„Gegen Judenfeindschaft und Antisemitismus“
70 Jahre ZusammenarbeitGegenüber dem SONNTAG beschreibt die Präsidentin des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Universitätsprofessorin Regina Polak, die bleibenden Aufgaben der christlichen Kirchen im Austausch mit dem Judentum.
Auseinandersetzung mit den christlichen Wurzeln des Antisemitismus
Warum entstand damals der Koordinierungsausschuss und was ist heute seine Haupttätigkeit?
REGINA POLAK: Nach Kriegsende gab es in den christlichen Kirchen wenig Interesse, sich mit der eigenen Verstrickung in die Shoa sowie den christlichen Wurzeln des Antisemitismus auseinanderzusetzen oder den Dialog mit dem Judentum zu suchen. Am Anfang des Koordinierungsausschusses standen einzelne Personen, denen dies ein Anliegen war: allen voran Professor Kurt Schubert, der 1956 als erster Präsident den Verein gründete, in dem katholische und evangelische Christen gemeinsam mit Juden gleichberechtigt zusammenfanden, 10 Jahre lang als Teil der katholischen Pax-Christi-Organisationen. Heute setzt sich der Verein für die Erneuerung der Kirchen aus dem Geist christlich-jüdischer Zusammenarbeit ein, fördert die sachliche Kenntnis des Judentums durch Bildungsarbeit, setzt sich mit christlicher Judenfeindschaft in der Geschichte auseinander, hält die Erinnerung an die Shoa wach und engagiert sich im Kampf gegen Judenfeindschaft, Antisemitismus und Rassismus.
„Tag des Judentums“
Seit dem Jahr 2000 begehen die christlichen Kirchen in Österreich am 17. Jänner den „Tag des Judentums“ zum „bußfertigen Gedenken an die jahrhundertelange Geschichte der Vorurteile und Feindseligkeiten zwischen Christen und Juden und zur Entwicklung und Vertiefung des religiösen christlich-jüdischen Gesprächs“. Was bedeutet Ihnen dieser Tag?
Für mich persönlich symbolisiert dieser Tag vor allem den Weg der Kirchen, den spirituellen und theologischen Reichtum des Judentums als Fundament unseres christlichen Glaubens neu und immer tiefer zu entdecken und Kirchen und Glauben zu erneuern. 2027 findet der „Tag des Judentums“ übrigens an einem Sonntag statt. Alle Pfarren und Gemeinschaften sind herzlich eingeladen, sich zu beteiligen. Informationen und Materialien dazu finden sich auf der Homepage des Koordinierungsausschusses.
Jede Katholikin, jeder Katholik sollte „Nostra aetate“ kennen.
Beziehung zum Judentum
Ist die christlich-jüdische Begegnung mehr als nur eine Sache der „Fachleute“, erreicht sie auch die Basis in der Kirche?
Nach katholischem Selbstverständnis ist die kontinuierliche Gegenwart von Juden und Judentum in der Katechese und Predigt der Kirche unverzichtbar, weil der christliche Glaube ohne seine Beziehung zum Judentum in Geschichte und Gegenwart gar nicht angemessen verstanden werden kann. Die christlich-jüdische Begegnung ist deshalb auch pastoral unabdingbar. Aus meiner Sicht wird das auch an der Basis dank des Engagements einzelner Pfarren und Personen mehr bewusst. Aber es ist auch noch sehr viel zu tun, den Fachdiskurs in die Gemeinden und Gemeinschaften zu bringen und die Gläubigen für diese Begegnung zu motivieren.
„Zeitenwende“ im Verhältnis zum Judentum
Welche bleibende Bedeutung hat dabei die Konzilserklärung „Nostra aetate“ („In unserer Zeit“)? Ist „Nostra aetate“ gleichsam eine Pflichtlektüre für uns Katholikinnen und Katholiken?
„Nostra aetate“ markiert nach Jahrhunderten christlicher Judenfeindschaft im Verhältnis zum Judentum eine „Zeitenwende“ – ja, jede Katholikin, jeder Katholik sollte es kennen. Zugleich hat sich das kirchliche Lehramt seither enorm weiterentwickelt. Die jüngste vatikanische Note „Ein Weg der Hoffnung“ vom 16. September 2026 (Der SONNTAG berichtete) gibt einen guten Überblick, was seither geschehen ist – und was die Kirche seither im christlich-jüdischen Dialog gelernt hat.
Dialog, Bildung und spirituelle Vertiefung sind dafür wichtig.
Dialog mit dem Judentum
„Die jüdische Religion ist für uns nicht etwas ‚Äußerliches‘, sondern gehört in gewisser Weise zum ‚Inneren‘ unserer Religion. Ihr seid unsere bevorzugten Brüder und, so könnte man gewissermaßen sagen, unsere älteren Brüder“, betonte schon Papst Johannes Paul II. Wie kann das Judentum als Teil der christlichen Identität wertgeschätzt werden und wie kann es in seiner Andersheit wahrgenommen werden?
Dialog, Bildung und spirituelle Vertiefung sind dafür wichtig. Der Dialog ist dabei auch ein innerkirchlicher: Es geht darum, aus dem Dialog mit dem Judentum Konsequenzen für alle Bereiche des Glaubens und kirchlichen Lebens – Verkündigung, Liturgie, Caritas – zu ziehen, ohne dabei das Judentum zu vereinnahmen. Die christliche Identität verändert sich dabei, wird dialogisch, aber sie bleibt selbstverständlich christlich. Zugleich kann man gerade vom und mit dem Judentum lernen, wie man mit unauflösbaren Unterschieden umgeht: Respekt, Aushalten von Mehrdeutigkeit und Distanz, kein Konsenszwang, Unterschiede als Anregung für Selbstkritik und Lernmöglichkeit erkennen.
"Hier besteht Lernbedarf."
Papst Franziskus schrieb in „Evangelii Gaudium“ (Nr. 248): „Der Dialog und die Freundschaft mit den Kindern Israels gehören zum Leben der Jünger Jesu.“ Ist dieses Wissen im Alltag des kirchlichen Lebens und in der Liturgie und Verkündigung präsent?
Leider noch viel zu wenig. Hier besteht Lernbedarf.
Verständnis zwischen Juden und Christen
Was sollte Ihrer Ansicht nach getan werden, um das gegenseitige Verständnis zwischen Juden und Christen zu vertiefen?
Aus nachvollziehbaren Gründen stehen in Österreich nicht so viele Juden und Jüdinnen für einen physischen Dialog zur Verfügung, wie es bräuchte. Podcasts, rabbinische Textauslegungen online, Lektüre, Bildungsveranstaltungen (etwa die „Theologischen Kurse“) bieten aber zahlreiche Möglichkeiten, sich zu informieren. Vor allem aber: Mitglied im Koordinierungsausschuss werden und an Dialog und Begegnung teilnehmen.
„DuSiach“/„Dialog“
Der Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit gibt auch vierteljährlich die Zeitschrift „DuSiach“ („Zwiegespräch“, „Dialog“) heraus. Die Zeitschrift bringt neben Fachartikeln oft internationaler Autorinnen und Autoren auch Berichte und Dokumente zu wichtigen Ereignissen, die den christlich-jüdischen Dialog betreffen.