Ein unausrottbares Virus
Judenhass
Martin Haidinger schreibt keine fertigen Thesen, sondern will zum Denken anregen.
Buch über Antisemitismus und Judenhass
Herr Haidinger, wie ist es zu diesem Buch gekommen?
Noch vor zehn Jahren hätte ich gesagt, wozu soll man schon wieder ein Buch über Antisemitismus schreiben? Es ist alles gesagt. Die Situation hat sich bekanntlich dramatisch geändert, nicht nur, was den Nahostkonflikt betrifft, sondern auch für Jüdinnen und Juden in Europa. Und jetzt lodert dieser Judenhass.
„Judenhass“ nicht „Antisemitismus“
Sie nennen Ihr Buch ganz bewusst „Judenhass“ und nicht „Antisemitismus“. Warum ist dieser Begriff wichtig und was beschreibt er genau?
Also, der Begriff Antisemitismus ist polemisch, er wird fast ausschließlich als Schimpfwort verwendet. „Judenhass „beschreibt die Sache besser, denn es gibt nämlich gar keine Semiten, es gibt nur semitische Sprachen. Daher gibt es also auch keinen Antisemitismus, sondern es ist der Hass auf Juden und das beschreibt es. Unklar ist natürlich, und da sind wir schon in der Gegenwart: Wo ist die Grenze zwischen Kritik am Staat Israel und dem Hass, dem Judenhass? Es gibt Antisemiten, die keine Rassisten sind, und Rassisten, die keine Antisemiten sind.
Das müssen wir jetzt erklären.
Im 19. Jahrhundert gab es einen Herrn namens Arthur Gobineau. Er war ein Reisender und Diplomat, ein Franzose, der sich angeregt durch Charles Darwins Forschungen Gedanken gemacht hat über die Ungleichheit der Rassen, nämlich der Menschenrassen. Und er gilt als der erste Klassiker des Rassismus. Allerdings kommen da die Juden kaum bis gar nicht vor. Die waren für ihn keine Kategorie. Ein Zeitgenosse von ihm war Richard Wagner, der 1850 ein Buch geschrieben hat: „Das Judentum in der Musik“. Er war Antisemit, aber das Konzept der Rasse stand ihm noch nicht zur Verfügung. Er war also Antisemit, aber kein Rassist, und Gobineau war Rassist, aber kein Antisemit.
„Kaiserin Maria Theresia hat bis an ihr Lebensende mit Juden nur hinter einem Paravent gesprochen.“
Martin Haidinger
Entstehung und Verbreitung von Judenhass
Welche Bedeutung hatten wirtschaftliche Krisen für die Entstehung und Verbreitung von Judenhass?
Es gibt eine Stelle in der Bergpredigt, aus der abgeleitet wurde, dass Christen keine Zinsen nehmen durften, was natürlich für Geldgeschäfte nicht optimal war. Die Einzigen, die offen Zinsen nehmen durften, waren Juden. Und sie haben auch Geld verliehen, also vom kleinsten kleinen Mann bis zum Herrscher hinauf. Denn die Herrscher brauchten Geld aus verschiedenen Gründen. Also alles, was sie gebraucht haben, haben sie dann von sogenannten Hoffaktoren bekommen, so nannte man die jüdischen Geldverleiher, die zugleich gebraucht wurden, aber auch verachtet wurden. Kaiserin Maria Theresia hat bis an ihr Lebensende mit Juden nur hinter einem Paravent gesprochen.
Zum Karl-Lueger-Denkmal
Wie gehen wir jetzt mit Karl Lueger, dem berühmten antisemitischen Bürgermeister, um, dessen Denkmal kürzlich fast nicht wahrnehmbar gekippt wurde?
Ja, ich würde mit Lueger so umgehen, wie ich mit der gesamten Zeit umgehen würde, in der er gelebt hat, nämlich so nüchtern wie möglich. Lueger hat die Stimmung in seiner Zeit gebündelt, er war weder ursprünglich besonders antisemitisch noch besonders christlich oder gar katholisch. Er war ursprünglich ein Liberaler. Die linke Seite war besetzt von Viktor Adler in der Sozialdemokratie. Georg Ritter von Schönerer führte die deutsch-völkische Los-von-Rom-Bewegung. Was bleibt? Machen wir ein bisschen auf katholisch, aber antisemitisch müssen wir sein, denn das sind nämlich alle. Sogar bei den Sozialdemokraten gab es antisemitische Agitatoren: Franz Schuhmeier, nach dem heute noch ein Platz benannt ist, war ein großer Volkstribun. Er hat gegen die Juden und genauso gegen die Pfaffen gewettert.
