Juden und Christen haben einen gemeinsamen Gott

Jesus ist eine Wucht
Ausgabe Nr. 29
  • Theologie
Autor:
Univ.-Prof. Markus Tiwald: Jesus ist einfach „eine Wucht“. ©Stefan Kronthaler

Die Bibel überwindet religiöse Barrieren. Juden und Christen haben einen gemeinsamen Gott, so Markus Tiwald. Tagung der Society für New Testaments Studies.

400 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kommen vom 25. bis zum 29. Juli zur Tagung der Society for New Testament Studies nach Wien. Der Neutestamentler Markus Tiwald über diese weltweit größte jährliche Versammlung von Forschenden.

MARKUS TIWALD: Die Universität Wien ist die älteste Universität im heutigen deutschsprachigen Raum und wurde 1365 von Rudolf dem Stifter gegründet. Die Katholisch-Theologische Fakultät folgte kurz darauf am 21. Februar 1384 und ist damit die älteste deutschsprachige theologische Fakultät. Zurzeit studieren an unserer Fakultät rund 1.000 Studierende aus etwa 30 verschiedenen Ländern. Auch inhaltlich ist unsere Universität international führend in Theologie und Religionsforschung: Unter den Disziplinen der Uni Wien nimmt unser Fach den zweitbesten Platz ein (nach der Medienwissenschaft). Das ist kein Wunder: Wien liegt vermittelnd zwischen dem protestantischen Norden und dem katholischen Süden – verbindet aber auch Ost und West. So haben wir an unserer Fakultät einen Schwerpunkt auf Ostkirchenkunde und arbeiten intensiv mit der Judaistik zusammen. Schon jetzt stammt ein Drittel unserer Doktorierenden aus dem Global South (Afrika, Indien, Asien und Lateinamerika). Viele davon sind Priester, die von ihren Diözesen nach Wien zum Doktoratsstudium geschickt werden. Für unsere Universität wie auch für unsere Diözese stellt diese Internationalität eine enorme Bereicherung dar. Wir hoffen, dass durch diesen Kongress – zu dem sich 400 Teilnehmende angemeldet haben – die internationale und weltkirchliche Verflechtung noch viel stärker wird.

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Worum geht es inhaltlich bei dieser Tagung, welche Themen werden diskutiert?

Die SNTS (Society for New Testament Studies – Gesellschaft für Studien des Neuen Testaments) ist die älteste und größte Forschungsgemeinschaft für das Neue Testament. Gegründet wurde sie bereits 1938, um internationale Forschung zu ermöglichen. Zu einer Zeit, als in Deutschland und Österreich der Irrsinn der Nazi-Ideologie herrschte, dachte man damals schon völkerversöhnend und Grenzen übergreifend. Die Bibel überwindet alle religiösen Barrieren. Es ist der gemeinsame Gott von Juden und Christen, von Moses und Jesus, von David und Paulus. In der modernen Bibelwissenschaft ist es selbstverständlich, dass Juden, Christen (Katholiken, Protestanten, Orthodoxe etc.) und selbst nicht konfessionell gebundene Historiker zu denselben Resultaten kommen. Das Gotteswort versöhnt, was wir schwache Menschen in unseren Strukturen zerteilt haben. Für mich ist diese Tagung daher nicht nur eine wissenschaftliche Bereicherung, sondern auch ein Zeichen der Lebendigkeit biblischen Glaubens.

Welche neuen Forschungsergebnisse gibt es überhaupt hinsichtlich des Neuen Testaments und der Frühgeschichte des Christentums?

Gerade die Interdisziplinarität ist in den letzten Jahrzehnten immer wichtiger geworden. Das Dokument „Die Interpretation der Bibel in der Kirche“ (1993) betont die Wichtigkeit des Studiums von Judaistik und biblischer Soziologie, um den vollen Sinn des Neuen Testaments erfassen zu können. Für den jüdisch-christlichen Dialog eröffnen sich hier ganz neue Möglichkeiten – etwa in der Frage, wann sich Juden und Christen definitiv getrennt haben. Weder Jesus noch Paulus oder das Urchristentum wollten eine neue Religion abseits des Judentums schaffen. Erst in der langsamen Entwicklung des rabbinischen Judentums (um 200 nach Christus) und des parallel entstehenden Christentums trennen sich die Wege immer mehr – ein Prozess, der allerdings auch im 4./5. Jahrhundert noch nicht völlig abgeschossen war. Damit wird klar, wie stark die jüdischen Wurzeln das Christentum prägten – und wie sehr wir Christen unser jüdisches Erbgut leider verleugnet haben. Das Christentum ist bleibend auf seine jüdischen Wurzeln verpflichtet und muss lange Jahrhunderte der Judenfeindlichkeit aufarbeiten.

Warum ist die Frage nach Jesus und seinem Wirken ein „Dauerbrenner“ für die Theologie?

Jesus ist einfach „eine Wucht“. Ganz gleich, ob man Christ ist oder nicht – der Mann aus Nazaret lässt niemanden kalt. Durch das wissenschaftlich-historische Studium des Neuen Testaments wird auch die „menschliche Seite“ Jesu sichtbar: Was war sein Selbstverständnis, was seine Ziele, für die er sich einsetzte? Während der große Literat und Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) einen „garstig breiten Graben“ zwischen dem Jesus der Historie und dem Christus des Glaubens beklagte, gelingt es der heutigen Bibelwissenschaft immer besser zu erklären, dass die spätere Christologie eine Weiterführung jüdischer Interpretamente aus der Zeit des Zweiten Jüdischen Tempels war. Natürlich unterscheidet sich heute die jüdische von der christlichen Hermeneutik: Für einen Christen ist Jesus die zweite göttliche Person – für einen Juden nicht. Allerdings sind das rabbinische Judentum und das Christentum aus dem gleichen Mutterboden hervorgegangen – der bunten und facettenreichen Welt des Judentums zur Zeit des Zweiten Tempels, dem sogenannten „Frühjudentum“. Den Menschen Jesus von Nazaret in diese Entwicklungsgeschichte einzupassen, schmälert den christlichen Glauben nicht. Ganz im Gegenteil: Erst hier wird sichtbar, wie faszinierend das Engagement Jesu war, der aus dem Glauben an den Anbruch des Gottesreichs auch sein eigenes Leben geopfert hat.

Autor:
  • Stefan Kronthaler
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