„Auch auf die Ungläubigen schauen“

Auferstehung konkret
Ausgabe Nr. 14
  • Theologie
Autor:
Markus Tiwald: „Die Frauen sind die Allereifrigsten gewesen.“
Markus Tiwald: „Die Frauen sind die Allereifrigsten gewesen.“ ©Stefan Kronthaler

Der sogenannte ungläubige Thomas, das leere Grab und die wichtige Rolle der Frauen als Zeuginnen der Auferstehung: der Wiener Neutestamentler Markus Tiwald über die aktuelle Botschaft von Ostern.

Auf die Frage, warum der sogenannte ungläubige Thomas handfeste Beweise braucht,  um glauben zu können, sagt Markus Tiwald, Universitätsprofessor für Neutestamentliche Bibelwissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien: „Heute sind wir dankbar, dass wir diesen ungläubigen Thomas haben, weil er die Argumente vorwegnimmt, die naturwissenschaftliches Denken dann später einwendet. Thomas sagt ja: Wenn ich den Auferstandenen nicht persönlich sehe, wenn ich meine Finger nicht in die Wundmale in seinen Hände und meine Hand nicht in die durchbohrte Seite legen kann, dann glaube ich nicht. Wenn ich das sozusagen nicht naturwissenschaftlich prüfen und beweisen kann, dann glaube ich nicht. Dann hat er eine Erscheinung vom Auferstandenen und ist gläubig, weil ihn der Herr in seinem Herzen berührt und damit auch anspricht. 

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Die Macht der Auferstehung

Paulus schreibt im ersten Korintherbrief (Kapitel 15): „Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos.“ Wie geht ein Theologe mit dieser gewaltigen Aussage Tag für Tag um?

Ja, es ist eine ganz gewaltige Aussage und ich finde es ganz gut, dass Paulus auch tatsächlich hier so wortgewaltig redet, denn es geht nicht nur darum zu sagen: Wir machen wissenschaftliche Theologie, sondern es geht auch um die Vermittlung des Glaubens. Was ist in existenzieller Art und Weise für den Menschen wichtig und von Bedeutung? Es ist eigentlich die Frage nach der Erlösung der Menschen. In der Psychotherapie redet man von der tragischen Trias, das ist das Leid der Menschen, das ist die Schuld der Menschen und das ist letztendlich der Tod. Und es gibt keinen einzigen Menschen, der an dieser tragischen Trias vorbeigehen könnte.

Wir alle müssen irgendwann einmal sterben.

Wir alle müssen im Leben leiden. Wir alle müssen irgendwann einmal sterben. Und in irgendeiner Art und Weise laden wir immer wieder auch Schuld auf uns. Und die Frage ist, gibt es etwas Tieferes, was den Menschen hier trägt, stützt und hält? Wo sozusagen auch das tiefste menschliche Scheitern noch einmal tiefer unterfasst und aufgefangen wird von einem liebenden und barmherzigen Gott. Und in der Auferstehung Jesu Christi sehen wir diesen Aspekt, dass Gott wirkt, dass Gott in die Welt eingreifen kann, dass Gott die Menschen berührt und dass jeder Einzelne von uns auch an dieser Botschaft der Auferstehung teilhat. So schreibt Paulus auch im Philipperbrief: „Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung soll mich prägen. So hoffe auch ich, zur Auferstehung der Toten zu gelangen.“

Auferstehung am dritten Tag

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang der „dritte Tag“?

Auferstanden am dritten Tag, so heißt es in der Bibel. Wenn man nachrechnet: Jesus ist am Karfreitag um drei Uhr gestorben, dann liegt er am Karsamstag im Grab. Das leere Grab wird dann am Ostersonntag in aller Herrgottsfrüh entdeckt. Das sind keine drei Tage, aber in der Antike wurden die Randtage mitgezählt, also Freitag, Samstag und Sonntag. Insofern kommen wir natürlich auch von der Chronologie auf drei Tage, aber der Hauptaussageschwerpunkt ist doch derjenige, dass in der hebräischen Bibel der dritte Tag als der Tag der Erlösung gilt. Am dritten Tag greift Gott ein und er rettet den Menschen, heißt es etwa im Buch Hosea, Kapitel 6: „Auf, lasst uns zum HERRN zurückkehren! Denn er hat gerissen, er wird uns auch heilen; er hat verwundet, er wird uns auch verbinden. Nach zwei Tagen gibt er uns das Leben zurück, am dritten Tag richtet er uns wieder auf und wir leben vor seinem Angesicht.“ Das sind sozusagen die biblischen Implikationen, auf die mit dem „dritten Tag“ angespielt wird. Gott selber ist es, der den Menschen hier erlöst und der für die Menschen sich einsetzt, damit wir leben können.

