Ein Jahr lang wachsen

Externjahr
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Matthias Ruzicka in London
Der Priesterseminarist aus Wien arbeitet im Rahmen seines Externjahres als „intern“ in der Kirche von St Paul’s Shadwell im Osten von London mit. ©Victoria Schwendenwein
Eine Bühne in der Kirche statt Hochaltar. Gottesdienst wird im Churchplanting anders gelebt. ©Victoria Schwendenwein
Eindrücke von Matthias Ruzicka in London.
Eindrücke von Matthias Ruzicka in London. ©Victoria Schwendenwein

Das Curriculum des Priesterseminars sieht auch in der Erzdiözese Wien ein „Externjahr“ vor. Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt derzeit Matthias Ruzicka.

Der Seminarist hat sich für die Mitarbeit in einer Gemeinde im anglikanischen England entschieden. Mit dem SONNTAG hat er am über seine Erfahrungen nach einem halben Jahr in London gesprochen und Einblicke in das Konzept des „Churchplanting“ gegeben.

„Möchte sich jemand von euch firmen lassen?“, fragt Matthias Ruzicka in den Raum. Sein Publikum: Zehn junge Engländerinnen und Engländer im Alter zwischen zehn und 15 Jahren. Sie reagieren mit Unsicherheit, suchen immer wieder den Blickkontakt zu ihren Kollegen. Schließlich antwortet ein Mädchen: „Nein, weil in der Kirche dort ist es immer so kalt.“ Ein Einwand, denn Ruzicka nicht stehen lässt. Wenn sich viele firmen ließen, sei es in der Kirche – Saint Pauls Cathedral – auch nicht so kalt, denn: „Die Kirche besteht nicht aus Steinen. Die Kirche besteht aus der Gemeinschaft; ohne Menschen ist sie nicht die Kirche“.

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Gemeinschaft neu beleben

Der Dialog entsteht während eines „Bible Study“ in der anglikanischen Gemeinde Saint Paul’s Shadwell – kurz SPS-Gemeinde - im Londoner Bezirk Tower Hamlets. Während nebenan die Erwachsenen Gottesdienst feiern, bekommen die Jugendlichen hier von einem Seelsorgeteam, zu dem auch Ruzicka gehört, Inhalte altersgerecht vermittelt. Der 30-Jährige besucht in Wien das katholische Priesterseminar in der Boltzmanngasse und verbringt das im Curriculum vorgesehene „Externjahr“ seit Herbst 2025 als Mitarbeiter der SPS-Gemeinde.

Die Kirche besteht nicht aus Steinen. Die Kirche besteht aus der Gemeinschaft.

Matthias Ruzicka

Das Externjahr ist ein Austauschjahr, das Priesteranwärter auf ihr Leben nach dem Studium vorbereiten soll. Ruzicka hat bewusst den Schritt nach London gewagt. „Viele wählen einen Aufenthalt in Rom oder in einem Land des globalen Südens“, schildert er und erklärt: „ich wollte aber Strategien kennenlernen, wie man Gemeinschaften neu belebt.“ Stichwort: „Churchplanting“, frei übersetzt „Kirchen pflanzen“.

SPS im Osten Londons wurde vor 20 Jahren durch einen „Churchplant“ von der anglikanischen Gemeinde „Holy Trinity Brompton“ (HTB) revitalisiert. HTB ist in London Synonym für ein Netzwerk, das über die Jahre mehr als 80 christliche Gemeinden neu belebt hat und bekannt für das Angebot an Alpha-Kursen zur Glaubensvertiefung. Zu diesem Netzwerk gehört auch das „Gregory Centre for Church Multiplication“, das wiederum seit acht Jahren mit der Erzdiözese Wien kooperiert.

©Stefan Schönlaub

Berufung auf dem Prüfstein


Wer in der Erzdiözese Wien das Priesterseminar besucht, soll laut Curriculum „verschiedene zeitliche und örtliche Stationen innerhalb und außerhalb des Priesterseminars“ absolvieren. Die Ausbildung fokussiert auf vier aufeinander aufbauende Dimensionen: menschliche, geistliche, intellektuelle und pastorale Dimension. Ziel dabei ist, dass die Seminaristen auf ihre "Zeit als Priester in einer modernen, globalisierten Welt" vorbereitet werden.

 

Daher ist auch ein „Externjahr“ vorgesehen, also ein Jahr, in dem die Seminaristen in einem völlig neuen Umfeld, meist in einer Pfarre im Ausland, mitarbeiten. Aus Sicht der Ausbildungsstätte dient dieses Jahr dazu, damit die Inhalte des Studiums auch in der Praxis wichtige Ergänzungen finden. Die Seminaristen sind dabei selbst dafür verantwortlich, wie sie ihre Wohn- und Lebenssituation gestalten. Nicht zuletzt deshalb gilt diese Phase des Priesterseminars auch als jene, in der die Seminaristen ihre eigene Berufung noch einmal auf ganz neue Weise prüfen.

