Ein Jahr, das die Kirche in Atem hielt

Vier-Päpste-Jahr vor 750 Jahren
Ausgabe Nr. 3
  • History
Erster Stadtrömer auf dem Stuhl Petri war nach vielen Jahren Papst Nikolaus III., der den vier Päpsten des Jahres 1276 nachfolgte. Er stärkte unter anderem die Unabhängigkeit des Papsttums und bestätigte die radikale Armutsidee des heiligen Franziskus.
Erster Stadtrömer auf dem Stuhl Petri war nach vielen Jahren Papst Nikolaus III., der den vier Päpsten des Jahres 1276 nachfolgte. Er stärkte unter anderem die Unabhängigkeit des Papsttums und bestätigte die radikale Armutsidee des heiligen Franziskus. ©CC/Saiko
Machtzentrum auf Zeit: Der Palazzo dei Papi von Viterbo war 1276 Schauplatz eines kirchengeschichtlichen Ausnahmejahres.
Machtzentrum auf Zeit: Der Palazzo dei Papi von Viterbo war 1276 Schauplatz eines kirchengeschichtlichen Ausnahmejahres. ©NikonZ7II

1276 erlebte die Kirche ein einzigartiges Ausnahmejahr: In diesem Jahr bestiegen innerhalb weniger Monate gleich vier Männer den Stuhl Petri. Ein Theologieprofessor, ein erfahrener Diplomat und ein gelehrter Arzt folgten Gregor X. in rascher Abfolge – begleitet von langen Wahlgängen, politischen Machtkämpfen, großen Reformhoffnungen und frühen Todesfällen. Das bislang einzige Vier‑Päpste‑Jahr der Kirchengeschichte wirft ein Schlaglicht auf eine Zeit tiefgreifender Umbrüche und auf eine Kirche zwischen geistlichem Anspruch, innerem Reformstau und europäischer Machtpolitik.

Jahre, in denen drei Päpste herrschten, gibt es einige. Das bislang letzte war 1978 mit Paul VI. (1963–1978), Johannes Paul I. (1912–1978) und Johannes Paul II. (1978–2005). Die letzten Tage der Amtszeit von Gregor X. im Jänner 1276 aber eröffneten das bisher einzige Jahr in der Kirchengeschichte, in dem es vier Päpste gab. Ins Amt gekommen war Gregor X. durch die längste Papstwahl der Kirchengeschichte – die fast drei Jahre dauerte.

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Vier-Päpste-Jahr: Das längste Ringen um den Stuhl Petri

Vom November 1268 bis zum 1. September 1271 hatten sich die 18 in Viterbo nördlich von Rom versammelten Kardinäle gestritten, ob ein Franzose oder ein Italiener auf den Stuhl des Petrus steigen sollte. Ab Juni 1270 versuchten die Behörden von Viterbo, die Entscheidungsfindung zu beschleunigen, indem sie die Kardinäle und Kostgänger im Bischofspalast einmauerten. Zeitweise wurde sogar das Dach abgedeckt, um das unproduktive Gremium der Witterung auszusetzen; auch das Essen wurde rationiert.

Schließlich einigte man sich auf einen Kompromisskandidaten: den Lütticher Archidiakon Tedaldo Visconti, der sich Gregor X. nannte. Wohl weil seine eigene Wahl so lange gedauert hatte, reformierte Gregor das Papstwahlverfahren und führte das Konklave ein (vom lateinischen „cum clave“ – mit dem Schlüssel). Der Ausdruck bezog sich auf die verschlossenen Räume, in denen sich die Kardinäle künftig zur Wahl versammeln sollten.
 

Die Geburt des Konklaves im Vier-Päpste-Jahr

Gregor X. war Papst in einer Übergangszeit: Einerseits war die Macht der Päpste gewachsen; andererseits gerieten sie zunehmend in die Machtkämpfe anderer europäischer Herrscher. Die Kreuzzugsbewegung ebbte allmählich ab, zugleich gab es Versuche einer Wiederannäherung von Ost- und Westkirche. Die Entwicklung der Bettelorden von Franziskanern und Dominikanern entsprach einer verbreiteten spirituellen Grundströmung; diese brachte schwer kontrollierbare Bewegungen ebenso hervor wie echte, am Evangelium orientierte Frömmigkeit. Der innerkirchliche Reformstau, dem sich ihr Entstehen auch verdankte, löste sich indes so schnell nicht auf.
 