Auferstehung bedeutet nicht nur ein Leben nach dem Tod

Was ist nun der theologische Kern des Osterglaubens?

Die tragische Trias habe ich schon angesprochen, das Leid, die Schuld und der Tod der Menschen. Und damit wird auch schon klar: Auferstehung bedeutet nicht nur, dass es eine Auferstehung am Ende des menschlichen Lebens gibt, sondern es gibt nicht nur ein Leben nach dem Tod, sondern auch ein Leben schon vor dem Tod. Also die große Frage ist: Kann Gott den Menschen so berühren, dass wir Leben haben oder, um es mit dem Johannes-Evangelium zu sagen, Leben in Fülle besitzen? Und dieses Leben in Fülle soll das ganze Leben durchdringen. Es soll den Menschen neu bestimmen, es soll ihm eine neue Ausrichtung geben, in seinem Leben ein erfülltes Leben hier gestalten zu können. Das bedeutet Frieden mit meinem Herrgott, Frieden mit meinen Mitmenschen, aber auch Frieden mit mir selbst und meinen eigenen Zerrissenheiten.

Verkündigung der Auferstehung Jesu von den Toten

Hätte der Osterglaube in Jerusalem überhaupt bestehen können, wenn es ein Grab mit dem Leichnam Jesu gegeben hätte?

Ich glaube, dass das Grab Jesu wirklich leer gewesen ist, denn wir haben keinen einzigen historischen Zeugen dafür, dass der Leichnam Jesu im Grab gelegen wäre. Also ist es auch für diejenigen, die Gegner der Auferstehung Jesu sind, klar, dass das Grab leer gewesen ist. Allerdings sagen die Gegner dann, dass der Leichnam von seinen Jüngern gestohlen worden ist. Traditionell bilden in der jüdischen Anthropologie der Leib und die Seele eine Einheit. Das heißt, wenn man die Auferstehung Jesu gepredigt hätte und dann einen madenzerfressenen Leichnam hätte zeigen können, dann wäre das in unseren Quellen mit Sicherheit belegt gewesen und dann hätte man die Auferstehung Jesu von den Toten auch nicht in dieser Art und Weise verkündigen können.

„Die männlichen Jünger Jesu reagieren in einer sehr verschnupften Art und Weise.“

Jetzt gibt es allerdings im Hellenismus natürlich auch die Vorstellung der Unsterblichkeit der Seele. So etwa ist das Grab von Johannes dem Täufer bekannt, aber der Tetrarch Herodes sagt im Markus-Evangelium auch, dieser Jesus von Nazareth ist Johannes der Täufer, der von den Toten auferstanden ist. Also solche Vorstellungsmuster wären durchaus auch möglich gewesen. Aber weil wir es in unseren Quellen so nicht vorfinden, dass das Grab Jesu als Grab mit Leichnam gefüllt und bekannt gewesen ist, sondern alle Quellen auf die Leerheit des Grabes verweisen, müssen wir sagen, es ist historisch wahrscheinlich so gewesen.

Das leere Grab

Setzt der Osterglaube ein leeres Grab voraus oder warum ist das leere Grab letztlich doch kein Beweis?

