Ein Sensationsfund – „durch Zufall entdeckt“
1.300 Jahre alte Weltchronik
Durch Zufall“ hat Adrian Pirtea, Historiker am Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, eine rund 1.300 Jahre alte Weltchronik aus dem Katharinenkloster im Sinai entdeckt. Pirtea arbeitet hauptsächlich zum christlichen Orient und zu Byzanz, vor allem zur Geschichte des Christentums und zur Geschichte des Mönchtums im Nahen Osten.
Adrian Pirtea zu seinem Sensationsfund
„Viele noch unerforschte Handschriften aus dem Nahen Osten sind mittlerweile digitalisiert, man kann sie von Wien aus gut untersuchen“, sagt Pirtea zum SONNTAG. Die Sammlung des Katharinenklosters auf dem Sinai ist dabei eine der wichtigsten Sammlungen. Pirtea begann in den letzten Jahren, „diese Handschriften systematisch anzuschauen, vor allem die arabischen Handschriften, die bislang sehr wenig erforscht sind und auch nicht wirklich katalogisiert, das heißt nicht richtig beschrieben sind“. Das alte Katharinenkloster verfügt über „eine Klosterbibliothek, die ununterbrochen seit dem sechsten Jahrhundert besteht“. Durch die Lage im südlichen Sinai ist die Bibliothek – mit 3.000 Handschriften – gut erhalten. Pirtea: „Es gab keine Zerstörungen, keine großen Unterbrechungen in der Geschichte.“
Sensationsfund: Die „Maronitische Chronik von 713“
Die Weltchronik, die Pirtea entdeckt hat, beschreibt die gesamte Geschichte der Menschheit. „Die Perspektive ist natürlich biblisch“, sagt er: „Es fängt an mit der Erschaffung der Welt, mit Adam und Eva. Dann wird auch die Geschichte der Kirche beschrieben. Für Historiker besonders interessant sind die letzten Teile der Chronik, wo das sechste und das siebte Jahrhundert beschrieben werden. „In diesem Bereich ist der Chronist an Kirchengeschichte und politischer Geschichte interessiert, vor allem, was die Auseinandersetzungen zunächst zwischen Byzanz und dem Sassanidenreich und dann zwischen Byzanz und den Arabern betrifft“, betont Pirtea. Für diese Weltchronik wurde der Begriff „Maronitische Chronik von 713“ gewählt. Pirtea: „Weil zunächst die Chronik maronitisch ist und weil wir in der Chronik das Jahr 712/713 als Jahr der Verfassung des Textes erwähnt gefunden haben.“ Der Verfasser dürfte dieser Gemeinde angehört haben, deren Mitglieder auch heute noch Maroniten heißen. Inzwischen sind sie mit Rom uniert, seit dem zwölften, dreizehnten Jahrhundert. „Damals waren die Maroniten eigentlich Teil der Reichskirche, also der byzantinischen Kirche, hatten aber diese besondere Beziehung oder diese besondere Verbindung zum Kloster des heiligen Maron“, erzählt Pirtea: „Der heilige Maron war ein Asket aus Nordsyrien im frühen fünften Jahrhundert und er gilt auch heute noch als Gründer der maronitischen Gemeinde.“
„Man kann immer Neues entdecken“
„Ich habe allerdings nicht das Original aus dem frühen achten Jahrhundert entdeckt, sondern eine spätere arabische Übersetzung des im Original auf Syrisch verfassten Textes. Und diese arabische Übersetzung ist in einer Handschrift des frühen dreizehnten Jahrhunderts erhalten“, sagt der Historiker: „Das heißt, ein Mönch im frühen dreizehnten Jahrhundert hat diese arabische Übersetzung entweder selber gemacht oder eine frühere arabische Übersetzung entdeckt und abgeschrieben.“ Die Weltchronik bestätigt auch die frühesten Eroberungen der Araber in Palästina, in Syrien. Pirtea: „Es gibt aber auch neue Einsichten und neue Erkenntnisse zum Beispiel zur Chronologie, was wann genau passiert ist. Und sie ist ein nichtmuslimisches Zeugnis über die sogenannte Kanonisierung des Koran.“ Pirtea begeistert die Tatsache, „dass man immer Neues entdecken kann“: „Man liest dann zum ersten Mal Texte, die keiner bislang gelesen hat.“ Und dabei muss man nicht vor Ort im Katharinenkloster gewesen sein. Pirtea: „Mit den Digitalisaten kann man sehr gut arbeiten, sogar oft besser als mit dem Original. Die Bilder sind in sehr hoher Qualität und man kann zum Beispiel auf dem Digitalisat Sachen erkennen, die vielleicht in der Handschrift mit dem nackten Auge nicht zu sehen sind. Man kann Details vergrößern, Kontraste einstellen und das beschädigt auch die Handschrift nicht.“ Mit anderen Worten: „Man kann in Wien digital in Handschriften blättern und dabei auch solche Schätze entdecken.“