Matthias Ruzicka: Lebendige Gottesdienste in London

In London erzählt Ruzicka, was ihn bewegt. Er spricht von lebendigen Orten der Gottesbegegnung und von lebensnahen Predigten in gut besuchten Gottesdiensten, die für unterschiedliche Zielgruppen angeboten werden.

Gottesdienst wird hier anders gelebt, das zeigt der Lokalaugenschein. Im Kirchenraum herrscht ausgelassene Stimmung. Für Eltern mit Kleinkindern gibt es eine Krabbelecke, auf einem Tresen im Eingangsbereich stehen Tee und Kaffee zur freien Entnahme. Hochaltar gibt es keinen, stattdessen befindet sich im Altarraum eine Bühne für eine Band. Als die Jugendlichen wieder zu den Erwachsenen stoßen, hallt im Kirchenraum die Melodie eines Lobpreisliedes nach – fast so, als besuchte man ein christliches Konzert. Die Teenager sind rechtzeitig zur Gabenbereitung zurückgekehrt. Auch die Kinder, die beim Kinderwortgottesdienst waren, trudeln gerade wieder ein. Die Band verlässt ihre Bühne und SPS-Vikarin Brigid Beney bringt ein kleines, schlichtes Tischchen in Dunkelbraun. Hier bereitet sie Brot und Wein. Die Kommunion wird schließlich in beiderlei Gestalt als Geheimnis des Glaubens gespendet.

©Victoria Schwendenwein

Ein gemeinsames Anliegen


Die anglikanische Kirche kämpft ähnlich wie die katholische Kirche mit rückläufigen Mitgliederzahlen. Um dem entgegenzuwirken, entstand mit „Churchplanting“ vor 20 Jahren eine Initiative für eine niederschwellige Form des Gottesdienstes. Der Fokus wurde vor allem darauf gerichtet, Menschen wieder zu erreichen, die zuvor von starr anmutenden Strukturen abgeschreckt worden waren. Angesprochen werden sollen alle Altersgruppen.

 

Die Idee dahinter ist, dass dort, wo alte Gemeinschaften nicht mehr funktionieren, neue Gemeinschaften wachsen können. In der Seelsorge sind dabei mehrköpfige Teams im Einsatz. Das Konzept wird auch in der Erzdiözese Wien mit großem Interesse verfolgt. Katharina Mayr von der Erzdiözese Wien betont das freundschaftliche Verhältnis zu den Churchplanting-Gemeinden in London. Durch die Kooperation ist Ruzicka auch auf die SPS-Gemeinde aufmerksam geworden.

 

Ziel ist es voneinander zu lernen. So feierten beim Dankfest für Kardinal Schönborn 2025 und bei der Bischofsweihe 2026 jeweils Gäste aus dem Churchplanting-Netzwerk in London mit. Gemeinsam wird das Anliegen geteilt, dass Kirche wächst.

„Der Punkt, der eventuell für unterschiedliche Sichtweisen sorgt, ist das Verständnis vom Sakralraum“, erläutert dazu Katharina Mayr von der Erzdiözese Wien. Manche würden es als „ungewöhnlich bis störend“ empfinden, wenn in einem Kirchenraum Kaffee getrunken wird, wobei: „Auch in der EDW gibt es Pfarren, in denen eine Agape im Anschluss an einen Gottesdienst im Kirchenraum abgehalten wird.“

Matthias Ruzicka: Den Blick schärfen

Mayr betont das freundschaftliche Verhält­nis zu den Churchplanting-Gemeinden in Lon­don. Durch die Kooperation ist Ruzicka auch auf die SPS-Gemeinde aufmerksam geworden. In London betreut er nun nicht nur Jugend­gruppen. Er arbeitet aktiv am Angebot der Gemeinde mit. Dazu gehören Katechesen, Glaubensvertiefungskurse und auch soziale Projekte, wie etwa ein regelmäßiger Stamm­tisch für ehemals drogenabhängige Menschen.

Ruzicka erwartet sich von seinem Extern­jahr, persönlich zu wachsen und mit einem geschärften Blick für die Sorgen der Menschen – unabhängig von ihrer christlichen Konfes­sion – zurückzukommen. Er sehe in Österreich wie in England sehr viele Menschen, vor allem junge Erwachsene, die sich nach Spirituali­tät und Antworten auf ihre Sinnsuche sehnen. Antworten, die sich in den klassischen Struk­turen der Kirchen verlieren. Die Ökumene sei hierbei eine gute Unterstützung, meint Ruzi­cka, der auch nach dem Priesterseminar die Menschen dort abholen möchte, wo sie stehen. Im Sinne des „Churchplanting“ will er damit auch in der katholischen Kirche Glaubenssetz­linge zum Wachsen bringen.

Autor:
  • Victoria Schwendenwein
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