Es ist tatsächlich kein Beweis für die Auferstehung, denn das leere Grab schafft am Anfang viel mehr Verwirrung, als es für Klarheit sorgt. Denn die Jünger glauben nicht aufgrund des leeren Grabes an die Auferstehung Jesus, sondern sie glauben durch die Begegnung mit dem Auferstandenen selber. Die Erscheinung des Auferstandenen vor den Jüngern, die führt letztendlich zum Umschwung. Das leere Grab verunsichert am Anfang die Jünger. Das leere Grab ist tatsächlich nicht der Beweis für die Auferstehung. Einen Beweis für die Auferstehung können wir im naturwissenschaftlichen Sinne auch gar nicht erbringen, denn die Auferstehung von den Toten lässt sich nicht beweisen. Es ist eine Frage des Glaubens. Aber das Wichtige ist ja eigentlich die persönliche Begegnung der Menschen mit ihrem Gott. Und das ist tatsächlich die Geschichte der Auferstehungsbegegnungen, der Auferstehungserscheinungen, wie wir sie von Maria von Magdala, von Petrus, von Paulus, von den anderen Jüngern auch haben, die hier eigentlich erst ihre Angst abgelegt haben und zu korrigierten Zeugen für die Auferstehung Jesu geworden sind.

Die Frauen aus Galiläa

Stichwort Begegnungen. Welche Aufgaben haben dabei die Frauen aus Galiläa, die das leere Grab vorfinden, wo doch ihr Zeugnis im jüdischen Kontext wenig bis nichts galt?

Ja, Frauen galten im damaligen Judentum als nicht befähigt, ein gültiges Zeugnis abzugeben. Deswegen reagieren die männlichen Jünger auch in einer sehr verschnupften Art und Weise. Das Geschwätz von den Frauen, das hat uns hier beunruhigt, sozusagen nach dem Motto: Die sind ja nur hysterisch, die sind ja nur aufgeregt. Aber das Schöne ist, dass Gott hier eine ganz andere Logik hat. Gott legt das Zeugnis seiner Auferstehung zunächst in die Hände von Frauen. Maria von Magdala ist der erste Mensch gewesen, dem der auferstandene Herr erschienen ist. Und das ist ein wichtiges Zeugnis, das wir nicht vergessen dürfen. Tatsächlich, muss man sagen, sind die Frauen natürlich auch die Allereifrigsten gewesen. Das Markus-Evangelium berichtet, dass alle männlichen Jünger geflohen sind, aber Maria von Magdala nicht. Sie ist dort geblieben ist und war auch bei dem Begräbnis Jesu dabei. Also sie war wirklich diejenige, die hier später in der Kirchengeschichte als Apostola Apostolorum bezeichnet wird, als Apostelin, die die anderen Apostel erst mit der Osterbotschaft so richtig zu Aposteln macht.

Warum erwähnen die Evangelisten trotzdem die Frauen Jahrzehnte nach der Auferstehung in ihren Evangelien und Paulus zuvor etwa im ersten Korintherbrief nur männliche Zeugen?

Paulus erwähnt tatsächlich im ersten Korintherbrief nur die männlichen Zeugen, weil eben nur die männlichen Zeugen als gültige Zeugnisgeber hier gegolten haben. Aber warum werden die Frauen trotzdem erwähnt? Weil es historisch so gewesen ist. Das ist tatsächlich der historische Sachverhalt, den wir hier festhalten können. Gott hat das Werk seiner Auferstehung, die Bezeugung seiner Auferstehung in die Hände von Frauen gelegt.

Das Wissen, dass das Leben stärker ist als der Tod

Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten, heißt es im Lukas-Evangelium. Wie geht die Ostergeschichte also weiter bis heute?

Es ist das tiefe Wissen, dass das Leben stärker ist als der Tod und dass Gott den Menschen so berührt, dass der Mensch ein Leben schon vor dem Tod hat, aber dass Gott in der Treue zu uns Menschen auch dafür sorgt, dass auch nach unserem Tod eine Zukunft und ein Weiterleben möglich ist.

Vom Zweifel begleitet

Der Osterglaube ist schon bei den Aposteln von Zweifel begleitet. Wie finden heute Zweifler Zugang zu diesem Grundgeheimnis des Christentums?

Zunächst ist es einmal eine Gnade, wenn man glauben kann. Der Glaube ist tatsächlich eine Ressource, so wird es in der modernen Psychotherapie bezeichnet, eine Ressource, also etwas, was trägt und was stützt in der menschlichen Psyche. Ich kann den Glauben aber nicht machen. Wer nicht glauben kann, dem fehlt sozusagen das Ganze. Es gibt hier die schöne Rede von religiös und musikalisch. Also manche haben ein musikalisches Gehör und manche haben ein religiöses Gehör und manche haben das nicht. Man ist glücklich, wenn man so etwas besitzen kann, weil es den Menschen trägt und stützt. Deswegen sollte man Glaube auch nie mit Gewalt einfordern, weil das ist das Schlechteste, was man tun kann. Man kann aber auf Menschen zugehen und kann versuchen, Menschen auch eine Geborgenheit, eine emotionale Heimat zu bieten, so wie das die Jünger und Jesus selber ja auch mit dem ungläubigen Thomas gemacht haben.

