, Frauen und Männer aus Österreich wurden zwischen 1938 und 1945 von den Nationalsozialisten ermordet. ©Anna Geringer
Auf dieser Gedenktafel steht in Hebräisch folgender Text: „Zum Gedenken an die mehr als 65.000 jüdischen Kinder, Frauen und Männer aus Österreich, die in den Jahren 1938–1945 ermordet wurden.“
Auf dieser Gedenktafel steht in Hebräisch folgender Text: „Zum Gedenken an die mehr als 65.000 jüdischen Kinder, Frauen und Männer aus Österreich, die in den Jahren 1938–1945 ermordet wurden. Von Nationalsozialisten und deren Anhängern wurden sie verfolgt, verhöhnt, beraubt, gepeinigt und in Ghettos sowie Vernichtungslager deportiert. Zahlreiche Österreicherinnen und Österreicher haben sich an diesem Massenmord beteiligt.“ ©Anna Geringer

Eine Gruppe aus aller Welt reist nach Wien, um die Spuren ihrer jüdischen Familiengeschichte zu erkunden. Zwischen Gedenkstätten, persönlicher Erinnerung und ruhigen Orten entsteht ein Bild davon, wie nah Vergangenheit und Gegenwart beieinanderliegen.

Wien, 18. März 2026. Kurz vor 10 Uhr sammelt sich die 15-köpfige Gruppe vor dem Hotel Stefanie, dem ältesten Hotel Wiens. Menschen aus Australien, aus Amerika und aus England sind gekommen, um mit dem Jewish Welcome Service Vienna die Vergangenheit ihrer Vorfahren kennenzulernen. Manche sind zum ersten Mal dabei, während andere bewusst zurückkehren. So beginnt eine Rundfahrt – durch eine Stadt, die für viele einst Heimat war.

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Erinnerung an zwei Lebenswege

Der erste Stopp des Tages führt zur Gedenkstätte am Aspangbahnhof. Dieser Ort wirkt heute ruhig, fast unscheinbar. Und doch wurden mehr als 47.000 Juden und Jüdinnen von hier aus zwischen 1939 und 1942 deportiert. Nur etwas mehr als 1.000 von ihnen überlebten. Wenige Schritte weiter weg hält die Gruppe beim Bildungscampus Aron Menczer. Das Schulungszentrum trägt den Namen eines jüdischen Pädagogen, der bis zu seiner Deportation im Jahr 1942 alles daransetzte, jüdische Kinder und Jugendliche vor dem Nazi-Regime in Sicherheit zu bringen. An der Fassade des Gebäudes befindet sich eine Gedenktafel, auf die gesondert hingewiesen wird. Sie trägt Worte aus dem Psalm 23 und erinnert an Leo Luster (1927–2007), der sich für Holocaust-Überlebende engagierte:

 

 

„Der Herr ist mein Hirte,
nichts wird mir fehlen.

Er lässt mich lagern auf grünen Auen
und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.

Er stillt mein Verlangen;
er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen.

Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht,
ich fürchte kein Unheil;

denn du bist bei mir,
dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.

Du deckst mir den Tisch
vor den Augen meiner Feinde.

Du salbst mein Haupt mit Öl,
du füllst mir reichlich den Becher.

Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang
und im Haus des Herrn darf ich wohnen für lange Zeit.“

Psalm, 23

 

Menczers und Lusters Geschichten stehen exemplarisch für viele andere.

Eine Einladung, die Leben rettet

Auch Peter aus Nordengland hört aufmerksam zu. Er ist mit seinen Schwestern hier, zum ersten gemeinsamen Geschwisterurlaub. Wien kennt er bereits, doch diese Reise ist anders. Seine Eltern hatten Glück und flohen 1938 aus Wien. Zwei Jahre zuvor hatten sie bei einem Bootsausflug auf der Donau zufällig ein englisches Paar kennengelernt und mit ihm Adressen ausgetauscht. Als sich die Lage in Österreich zuspitzte, wurde es immer schwieriger, das Land zu verlassen. In ihrer Not erinnerten sie sich an die zwei Engländer, die sie eines Sommers trafen, und kontaktierten sie. Die Antwort kam auf Deutsch: Sie seien willkommen. Diese Einladung rettete ihr Leben.

Nicht weit entfernt erinnert die Skulptur „Für das Kind“ an den Kindertransport von tausenden Kindern, die ihre Rettung vor dem nationalsozialistischen Regime in England fanden. Mit einem Koffer, 10 Reichsmark, einem Spielzeug und ohne Eltern machten sie sich auf die Reise.

Zwischen den Stationen erzählt Peter weiter von einer besonderen Erinnerung. Seine Großmutter, die bei der Flucht seiner Eltern mitgekommen war, wollte danach nie wieder zurückkommen, sein Vater hingegen schon. Erst 1988 überzeugte Peter seine Großmutter schließlich zur Rückkehr – mit dem Motiv, sein Deutsch zu perfektionieren. Doch für Vater und Oma fühlt es sich an wie ein Ankommen. Heute noch reist Peter regelmäßig nach Wien, meist auch mit seinem Vater.

That makes it real

An der Shoah-Namensmauern-Gedenkstätte wird es still. Es wird nach Namen gesucht, von Großeltern, Eltern und Verwandten. Manche nutzen die Möglichkeit, einen Stein unter bekannte Namen zu legen. „That makes it real“, sagt ein Teilnehmer. Namen ersetzen Zahlen – es entsteht ein Ort, an dem Trauer nahezu greifbar wird.

Was einigen womöglich unbekannt sein mag, ist der seit 1879 inaktive jüdische Friedhof Währing. Die letzte Station der Gruppe für diesen Tag. Über 30.000 Tote sind hier begraben. Nicht alle stammten zwar aus Wien, aber sie alle starben hier. Es wirkt, als sei die Zeit stehengeblieben. Grabsteine sind zerbrochen, überwuchert und vergessen. Spuren des Zweiten Weltkriegs sind sichtbar. Und doch wird heute versucht, diesen Ort zu bewahren und die Erinnerungen an die hier Begrabenen lebendig zu halten.

„Solche Programme wie der Jewish Welcome Service Vienna sind wichtig“, sagt Peter am Ende des Tages. „Sie helfen uns, zu verstehen und besonders einzusehen, dass das unsere Vorfahren waren. Unsere Großeltern, vielleicht sogar unsere Eltern.“

An diesem Tag zeigt sich Wien freundlich und es wird klar, wie nah Vergangenheit und Gegenwart beieinanderliegen.

©Residenz Verlag

Buchtipp

Erich Lessing: „Lessing zeigt Lessing“, Danielle Spera (Hg.), Hannah Lessing (Hg.), Residenz Verlag, 44 Seiten, ISBN: 9783701733651, EUR 29,90,–

Autor:
  • Anna-Theresa Geringer
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