Lueger war insofern eine besonders perfide Gestalt in der Hinsicht, weil er ganz genau wusste, dass da überhaupt nichts dran ist. Und man schreibt ihm ja den Spruch zu: ‚Wer ein Jude ist, bestimme ich.‘ Das klingt so herzig und niedlich. Ich halte es aber für besonders perfide, weil er genau gewusst hat, er kann das einsetzen, wo er will. Vielleicht noch ein Detail: Das Denkmal ist 1927 errichtet worden vom Roten Wien, also mitten in der großen klassischen sozialdemokratischen Phase. Und der größte Spender dafür war Baron Louis Nathaniel Rothschild.
Formen des Antisemitismus
Welche modernen Formen des Antisemitismus bereiten Ihnen denn derzeit die meisten Sorgen? Und welche Entwicklungen der letzten Jahre hätten Sie vor zehn Jahren gar nicht für möglich gehalten?
Bei aller Daueraktivität der Intifada-Bewegung, die sich ja längst mit Linksextremisten und anderen randständigen Gruppen vereint hat, hätte ich mir nicht gedacht, dass so eine breite Gruppe, eine Massenbewegung auf den Straßen Europas, entsteht, auch bei uns in Österreich. Also ich bin ja der Meinung, dass man Israel nicht kritisieren darf, sondern kritisieren soll, ja muss. Es ist eine Demokratie und die muss kritisches Bewusstsein aushalten.
Welche Rückmeldung haben Sie auf das Buch bekommen?
Die erste Rückmeldung war von Rabbi Walter Homolka, Professor für Jüdische Theologie an der Universität Potsdam, den ich um ein Vorwort gebeten habe. Der ist in das Buchmanuskript hineingekippt. Er ist nicht mehr losgekommen, weil er sagt, dass es ihn beeindruckt hat, dass ich nicht mit einer fertigen These daherkomme, sondern viele, viele Beobachtungen, kleinere und größere, bündle und dem Leser, der Leserin eine Chance lasse, sich selbst ein Bild zu machen. Viele Leserinnen und Leser sagen mir, dass sie beim Lesen immer wieder innehalten mussten, um nachzudenken. Das freut mich besonders. Ich wollte kein Buch mit einer fertigen These schreiben, sondern Beobachtungen zusammentragen und den Menschen die Möglichkeit geben, sich selbst ein Urteil zu bilden.
„Ich wollte Beobachtungen zusammentragen und den Menschen die Möglichkeit geben, sich selbst ein Urteil zu bilden.“
Martin Haidinger
Aus der Geschichte lernen
Können wir aus der Geschichte lernen?
Geschichte wiederholt sich nicht eins zu eins. Deshalb gibt es keine einfachen Lösungen. Mein Anliegen ist es, zu zeigen, woher antisemitische Vorstellungen kommen und in welcher Tradition sie stehen. Wer das versteht, kann aktuelle Entwicklungen besser einordnen.
Das Versprechen gegenüber Holocaust-Überlebenden Fritz Roubicek
Wir wollen zum Schluss des Buches kommen. Sie erzählen von Ihrem Versprechen gegenüber dem Holocaust-Überlebenden Fritz Roubicek, dass Sie sich der jüdischen Geschichte annehmen werden. Haben Sie Ihr Versprechen mit dem Buch eingelöst?
Ein bisschen empfinde ich es so. Fritz Roubicek habe ich kennen gelernt, er ist bereits 1990 verstorben, als ich 19 Jahre alt war. Da saßen wir im Kaffeehaus und er sagte zu mir: „Was willst du jetzt studieren?“ Ich sage: „Geschichte.“ Er darauf: „Sehr gut, wir wissen noch viel zu wenig, aber bitte nimm dich auch der jüdischen Geschichte an.“ Das habe ich ihm versprochen. Zum Abschied habe ich zu ihm und seiner Frau Lilly gesagt: „Grüß Gott!“ Und er sagte: „Ich werde es ihm ausrichten.“
Zur Person
Martin Haidinger ist Historiker, Journalist und Wissenschaftsredakteur beim ORF. Er ist Autor zahlreicher
Sachbücher.
Radiotipp
Das Interview mit Martin Haidinger über sein Buch „Judenhass“ hören Sie am 9. November um 19:00 Uhr auf ▶ radioklassik.at
Buchtipp
Ein Virus umspannt die Welt - JUDENHASS. Mit einem Vorwort von Rabbiner Walter Homolka, Professor für Jüdische Theologie Universität Potsdam. Ueberreuter Verlag, 224 Seiten, ISBN 978-3-8000-8119-6, EUR 25,–