Thomas will handfeste Beweise für die Auferstehung

Stichwort Thomas: Warum braucht der sogenannte  ungläubige Thomas fast handfeste Beweise, um glauben zu können?

Heute sind wir dankbar, dass wir diesen ungläubigen Thomas haben, weil er die Argumente vorwegnimmt, die naturwissenschaftliches Denken dann später einwendet. Thomas sagt ja: Wenn ich den Auferstandenen nicht persönlich sehe, wenn ich meine Finger nicht in die Wundmale in seine Hände und meine Hand nicht in die durchbohrte Seite legen kann, dann glaube ich nicht. Wenn ich das sozusagen nicht naturwissenschaftlich prüfen und beweisen kann, dann glaube ich nicht. Dann hat er eine Erscheinung vom Auferstandenen und ist gläubig, weil ihn der Herr in seinem Herzen berührt und damit auch anspricht. Und das Schöne ist, dass die Jünger vom ungläubigen Thomas nicht den Glauben gefordert haben, dass sie ihn nicht verstoßen haben, dass sie nicht gesagt haben: Wenn du jetzt nicht glaubst, dann kannst du nicht mehr zu uns gehören. Sondern sie bieten auch dem Ungläubigen eine Heimat, sie bieten auch dem Ungläubigen eine Möglichkeit, mit dabei zu sein. Ich glaube, das ist die große Aufgabe auch der Kirche, nicht nur auf die Gläubigen zu schauen, sondern auch auf die Ungläubigen. Eine Möglichkeit, eine Heimat, ein Angesprochensein zu bieten. So hat es Papst Franziskus gesagt, dass die Kirche auch an die Ränder gehen muss und den Menschen, die zweifeln, die unsicher sind, die auf der Suche sind, eine Perspektive anzubieten.

Was bedeutet Ihnen Ostern persönlich?

Der Theologe Tertullian schreibt um 200 nach Christus: „Fiducia Christianorum resurrectio mortuorum est; illam credentes sumus“ – Die Auferstehung der Toten ist der Glaube der Christen. Nur indem wir dies glauben, haben wir Bestand. Das ist die tiefe Trostbotschaft, dass auch mein eigenes Scheitern, mein eigenes Leid, mein eigener Tod, durch einen liebenden und barmherzigen Gott noch einmal je tiefer unterfasst, aufgefangen und geborgen wird und zu einer Vollendung und einem neuen Leben bei Gott führt.

Emmausgang zu Ostern

Machen Sie zu Ostern auch einen Emmausgang?

Ja, sehr gern und regelmäßig, denn ich bin ein großer Wanderer. Ich weiß aber noch nicht, wohin mich dieses Jahr der Emmausgang führen wird. Aber es ist natürlich ein wunderschönes Zeichen, dass die Auferstehung auch in der Natur dann stattfindet und dass sozusagen die ganze Natur blüht. Und dass man da innerlich berührt ist. Beim Emmausgang ist es ja so in der Bibel, dass Jesus zu diesen Emmausjüngern hinzutritt, die eigentlich verzweifelt sind, die aus ihrem eigenen Leben flüchten, weil mit dem Tod Jesu alles zerbrochen ist. Und dann zu wissen, in meinem Leben geht jemand mit mir und steht mir zur Seite und bricht mir das Brot, wie es dann Jesus mit den Emmausjüngern tut. Dieses Brot des Lebens zu brechen und zu teilen, liebe Menschen zu haben, die an meiner Seite stehen, das, glaube ich, ist etwas Großes und Wertvolles.

©David Kassl

Zum Nachhören: Markus Tiwald


Mehr vom Wiener Neutestamentler Markus Tiwald hören Sie im Podcast zur Reihe „Perspektiven“: ▶ radioklassik.at

Autor:
  • Stefan Kronthaler
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