Der Engel und der Erzbischof
Prüller
Unser alter Erzbischof, Kardinal Schönborn, hielt sehr darauf, dass täglich um zwölf Uhr mittags der „Angelus“ gebetet wurde. Auch Sitzungen wurden dafür unterbrochen. Dieser „Engel des Herrn“ ist eine alte Gebetstradition der Kirche: drei Ave Maria, eingeleitet von drei Betrachtungstexten und beendet durch eine Bitte um Erlösung. Als Josef Grünwidl vor einem Jahr die Administration der Diözese übernahm, hat er diese über viele Generationen zurückreichende Tradition weitergeführt.
Der Engel des Herrn
Als er ein junger Priester war – so hat er den Mitgliedern des Bischofsrates erzählt – da sei ihm dieses Gebet furchtbar „altvaterisch“ vorgekommen. Aber mit der Zeit habe er es lieben gelernt. Die drei Einleitungen zu den Ave Marias – „Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft [...]“, „Maria sprach: [...] Mir geschehe nach deinem Wort!“, „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ –, die zeigten doch genau, wie es eben ist: Gott macht den Anfang, lädt ein. Der Mensch antwortet und lässt sich in Dienst nehmen. Und so wird Gott Wirklichkeit in der Welt.
Vielleicht bin ich ein altmodischer Mensch. Aber wenig hat mir so viel Zuversicht für das nächste, eben aufgeschlagene Kapitel der Kirche in unserer Erzdiözese gegeben wie diese kurze Randbemerkung unseres nunmehrigen Bischofs. Einer, der das Alte nicht bloß aufgrund des Alters hochhält, der aber auch nicht leichtfertig über Bord wirft, was werthaltig sein könnte. Und der aus der Mitte der Verkündigung heraus Christ ist. So wie der Angelus an seinem Ende das Spezifische am Christsein zusammenfasst: die Gnadengaben Gottes als Grundlage, unser gleichzeitig forderndes und stärkendes Hineingenommensein in Christi Leid und Tod – und unsere Hoffnung auf die „Herrlichkeit der Auferstehung“.