Pariser Professor als Papst

Am 10. Jänner 1276, vor 750 Jahren, starb Gregor X. im mittelitalienischen Arezzo und wurde im dortigen Dom begraben. Elf Tage danach wurde Innozenz V. (Pierre de Tarentaise aus Savoyen) gewählt – nur einen Tag nach Beginn des von seinem Vorgänger streng reglementierten Konklaves. Der Dominikaner-Mönch, Professor an der Pariser Sorbonne und früherer Mitarbeiter der damaligen Top-Theologen Albertus Magnus und Thomas von Aquin, war das erste Mitglied seines Ordens auf dem Papstthron.

Dort geriet der hoch qualifizierte Theologe schnell in die politischen Mühlen Karls I. von Sizilien und dessen Kampf gegen den deutschen König Rudolf von Habsburg. Auch bei der von seinem Vorgänger versuchten Wiederannäherung an die Ostkirche kam er nicht weiter. 51-jährig starb Innozenz V. am 22. Juni an Malaria-Fieber in Rom, nach nur fünf Monaten und einem Tag im Amt. 
 

Ein Diplomat ohne Weihe

19 Tage später, am 11. Juli, wählten die elf Kardinäle im Konklave den aus Genua stammenden bisherigen Legaten und Diplomaten Ottobono Fieschi dei Conti di Lavagna zum Papst. Der hatte sich als Vermittler bei politischen Konflikten in England einen Namen gemacht und auch die dortige Kirche reformiert. Ottobono gab sich den Papstnamen Hadrian V.

Seine einzige nachgewiesene Regierungsmaßnahme war es, die Konklaveordnung seines Vorvorgängers Gregor X. aufzuheben. Doch Hadrian V. starb – bereits erkrankt –, bevor er überhaupt die Priester- und Bischofsweihe erhalten hatte, am 18. August in Viterbo, wo er auch bestattet ist. Er amtierte nur 38 Tage, immerhin fünf Tage länger als Johannes Paul I. im Jahr 1978.

Vier-Päpste-Jahr: Es folgte ein portugiesischer Mediziner  auf dem Stuhl Petri

Auf den Theologen Innozenz und den Diplomaten Hadrian folgte nun am 15. September der portugiesische Arzt und Diakon Pedro Julião, geboren um 1205 in Lissabon. Bis heute ist er wohl der einzige Portugiese auf dem Stuhl des Petrus. Wie Innozenz V. hatte auch der Arzt- und Apothekersohn Pedro Julião in Paris bei Albertus Magnus studiert. In Salerno und Palermo vertiefte er sein Medizinstudium und knüpfte Kontakte an den Hof Kaiser Friedrichs II. Ab 1247 lebte und lehrte er einige Jahre in Siena, wo er in einem Armenviertel wohnte.

Die Gegend inspirierte ihn wohl zu seinem bekanntesten Werk: dem „Thesaurus pauperum“ (Schatzkammer der Armen). Diese Rezeptsammlung war eigens für weniger Begüterte bestimmt. Zudem behandelte Pedro Juliao Themen wie vor allem Augenheilkunde und Chirurgie, aber auch Seelenlehre, Herzfunktionen, Schwangerschaft und Empfängnisverhütung. Etwas später ernannte ihn sein Vorgänger im Papstamt, Hadrian V., als dieser selbst noch Legat war, zu seinem Leibarzt. Von diesem Posten wiederum warb ihn sein Vorvorvorgänger auf dem Papstthron, Gregor X., als Hof- und Leibarzt ab. 1273 wurde Pedro Julião Erzbischof der nordportugiesischen Erzdiözese Braga.
 

Ein Arzt zur Heilung der Kirche

Am 8. September 1276 schließlich wählten die in Viterbo versammelten Kardinäle den 60-Jährigen zum Papst. Pedro Julião nannte sich Johannes XXI. Der Arzt an der Spitze der Kirche suchte das Verhältnis zwischen Philipp III. von Frankreich und Alfons X. von Kastilien zu heilen, ebenso jenes zur orthodoxen Kirche. Zudem förderte er in seiner kurzen Amtszeit von nur acht Monaten und zwölf Tagen Studienreformen an Universitäten und verfasste weiter medizinisch-naturwissenschaftliche Texte.

Zur Förderung des Wissens ließ er an den Papstpalast in Viterbo eine Bibliothek anbauen. Beim Bau war wohl gepfuscht worden: Am 14. Mai 1277 wurde Johannes XXI. in seiner Bibliothek von herabstürzendem Gemäuer des Palastes verschüttet. Sechs Tage später starb er an seinen Verletzungen und wurde, wie Hadrian V., in Viterbo beigesetzt. Am 25. November wählten die Kardinäle den römischen Adligen Giovanni Gaetano Orsini zum Papst. Als Nikolaus III. regierte dieser dann immerhin fast zwei Jahre und neun Monate. 

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